Die vergessenen Frauen von Stift Klosterneuburg

Klosterneuburg
Ausgabe Nr. 21
  • Wien und Niederösterreich
Autor:
Das Frauenkloster der Chorfrauen im 13. Jahrhundert
Chance auf Bildung: Zur Blütezeit des Frauenklosters im Stift Klosterneuburg im 13. Jahrhundert wollten so viele Frauen eintreten. ©Stift Klosterneuburg, W. Hanzmann
Krummstab der Äbtissin Anna Margaretha Dorn.
Krummstab der Äbtissin Anna Margaretha Dorn von St. Marienstern (Leihgabe). ©Stift Klosterneuburg, W. Hanzmann
Nikolaus von Dinkelsbühl predigt vor den Klosterneuburger Chorfrauen (Handschrift CCl 48, 1r). ©Stift Klosterneuburg, W. Hanzmann
Handschrift mit Hymnen der Chorfrauen aus der Stiftsbibliothek mit besonderer Notation. ©Stift Klosterneuburg, W. Hanzmann

Einst waren sie eine hochangesehene Institution, dann gerieten sie in Vergessenheit: Eine Schau gibt Einblicke in die Geheimnisse rund um die vergessenen Chorfrauen von Stift Klosterneuburg.

Die Jahresausstellung in Stift Klosterneuburg widmet sich einer vergessenen Institution: dem Augustiner-Chorfrauenstift Klosterneuburg. Die Geschichte dieses Klosters, die Frauen, die dort lebten, ihre Aufgaben, ihr Alltag und ihre Feste sind zentrale Themen der Schau. Die Wiederentdeckung der vergessenen Chorfrauen gewährt faszinierende Einblicke ihr Leben. 

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Sie saßen ihm zu Füßen und lauschten aufmerksam seinen Worten. Oben auf der Kanzel stand kein Geringerer als Magister theologicus Nikolaus von Dinkelsbühl (1360–1433), der Dekan der Wiener Universität. Er war Berater von Herzog Albrecht V. von Habsburg und dessen Vertreter auf dem Konzil von Trient. Nikolaus schuf die Grundlagen einer umfassenden Klosterreform in Österreich (Melker Klosterreform). Dass Ordensfrauen von so hochrangingen Gelehrten unterrichtet wurden, war im Mittelalter keineswegs selbstverständlich.

Der Unterricht im Stift Klosterneuburg

Dokumentiert ist der Unterricht an Augustiner-Chorfrauen in einer mittelalterlichen Handschrift, die derzeit in der Ausstellung „Wir Schwestern“ im Stift Klosterneuburg zu sehen ist. Die Handschrift aus Pergament und Papier von 1440 enthält Predigten des Nikolaus von Dinkelsbühl, die zum Teil direkt an die im Stift Klosterneuburg lebenden Chorfrauen adressiert waren. Eine kunstvoll gemalte Initiale am Beginn des Textes (siehe Bild oben) zeigt wie Nikolaus den ihm aufmerksam zuhörenden Chorfrauen predigt. 

Chorfrauen von Stift Klosterneuburg

Dass im Stift Klosterneuburg einst nicht nur Ordensmänner, sondern auch Ordensfrauen, die Augustiner-Chorfrauen, lebten, war bisher kaum bekannt. Die aktuelle Jahresausstellung im Stift erinnert an die fast vergessenen Schwestern und macht deutlich: Im Mittelalter war das Klosterneuburger Stift ein Doppelkloster, bestehend aus einem Männer- und einem Frauenkloster, die nebeneinander lagen. Noch heute finden sich viele Spuren davon, darunter vor allem Handschriften aus der Stiftstbibliothek. 

Leben im Doppelkloster

Die Gemeinschaft der Augustiner-Chorfrauen, bestand von 1133 an bis 1568 und erreichte in dieser Zeit einen gesellschaftlich beachtlichen Stellenwert. Die Ausstellung „Wir Schwestern – die vergessenen Chorfrauen von Klosterneuburg“ beleuchtet die weithin vergessene Geschichte der Ordensfrauen, ihres Stiftes und ihre Aufgaben, ebenso ihren Alltag, ihre Feste sowie ihren Stellenwert in der Klosterneuburger Gesellschaft.

Im Jahr 1133 wurde das Kloster von Markgraf Leopold III. und seiner Frau Agnes den Augustiner-Chorherren übergeben und wurde, wie damals üblich, zu einem Doppelkloster. Der Propst der Männergemeinschaft leitete sowohl den Männer- als auch den Frauenkonvent. Die Augustiner-Chorfrauen hatten enge Verbindungen zu den Stifterkreisen und dem Herrscherhaus.

Neben jungen Mädchen und Frauen traten auch adelige Witwen der Gemeinschaft bei. Ehefrauen lebten zeitweise im Konvent, wenn ihre Männer abwesend waren. Die Chorfrauen waren auch für die Mädchenbildung in Klosterneuburg verantwortlich.

Stift Klosterneuburg: Die letzte der Chorfrauen

Die Augustiner-Chorfrauen von Klosterneuburg wurden von einer Meisterin geleitet. Die Ordensfrauen besaßen eigene Weinberge, die sie selbst bewirtschafteten, und verfügten über eine Badestube, ein Spital und auch eine Schule für Mädchen. Das Frauenkloster genoss hohes Ansehen, und einige der Chorfrauen kamen aus hochadeligen Familien. Im 13. Jahrhundert, zur Blütezeit des Frauenklosters, traten so viele Frauen dem Orden bei, dass sogar ein zweites Haus, St. Jakob, in der unteren Stadt gegründet wurde. Gegen Ende des Mittelalters nahm der Zustrom stark ab. 1568 starb die letzte Chorfrau, und das Kloster wurde aufgelöst. 1722 wurde auch die Kirche der Chorfrauen entweiht, ihr Turm und einige der Konventsgebäude wurden abgerissen. Das ehemalige Kirchenschiff steht noch heute auf dem Stiftsplatz und wird vom Weingut des Stiftes als Presshaus genutzt.

Die aktuelle Ausstellung fasst die Forschungen eines wissenschaftlichen Teams zusammen, dass in den letzten Jahren vor allem die Stiftsbibliothek nach Dokumenten zu den Augustiner-Chorfrauen in Klosterneuburg durchforstete. Über die mehrjährigen wissenschaftlichen Recherchearbeiten informierten die Kuratorinnen der Ausstellung, Eva Schlotheuber, Christina Jackel, sowie Kurator Jeffrey F. Hamburger bei der Eröffnung. 

Chance auf Bildung

„Eigentlich war das ein sehr attraktives Leben, denn man muss sich vorstellen, dass das weltliche Leben für Frauen auch relativ schwierig sein konnte. Man heiratete nicht aus Liebe, sondern wurde verheiratet, vor allem in den höheren Schichten, und es war natürlich ein sehr arbeitsreiches Leben“, erzählte die Co-Kuratorin Eva Schlotheuber noe.ORF.at. „Das Kloster gab ihnen die große Chance auf Bildung und zu reflektieren, es war für die Frauen ein relativ autonomer Raum, den sie nach innen für sich gestalten konnten.“

Im Zentrum des Lebens als Augustiner-Chorfrau standen die Liturgie und der gemeinsame Gesang. „Die Gesänge sind sehr anspruchsvoll und auch wunderschön und da musste man natürlich die Notation lernen, das Latein und was die Gesänge bedeuten in der Kommunikation mit Gott“, sagt Co-Kuratorin Schlotheuber. In der Ausstellung sind die Gesänge der „vergessenen“ Augustiner-Chorfrauen zu hören, darunter Festgesänge und ein nächtliches Stundengebet zum Fest der Heiligen Maria Magdalena. Sehens- und hörenswert! 

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Autor:
  • Portraitfoto von Agathe Lauber-Gansterer
    Agathe Lauber-Gansterer
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