Chor der Zuversicht
Gedanken des Alten Steffl – Teil 8
Der letzte Sommer hatte es wieder in sich. Wie schon in den vergangenen Jahren plagte nicht nur mich die große Hitze, sondern auch alle, die sich zu meinen Füßen am schattenlosen Stephansplatz tummelten. Wie mir berichtet wurde, muss man sich wohl darauf einstellen, dass die sommerlichen Monate in unserer schönen Stadt immer mehr zu Tropenmonaten werden und man schwer Abkühlung finden kann. Bei mir in lichten Höhen weht zumindest immer ein leichtes Lüfterl. Das macht es mir etwas erträglicher. Den ersehnten Ventilator, den ich mir von den Verantwortlichen des Domes gewünscht habe, hat leider Gottes das Bundesdenkmalamt nicht genehmigt. Ich kann das schon verstehen. Würde ja auch komisch ausschauen. Wie dem auch sei, früher ging man in die Kirchen, um sich abzukühlen.
Zuversicht trotz Hitze
Wer in der heurigen Urlaubszeit den Stephansdom besucht hat, der musste feststellen, dass sich der Innenraum sehr aufgeheizt hatte und man keine Abkühlung finden konnte. Das hat mehrere Ursachen: Zum einen hängt es mit dem immer größer werdenden Besucheraufkommen zusammen. Schon längst wurden die Besucherzahlen von vor Corona erreicht. Immer deutlicher wird, dass Dompastoral in Zukunft vor allem auch – neben der klassischen Seelsorge – Touristenpastoral bedeuten wird.
Eine weitere Ursache für die Hitze im Kirchenraum sind natürlich die riesigen gotischen Fenster, deren Scheiben das Sonnenlicht und die Hitze des Tages in das Innere lassen. Und schließlich ist eine Vorsichtsmaßnahme auch noch schuld: Nach dem Dombrand 1945 hat man aus Sicherheitsgründen eine Flachbetondecke über dem Gewölbe des Domes eingezogen. Diese Brandbarriere soll im Falle eines Falles – und Gott möge ihn verhüten – die Kathedrale vor Brandschäden schützen. Aber durch diese Maßnahme findet keine Luftzirkulation, kein Luftaustausch mehr durch die vielen Öffnungen im Kirchengewölbe statt. Diese waren übrigens auch für die Akustik von großer Wichtigkeit.

Termintipp: Buchpräsentation
Der alte Steffl lädt zur Buchpräsentation ein!
- Wann: 25.09.2025, 19:00 Uhr
- Wo: Stephansdom - Stephansdom 1, 1010 Wien
Einlass ab 18:30 Uhr durch das Primglöckleintor (direkt unter dem alten Steffl).
Programm:
- Lesung & Podiumsgespräch
- Musikalische Begleitung durch Domorganist Ernst Wallny
Ausklang & Signierstunge: Anschließend bei Brot und Wein im Stephanisaal, Curhaus (Stephansplatz 3).
Um Anmeldung wird gebeten bis spätestens 18.09.2025: anmeldung@domverlag.at
Zuversicht und Herausforderungen für den Dom
Der vom Menschen verursachte Klimawandel macht auch vor den Mauern des Stephansdomes nicht halt. Auf der Nordseite, die gerade (Anm.: im Sommer 2024) ein „Facelifting“ erhält (ja, ich spreche auch Neudeutsch!) und an meinem kleinen Bruder, dem Nordturm, beobachteten die aufmerksamen Freunde der Dombauhütte, dass sich ein Moos- und Flechtenbewuchs ausbreitet und am hohen Dach Pflanzen sprießen. Das hängt mit der zunehmenden Feuchtigkeit und dem vermehrt schwülen Wetter zusammen. Gut, dass in einem vereinten Europa der Austausch unter den Bauhütten – wie es schon im Mittelalter passierte – ungehindert möglich ist. Bei meiner lieben Verwandten, der Hohen Domkirche zu Köln, gibt es die Herausforderung des Moos- und Flechtenbefalls schon länger.
Der europäische Gedanke
So kann man sich von dort Anregungen zur Beseitigung holen und auch die Fachleute der Universität für Bodenkultur in Wien beraten die Mitarbeiter der hiesigen Dombauhütte. So zeigt sich wieder einmal, dass der Dom – und mit ihm Ihr Alter Steffl – ein Musterbeispiel für länder- und fachspezifisch übergreifendes Forschen ist. Der europäische Gedanke, der sich schon vor längst vergangenen Zeiten im gar nicht so finsteren Mittelalter in den Dombaustellen manifestieren konnte, prägt das Geschehen am Wiener Stephansdom auch heute.
Zuversicht trotz schweren Zeiten
Und noch eine Beobachtung und einen Gedanken möchte ich Ihnen mitgeben. Während der fast unerträglichen Hitzewelle im August letzen Jahres hörte ich plötzlich Gesänge aus hunderten Kehlen, die an mein steinernes Ohr drangen. Nein, es waren keine gregorianischen Choräle und auch nicht die Stimmen des fantastischen Domchores. Es waren die sogenannten „Swifties“, die da gesungen haben. Zuerst waren sie nur eine Handvoll, dann Tausende, die drei Tage lang zu meinen Füßen und auf anderen Plätzen der Stadt die Lieder der amerikanischen Sängerin Taylor Swift gesungen haben. Es war ihr Ausdruck der Unverdrossenheit und der Lebensfreude angesichts der Absage der drei Konzerte ihrer Pop-Ikone aufgrund akuter Terrorgefahr. So lange auf diese Weise die Sehnsucht für ein friedvolles und respektvolles Miteinander zum Ausdruck gebracht wird, ja dann ist noch nicht alles verloren. Bleiben wir daher zuversichtlich!

Mit einem herzlichen „Grüß Gott“,

Seien Sie gegrüßt! - Teil 8/8
Gedanken aus 23 Jahren, vormals abgedruckt im Pfarrblatt der Dompfarre zu Sankt Stephan.
Können Steine sprechen? Der Alte Steffl kann! In der Serie „Und schaut der Steffl lächelnd auf uns nieder …!“ im Pfarrblatt von Sankt Stephan tut er seit über 20 Jahren seine Meinung kund: einmal augenzwinkernd und verschmitzt, einmal nachdenklich und mit Sorge, jedoch stets respektvoll und mit Herz. Aus höherer Perspektive und mit seiner jahrhundertelangen Lebenserfahrung kommentiert der Steffl – wie der Südturm des Stephansdoms von den Wienern gerne auch bezeichnet wird – das aktuelle Geschehen auf dem Stephansplatz und in der Welt um ihn herum.
Wie die Gedanken des steinernen Zeugen konkret zu Worten werden, enthüllt Domarchivar Reinhard H. Gruber in seinem neuen Buch mit einem „Best-of“ der beliebten Beiträge.
Bereichert werden die Texte durch eindrucksvolle Fotos, die verborgene Details der Domkirche zeigen und ungewohnte Perspektiven eröffnen.

Zum Autor:
Reinhard H. Gruber ist Domarchivar zu Sankt Stephan in Wien.

Buchtipp:
Reinhard H. Gruber, Seien Sie gegrüßt! Gedanken des Alten Steffl, ISBN: 978-3-85351-336-1, 144 Seiten, EUR 30,00 erhältlich ab 23. 7. 2025
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