Der Prophet Jona

Der gnädige Gott und sein störrischer Bote
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Ein Gemälde zeigt Prophet Jona und einen Wal
Ein Gemälde zeigt Prophet Jona und einen Wal ©Markus Langer; akg-images/picturedesk.com

Das Buch Jona ist eine der beliebtesten und bekanntesten Geschichten im Alten Testament. Die kleine Erzählung über einen Propheten ist so einfach, dass Kinder sie schon verstehen, und so tiefgründig, dass sich Experten darüber immer weiter den Kopf zerbrechen können. Das Hauptthema des Buches ist die Barmherzigkeit Gottes.

Jona ist ein sehr ungewöhnlicher Prophet. Er verhält sich ganz und gar nicht so, wie sich Propheten benehmen sollten. „Das schildert das Buch mit viel Humor und fast wie ein Märchen“, sagt die Bibelexpertin Elisabeth Birnbaum. „Aber die Grundfrage, die in dem Buch gestellt wird, ist trotzdem sehr ernst und bleibend aktuell.“

Expertin Elisabeth Birnbaumist Direktorin des Österreichischen Katholischen Bibelwerkes

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Warum flieht Jona vor Gottes Auftrag? Warum ist er so engstirnig und verhält sich wie ein trotziges Kind?

Elisabeth Birnbaum: Offenkundig möchte Jona den Auftrag nicht ausführen. Deshalb versucht er sogar bis ans andere Ende der Welt zu fliehen. Statt nach Ninive im Osten begibt er sich auf ein Schiff, das nach Tarschisch, also nach Westen, fährt.

Mit Engstirnigkeit hat das wenig zu tun. Man muss bedenken, dass Ninive nicht irgendeine Stadt ist, sondern die Hauptstadt des assyrischen Reiches. Die Assyrer haben das Nordreich Israel erobert, die Bevölkerung deportiert und unsagbares Leid über das Land gebracht. Sie sind die größte Bedrohung Israels zu ihrer Zeit. Gleichzeitig weiß Jona, dass Gott barmherzig ist. Er fürchtet also zurecht, dass Gott sogar diesem „bösen“ Ninive verzeihen wird. Und damit besteht die Bedrohung durch die Assyrer weiter. Einer grausamen Großmacht die Verzeihung Gottes zu gönnen, ist, denke ich, nicht leicht. Auch wenn sich Jona wie ein trotziges Kind benimmt, ist sein Zorn irgendwie auch verständlich. Zumindest stellt es uns vor die Frage, wie wir in dieser Situation handeln würden.

Wie findet Jona zu Gott zurück?

Elisabeth Birnbaum: Zunächst einmal lässt Gott einen großen Sturm aufkommen und das Schiff gerät in Seenot. Jona erkennt, dass er daran schuld ist und lässt sich über Bord werfen. Doch Gott rettet ihn, zunächst durch einen großen Fisch, der ihn schluckt. Das bewirkt ein Umdenken in Jona. Beim zweiten Mal folgt er der Aufforderung Gottes und geht nach Ninive.

Welche Parallelen gibt es zwischen Jona und Jesus und was ist der wesentliche Unterschied?

Elisabeth Birnbaum: Die drei Tage, die Jona im großen Fisch verbringt, werden im Matthäusevangelium mit Tod und Auferstehung Jesu in Verbindung gebracht. So wie Jona drei Tage im Fisch bleibt, wird Jesus drei Tage im Tod bleiben. In beiden Fällen handelt es sich um einen vorläufigen Aufenthaltsort, der nicht das Ende ist. Der große Unterschied ist, dass die Bewohner Ninives auf Jona gehört haben – und das, obwohl Ninive als das Böse schlechthin galt! –, die Zeitgenossen Jesu aber nicht auf die Botschaft Jesu hören. Damit stellt Jesus seine Zeitgenossen ein schlechtes Zeugnis aus. Sie sind verstockter als die „bösen“ Niniviten!

Wie reagieren die Bewohner Ninives und ihr König auf Gottes Gerichtsandrohung? Auffällig beim Lesen dieses biblischen Buches ist, dass bei dem Akt des Fastens und der Buße nicht nur die gesamte menschliche Bevölkerung von Ninive beteiligt ist, sondern auch die Tiere.

Elisabeth Birnbaum: Sie reagieren mit Reue, die so umfassend und spontan ist, dass es fast schon komisch ist. Jona hat nur ein Drittel der Stadt aufgesucht und nur das unbedingt Nötige gesagt. Trotzdem werfen sich, vom König angefangen, alle Einwohner sofort in Sack und Asche. Und das, wie gesagt, tut eine Stadt, die als die böseste der Welt gilt!

Wenn Jona diese Reue fast nicht glauben kann, ist ihm das eigentlich nicht zu verdenken. Dass dann sogar die Tiere in Sack und Asche gehen und fasten müssen, ist eines der vielen Elemente des Buches, die ich als „augen- zwinkernd überzeichnend“ charakterisieren würde. Es gibt in dem Buch eine „große Stadt“, einen „großen Sturm“, einen „großen Fisch“ usw. Und auch die Reue der Bevölkerung wird in diesem übertreibenden Stil gezeigt: Die Niniviten überschlagen sich geradezu in ihren Bemühungen, während Jona nur das Nötigste tut.

Aus welchem Grunde errettet Gott die Stadt Ninive?

Elisabeth Birnbaum: Aus Barmherzigkeit. Die Stadt hätte in der Logik des Buches den Untergang mehr als verdient.

Aber Gott verschont sie, weil er ein gnädiger und barmherziger Gott ist.

Weshalb ist Jona zornig auf Gott?

Elisabeth Birnbaum: Weil Gott Ninive verschont. Warum ihn das so zornig macht, dafür werden unterschiedliche Gründe genannt. Manche unterstellen ihm Angst um seinen guten Ruf als Prophet – seine Prophezeiung ist ja durch Gottes Barmherzigkeit nicht in Erfüllung gegangen. Er habe sich also blamiert. Manche gehen noch weiter und werfen ihm prinzipiell Neid oder Missgunst vor. Ich glaube das nicht. Ich glaube, Jona fürchtet einfach für sein Volk: Durch Gottes Barmherzigkeit bleibt Ninive ja verschont und kann weiterhin Israel bedrohen und unterdrücken. Die Israeliten sind also durch Gottes Barmherzigkeit weiterhin ihrem ärgsten Feind ausgeliefert. Denn an eine nachhaltige Reue der bösesten Macht der Welt kann er nicht glauben.

Wie zeigt sich Gott den Menschen in der Geschichte von dem Propheten Jona?

Elisabeth Birnbaum: Er erweist sich als äußerst geduldiger Gott, der die Menschen nicht vor vollendete Tatsachen stellt, sondern um ihre Einsicht ringt. Er hat mit Jona Geduld und er hat mit den Niniviten Geduld. Und er bemüht sich darum, dass Jona sein Verhalten überdenkt und Handeln Gottes versteht. Ein äußerst liebevoller Gott, der auf Augenhöhe mit seinem Propheten spricht.

Warum ist Gott barmherzig und lässt Gnade vor Recht ergehen?

Elisabeth Birnbaum: Im Jonabuch deshalb, weil Gott Mitleid hat mit den vielen Menschen und Tieren, die nicht alle gleichermaßen schuldig sind. Interessant ist auch der Hinweis, dass es darunter viele Menschen gibt, die Gut und Böse (rechts und links) nicht unterscheiden können, also das Problem der Schuldfähigkeit.

Warum endet das Buch von Prophet Jona mit einer Frage?

Elisabeth Birnbaum: Weil es uns in die Frage einbeziehen will. Die Frage richtet sich an uns: Wollen wir einen barmherzigen Gott, auch wenn diese Barmherzigkeit Menschen zugutekommt, die uns bedrohen?

Welche Antwort gibt es auf Gottes Frage an Jona?

Elisabeth Birnbaum: Ein „Ja, doch!“ oder ein „Nein, sie haben es nicht verdient.“ Natürlich ist die erste Antwort die angemessene. Aber wenn wir ehrlich sind, gibt es wohl auch Zeiten, wo wir lieber „Nein“ sagen würden.

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  • Porträtfoto von Markus Langer
    Markus A. Langer
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