Trauer: Wie der Tod das Leben verändert

Dominik Kaiser
Ausgabe Nr. 40
  • Meinung
Autor:
Mit ihrer Zuversicht hat Gerlinde bis zum Schluss beeindruckt. ©Michael Kobler
Gerlinde und Dominik. ©privat

Dominik Kaisers Leben nahm eine drastische Wendung, als seine Frau Gerlinde dem Krebs erlag. Ein Jahr danach beginnt der Wiener Apotheker, aus dem Schatten der Trauer zu treten. Seine Reflektion über Glaube, Verlust und Neuanfang berührt.

Im Juli jährte sich der Todestag von Dominiks Frau Gerlinde das erste Mal.

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Dominik, du bist seit über einem Jahr Witwer. Wie geht es dir zurzeit?

Ich merke seit ungefähr vier Monaten, dass es mir besser geht. Die Trägheit und Melancholie, die ich hatte, sind weggegangen, mehr Leichtigkeit ist da. Nach vielen Monaten des Rückzugs versuche ich, wieder mehr unter Leute zu gehen.

Weg aus der Öffentlichkeit warst du ohnehin nie. Du bist Inhaber einer der größten Apotheken Wiens. Wie bist du in der Zeit der Krankheit und nach dem Tod von Gerlinde mit dieser großen unternehmerischen Verantwortung umgegangen?

Als Gerlinde krank war, war es schwer, die Balance zu finden zwischen der notwendigen Unterstützung für meine Frau und der Verantwortung für meine Kunden und Mitarbeiter. Als sich abgezeichnet hat, dass sie heimgehen würde, und nach ihrem Tod kam es bei mir zu einem extremen Prioritätenwechsel. Ich habe mich gefragt, was ich auf dieser Welt eigentlich noch mache, was das hier alles überhaupt noch bringt. Irgendwann wurde mir klar, dass ich die Verantwortung für mein Leben wieder in die Hand nehmen muss. Es wäre nicht im Sinne des Schöpfers, einfach alles liegen und stehen zu lassen.

Eure Familien, viele Freunde und Bekannte haben jahrelang mit euch gehofft, dass Gerlinde wieder gesund wird und viel gebetet.

Das war uns immer eine große Bestärkung. Für mich war und ist das heute noch ein Auffangnetz. Ich wusste immer, dass ich nicht allein bin, wenn es mir nicht so gut ging. Niemand hat mich als ‚Armutschkerl‘ behandelt, sondern so viele haben mich und uns mitgetragen.

Ihr habt Gott um Heilung gebeten. Es ist anders gekommen. War das Gebet umsonst?

Gar nicht. Mir ist kurz nach Gerlindes Tod das Bibelwort des Weizenkorns, das in die Erde fällt und stirbt, sehr nahegegangen. Statt ‚Weizenkorn‘ setze ich ‚Gerlinde‘ ein. Gerlinde wollte sich immer mit ihren Kräften für das Reich Gottes einsetzen. So wie sie sich das gewünscht hat, ist es ihr nicht geschenkt worden, aber so viele Menschen sind durch ihr Zeugnis berührt worden.

„Ich habe nie den Glauben daran über Bord geworfen, dass Gott einen guten Plan hat.“

Dominik Kaiser

Hat sich dein Glaube durch Gerlindes Krankheit und Tod verändert?

Ja, massiv. Von einem oberflächlichen Glauben hin zu einem Glauben, der auch in der Katastrophe nicht zerbricht. Ich habe auch mit Gott gehadert, ihn gefragt ‚Hallo? Was soll das jetzt?‘, aber ich habe nie den Glauben daran über Bord geworfen, dass Gott einen guten Plan hat. Auch wenn ich es aus menschlicher Sicht nicht verstehen kann. Wir beten im Vaterunser ‚Dein Wille geschehe‘, und so soll es sein. Ich habe gemerkt, dass es Hürden im Leben gibt, die ich zu bewältigen habe. Dass ich es aber nicht allein machen muss, sondern es gemeinsam mit Jesus tun kann. Gerlinde und ich, wir haben einander getragen, und da war noch ein Dritter – Jesus – dabei.

Gerlinde hat mit ihrer Zuversicht bis zum Schluss ihr Umfeld sehr beeindruckt.

Ihr Glaube hat mich und all jene, die sie am Ende noch besucht haben, zutiefst bewegt. Bis auf die letzten zwei, drei Tage war sie immer offen, hatte ein Lächeln auf den Lippen und eine große Ruhe ausgestrahlt. Sie hat zwar auch gehadert, vor allem weil sie nicht von mir wegwollte. Aber als klar wurde, dass nichts mehr zu machen war, hat sich das Blatt gewendet. ‚Wenn es nicht anders geht, dann geh ich einfach‘ – mit dieser Haltung hat sie sich vom Leben auf der Erde verabschiedet. Ich weiß nicht, ob mir das auch so gelingen würde, wäre ich in dieser Situation.

Autor:
  • Sandra Lobnig
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