Teresa von Ávila und Johannes vom Kreuz

Wenn sich Frau und Mann ergänzen
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Heilige Teresa von Avila (Peter Paul Rubens, um 1615, Kunsthistorisches Museum Wien)
Heilige Teresa von Avila (Peter Paul Rubens, um 1615, Kunsthistorisches Museum Wien) ©picturedesk.com
Heiliger Johannes vom Kreuz
Heiliger Johannes vom Kreuz ©Karmel Düren, Deutschland
Pater Ulrich Dobhan OCD
Pater Ulrich Dobhan OCD ©Privat

In unserer Sommer-Serie über „Seelenverwandte & Seelenfreunde“ beleuchten wir die geistliche Freundschaft zwischen Mann und Frau. Ob zwischen Mutter und Sohn, Bruder und Schwester, Ehemann und Ehefrau oder großen Heiligen der Kirchengeschichte. Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz sind zwei kongeniale Menschen, die fähig sind, eine Begegnung auf Augenhöhe zu verwirklichen. Teresa, die Kirchenlehrerin, und Johannes, der Kirchenlehrer, sind die großen Reformer ihres Ordens, der Karmeliten.

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Was zeichnet die Beziehung zwischen Teresa von Ávila und Johannes vom Kreuz aus?

Ulrich Dobhan: Mit Teresa von Ávila und Johannes vom Kreuz treffen sich zwei kongeniale Menschen, die fähig sind, eine Begegnung auf Augenhöhe zu verwirklichen, was besonders für Johannes vom Kreuz hervorzuheben ist. Im Gegensatz zu den meisten Männern seiner Zeit, auch sog. Spirituellen, wie, z. B. Francisco de Osuna, ist er frei von jedem Dünkel gegen gegenüber Frauen, und auch gegenüber Teresa; im Gegenteil, er nennt sie ohne Umschweife „Unsere gottselige Mutter Teresa“, während sie ihn, der 27 Jahre jünger ist als sie, „den Vater meiner Seele“ nennt.

Wie gestaltete Teresa ihre Beziehung zu Johannes vom Kreuz?

Ulrich Dobhan: Teresa war auf der Suche nach geeigneten Männern, um auch im männlichen Zweig des Ordens ihr Gründungswerk zu beginnen, und traf bei ihrem Aufenthalt in Medina del Campo im August 1567, wo sie zur Grünung ihres zweiten Klosters weilte, auf den jungen Johannes, der seine Primiz feierte. Er steckte in einer Krise, weil ihn das eitle Streben nach Ämtern und Titeln an der Universität in Salamanca abstieß, und wollte sich in einer Kartause verkriechen. Teresa stellt ihm ihr neues Ordensideal vor, das sie eben in ihrem „Weg der Vollkommenheit“ niedergelegt hatte, und das überzeugte den jungen Mann, so dass ihn nichts mehr von diesem Weg abbringen konnte.

Wie gestaltete Johannes vom Kreuz seine Beziehung zu Teresa von Ávila?

Ulrich Dobhan: Seine Beziehung war von Dankbarkeit und Bewunderung geprägt, doch behielt er immer seine innere Freiheit ihr gegenüber; sie wurde für ihn nicht zu einem „Guru“, dem er kritiklos gefolgt wäre. So hat er auch Fehler von ihr bemerkt und im Rahmen seiner Aufgabe als Spiritual im Kloster der Menschwerdung darauf reagiert.

Warum kann man, vereinfacht gesagt, beide nur miteinander verstehen?

Ulrich Dobhan: Nachdem sie sich kennengelernt hatten, arbeiteten sie zusammen an der materiellen und geistlichen Neubegründung (nicht Reform) ihres Ordens, wodurch sie sich beide vom damaligen Reformideal in vielen Orden Kastiliens unterschieden. Dabei bestärkten sie sich gegenseitig, was besonders für Teresa von Ávila als Frau wichtig war, denn Frauen, besonders geistliche Frauen, waren diskriminiert, einfach nur weil sie Frauen waren. Teresa fand dann später noch andere Mitbrüder in ihrem Orden, insbesondere Jerónimo Gracián, aber leider nur wenige andere, aber Johannes vom Kreuz war der erste, der ihr bei ihrer reichen geistlichen oft auch außerordentlichen Erfahrungen ein guter Begleiter war. Für beide galt der Grundsatz: Das Blicken Gottes ist Lieben – unverdient und unverdienbar, und nicht das Bemühen um verdienstvolle Werke, um sich durch sie Gottes Gunst zu verdienen. In einer Zeit, in der die Angst vor Himmel und Hölle gepredigt wurde, haben sie sich in ihrem „neuen“ Lebensprojekt gegenseitig bestärkt.

Was verbindet beide mit ihrem jeweiligen Lebenswerk?

Ulrich Dobhan: Im äußerlichen Bereich sind das die Klostergründungen – Johannes vom Kreuz war bei einigen Gründungen von Teresa von Ávila dabei, nach ihrem Tod führte er weitere durch. Im geistlichen Bereich ist es das biblische Gottesbild, das den Menschen nicht unter Druck setzt, um sich dadurch den Himmel zu verdienen. Johannes kannte die Bibel weitgehend auswendig, Teresa, die keinen direkten Zugang zu ihr hatte, bemühte sich immer, von den Studierten zu erfahren, ob das, was sie erlebt, mit der Heiligen Schrift übereinstimmt. Für sie war sie die letztentscheidende Norm für ihr Verhalten.

Waren Teresa von Ávila und Johannes Seelenverwandte oder eher Seelenfreunde?

Ulrich Dobhan: Ich weiß nicht, ob man das fein säuberlich trennen kann, wobei es auch darauf ankommt, was man da jeweils darunter versteht. Verwandt waren sie auf jeden Fall, was aus dem Gesagten wohl hervorgeht, wahrscheinlich war Jerónimo Gracián der größere Freund, wobei Johannes wahrscheinlich der beständigere und treuere Begleiter war, den sogar die neunmonatige Klosterhaft nicht von seiner Treue zu ihr hat abbringen können, allerdings war sie auch die erste und fast die einzige, die sich für ihn in dieser Zeit eingesetzt hat.

Was können wir von dieser Beziehung zwischen Teresa von Ávila und Johannes für heute lernen?

Ulrich Dobhan: Christsein ist in erster Linie eine Beziehung und nicht ein Moralsystem, und das Christentum ist keine Buchreligion, sondern eine Beziehungsreligion. Die größte Sünde des Menschen ist es dann, Gott diese bedingungslose Liebe zum Menschen nicht zu glauben und immer wieder in die typisch „heidnische“ Praxis des „do ut des“ („Ich gebe, damit du gibst“) zu verfallen. Dadurch wird Gott schnell zum verlängerten Arm des Menschen degradiert, und wenn er dann nicht wunschgemäß hilft, für überflüssig wahrgenommen, was entsprechende Folgen hat.

Was fasziniert Sie persönlich an dieser Beziehung zwischen Teresa und Johannes?

Ulrich Dobhan: In beiden Heiligen kommt natürlich die jeweilige Eigenart zum Vorschein, aber sie zeigen, wie sich Frau und Mann helfen und ergänzen.

Autor:
  • Stefan Kronthaler
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