Zukunft im Wienerwald: Josef Grünwidls Vision

Erneuerung im Süd-Vikariat
Ausgabe Nr. 3
  • Österreich
Autor:
Pfarrkirche Payerbach im Dekanat Gloggnitz steht unter Denkmalschutz.
©C.Stadler/Bwag
Josef Grünwidl
Nicht Nabelschau, sondern Mission: Bischofsvikar Josef Grünwidl. ©Erzdiözese Wien

Von Tradition zu Transformation: Begleiten Sie Bischofsvikar Josef Grünwidl auf seinem Weg, das Feuer des Glaubens im Süd-Vikariat neu zu entfachen.

Seit einem Jahr ist Josef Grünwidl als Bischofsvikar für das Süd-Vikariat mit rund 300.000 Katholikinnen und Katholiken zuständig. Er leitet das Vikariat im Namen des Erzbischofs.

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Weil das Gebiet der Erzdiözese Wien so groß ist, wurde es in drei „Vikariate“ eingeteilt: Wien-Stadt (Bischofsvikar: P. Dariusz Schutzki CR), Nord (Bischofsvikar: Weihbischof Stephan Turnovszky) und Süd (Bischofsvikar: Josef Grünwidl). Gegenüber dem SONNTAG erläutert Grünwidl die Herausforderungen und Chancen der Seelsorge.

Sie sind sonntags viel in den Pfarren unterwegs. Was bewegt die Menschen gegenwärtig im Vikariat Unter dem Wienerwald, kurz Süd-Vikariat genannt?

JOSEF GRÜNWIDL: Da ich seit September nicht mehr Pfarrer bin, konnte ich in den vergangenen Monaten ungefähr 30 Pfarrgemeinden besuchen. Ich bin beeindruckt von der Buntheit der Gemeinden und vor allem von den Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren!

Fast überall sind der Altersdurchschnitt der Gemeinde und die fehlenden jungen Familien ein Thema. In vielen Pfarren hat die Coronazeit deutliche Spuren hinterlassen. Ein Neustart nach den Lockdowns war oft mühsam und ist nicht in allen Bereichen gelungen. Immer wieder habe ich auch gehört, dass Pfarren finanziell nicht mehr über die Runden kommen. Aber es gibt auch Gemeinden, die nach einem Glaubenskurs aufbrechen, Neues versuchen und wachsen. Auch die Zusammenarbeit im Seelsorgeraum oder Pfarrverband wird langsam zur Selbstverständlichkeit. Das Miteinander ist nicht immer einfach, bringt aber Vorteile.

Vielerorts ist auch eine Ermüdung festzustellen. Wie kann das Feuer der Begeisterung wieder entfacht werden? 

Ein erster Schritt kann sein, dass wir uns ohne Illusionen, aber mit Hoffnung der Realität stellen. Der sentimentale Rückblick auf die „gute, alte Zeit“ ist nicht hilfreich und behindert Erneuerung. Nicht die Strukturfrage, sondern die Gottesfrage sollte uns primär beschäftigen. Nicht in erster Linie den Priestermangel, sondern den Gläubigenmangel erlebe ich besorgniserregend. Nicht innerkirchliche Nabelschau, sondern Mission, also unser Auftrag in der Gesellschaft und unsere Außenwirkung – das gehört für mich zu den Kernfragen.

Ein Gemeinde-Entwicklungsprozess, ein Alpha-Kurs, Exerzitien im Alltag, Bibelarbeit und ähnliche Initiativen können helfen, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, den eigenen Glauben zu vertiefen und das innere Feuer neu zu entfachen. Dazu möchte ich ermutigen und das Urvertrauen stärken: Gott lässt seine Kirche nicht im Stich! Wachstum ist möglich! Wenn wir innerlich brennen, können wir leuchten!

„Die heile Welt 
gibt es auch in der 
Buckligen Welt nicht mehr.“


Josef Grünwidl

Was sind die Stärken der Kirche unter dem Wienerwald?

Unser Vikariat ist sehr bunt. Es erstreckt sich vom Speckgürtel im Süden Wiens bis zur steirisch-burgenländischen Grenze, von Hainburg an der Donau bis zu Mauerbach, mit städtischen Kerne, Industriegebieten und ländlichen Regionen. Diese Vielfalt hat zur Folge, dass wir im Vikariat mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten unterwegs sind. So ist zum Beispiel im Wechselgebiet, wo ich 16 Jahre lang Pfarrer sein durfte, und in der Buckligen Welt das kirchliche Leben zum Teil noch stark von Traditionen und Brauchtum geprägt. Die „heile Welt“ gibt es aber auch dort nicht mehr, denn überall ist deutlich zu spüren, dass wir in einer Zeit des kirchlichen Gestaltwandels leben.

Zu den Stärken des Vikariats zählen neben vielen lebendigen Pfarrgemeinden auch die Klöster und Ordensgemeinschaften, Wallfahrtsorte, das Bildungszentrum St. Bernhard und nicht zu vergessen unsere katholischen Privatschulen, wo tausende Kinder und Jugendliche leben und glauben lernen. Gott sei Dank, gibt es solche Brennpunkte kirchlichen Lebens, die ausstrahlen und Menschen anziehen.

Zur Jugend zählen nicht nur Schüler/innen und Studierende, sondern auch Lehrlinge. Wie erreichen wir diese jungen Menschen mit unserer Botschaft?

Da fallen mir Pilotprojekte der Jungen Kirche ein wie z.b. das „FeuerFest“, die Aktion „72 Stunden ohne Kompromiss“, der „Tag des Lehrlings“ oder auch der Versuch, über interaktive Medien mit Jugendlichen in Kontakt zu treten. Es gibt im Vikariat Süd auch Pfarren mit einer großen Ministrantenschar und Kinder- und Jugendgruppen. Ich denke hier auch an die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich bemühen, Familien, Kinder und junge Menschen in den Pfarren zu beheimaten und die Erstkommunion und Firmung einladend zu gestalten. Diese Berührungspunkte mit Glaube und Kirche erleben Kinder und Jugendliche in den allermeisten Fällen sehr positiv.

Trotzdem gibt es im Bereich der Kinder- und Jugendpastoral noch viele Baustellen. Eine verstärkte Zusammenarbeit in größeren Räumen könnte da neue Möglichkeiten eröffnen. Selbstverständlich ist es bei Kindern und jungen Menschen genauso wie bei den Erwachsenen: sie entscheiden, ob und in welchem Ausmaß Glaube und Kirche für ihr Leben wichtig sind.   

Was wollen Sie als Bischofsvikar erreichen? Was ist Ihnen wichtig? 

Dass wir uns als Kirche nicht mit uns selbst beschäftigen und an innerkirchlichen Themen aufreiben, sondern von Gott erzählen und Gemeinschaft bilden, den Glauben feiern und die Freuden und Sorgen der Menschen kennen, um ihnen helfen zu können.

Mir ist wichtig, dass unsere Pfarren immer mehr offene, einladende Orte des Gebets, der Gottsuche und der Begegnung werden. Die Sehnsucht nach Spiritualität und Gemeinschaft ist groß, und die pfarrlichen Netzwerke haben hier ein breitgefächertes Angebot. Die Kirche ist viel besser als ihr Ruf!

Dass wir vor großen Herausforderungen stehen, nicht nur im Blick auf Mitgliederzahl, Finanzen und die Erhaltung von 3500 kirchlichen Gebäuden, will ich nicht kleinreden. Aber gerade in dieser kritischen Zeit brauchen wir hoffnungsvolle Perspektiven und die Gewissheit: Nicht die Kirche, sondern eine vertraute, liebgewordene Kirchengestalt kommt an ihr Ende. Dass wir den kirchlichen Um- und Aufbruch mit Hoffnung und Gottvertrauen meistern, dass wir nicht ständig mit der Deffizitbrille, sondern ressourcenorientiert arbeiten, ist mir wichtig. Nicht der wehmütige Blick zurück, sondern ein vertrauensvoller Blick in die Zukunft ist not-wendend. Wie heißt es beim Propheten Hosea (10,12): „Nehmt Neuland unter den Pflug! Es ist Zeit, den Herrn zu suchen!“

Autor:
  • Stefan Kronthaler
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