Gene sind nur ein Werkzeug

Genetiker Markus Hengstschläger im Interview
Ausgabe Nr. 3
  • Leben
Autor:
Markus Hengstschläger im Hörsaal
Markus Hengstschläger sieht darin keinen Widerspruch: Man kann ein Naturwissenschaftler und gleichzeitig ein gläubiger Mensch sein. ©Markus A. Langer

In seinem jüngsten Buch „Die Lösungsbegabung“ ruft der Genetiker Markus Hengstschläger dazu auf, dass das durch Gene mitbestimmte Potential einer Begabung trainiert werden soll. Dann sind Menschen fähig, neue Lösungen für die Herausforderungen der Zukunft zu entwickeln.

Wir betreten den Backsteinbau in der Währinger Straße gegenüber der Votivkirche, gehen eine steinerne Stiege hinauf und folgen den Wegweisern. Wir sind auf der Suche nach dem bekannten Genetiker und Bestsellerautor Markus Hengstschläger. Gleich zu Beginn unseres Gesprächs wollen wir von dem Universitätsprofessor wissen, wie er als junger Mensch zum Fach Genetik gekommen ist. „Mein Interesse an den Naturwissenschaften war prinzipiell schon in der Schule vorhanden“, sagt Markus Hengstschläger. „Und dann war Genetik damals ein sehr junges Fach, als ich begonnen habe zu studieren. Das hat mir sehr gut gefallen. Es hat mich damals schon der Umstand fasziniert – und das gilt bis heute – dass man in der Genetik sehr schnell von der Forschung auch zur Anwendung zum Nutzen des Menschen kommen kann.“

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Wie geschieht das hier am Zentrum für Pathobiochemie und Genetik?

Markus Hengstschläger: Wir beschäftigen uns im Wesentlichen damit, welche Rolle Gene bei der Entstehung von Erkrankungen des Menschen spielen. Es gibt sogenannte monogene Erkrankungen, bei denen eines der etwa 22.000 Gene des Menschen, wenn es eine Veränderung erfährt, eine sogenannte Mutation, kausal mit der Entstehung von Erkrankungen verbunden ist. Davon kennen wir mittlerweile Tausende. Zusätzlich gibt es das große Gebiet der multifaktoriellen Erkrankungen, bei denen Gene auch eine Rolle spielen, aber immer nur im Zusammenhang mit der entsprechenden Umwelt. Unter bestimmten Umweltfaktoren tritt dann der Phänotyp, wie wir es nennen, das heißt die Erkrankung auf. Dazu gehören die häufigen Erkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, neurodegenerative Erkrankungen oder auch die meisten Krebserkrankungen. Wir betreuen in unserem Zentrum Patientinnen und Patienten, die zu uns überwiesen werden. Es gibt hier eine Ambulanz, in der Ärztinnen und Ärzte die Menschen beratend betreuen. Dann machen wir Diagnostik und forschen an vielen dieser Erkrankungen. 
 

Was kann man machen, wenn man solche Veranlagungen für bestimmte Erkrankungen hat?

Der Idealfall ist, wenn man schon prophylaktisch vor dem Eintreten der schweren Symptomatik etwas tun kann. Ich gebe ein Beispiel: Es gibt eine Erkrankung mit dem Namen Phenylketonurie, eine monogene Erkrankung. Wenn man diese Erkrankung frühzeitig bei Kindern diagnostiziert, kann man den Eltern eine entsprechende Diät für dieses Kind empfehlen und damit einen relativ schweren Verlauf der Erkrankung verhindern. Darum wird diese Erkrankung auch im Zuge des Neugeborenenscreenings analysiert. Zusätzlich zu solchen prophylaktischen Ansätzen ist eine genetische Diagnostik aber auch in sehr vielen Fällen eine unverzichtbare Voraussetzung für die Anwendung der richtigen Therapie. Und ich erwarte mir auch von der Methode der Gentherapie in den nächsten Jahren neue effiziente Therapieansätze für viele Erkrankungen. Grundsätzlich verbirgt sich dahinter die Idee, ein defektes Gen wieder zur „reparieren“. Gentherapie kann man somatisch zur Anwendung bringen, zum Beispiel in einem Organ oder in bestimmten Geweben. Auch wenn die wenigen bereits zugelassenen Gentherapien noch auf andere technologische Ansätze zurückgreifen, so ist aber in diesem Zusammenhang besonders viel von der Methode des Genome Editing mittels der sogenannten Genschere CRISPR/Cas9 zu erwarten. Für diese Methode wurde 2020 der Nobelpreis für Chemie vergeben.
 

Sie haben jetzt die somatische Gentherapie erklärt. Was ist nun die zweite Art von Gentherapie, die nicht unumstritten ist?

Über Gentherapie kann man Menschen auch in ihrer Gesamtheit genetisch verändern, wenn man sie sehr früh einsetzt. Bei einer künstlichen Befruchtung, die man normalerweise im Zusammenhang mit einem unerfüllten Kinderwunsch anwendet, würde man den Embryo, bevor man ihn in die Gebärmutter einsetzt, mittels Genschere genetisch verändern. Die Veränderung würde dann alle Zellen dieses Embryos betreffen und damit später auch alle Zellen dieses Menschen. Solch eine sogenannte Keimbahntherapie ist in Österreich und in den meisten Ländern der Welt gesetzlich verboten. Es herrscht breiter Konsens sowohl auf biologischer als auch auf ethischer Ebene, Keimbahntherapie aktuell nicht anzuwenden. Ich selbst schließe mich dieser Meinung an. Das hat einerseits ethische Gründe, über die man diskutieren soll, und andererseits auch rein biologische Gründe. Diese Technologie muss noch verbessert werden, weil sie noch Fehler machen kann, die zu negativen Nebenwirkungen führen können. Eine entsprechende Abschätzung aller Folgen solcher Keimbahneingriffe, die ja den ganzen Menschen betreffen, ist noch nicht wirklich möglich. Und die durch solche Eingriffe herbeigeführten genetischen Veränderungen würden sich auch auf die nächsten Generationen weitervererben. Ich bin daher aktuell gegen die Anwendung von Keimbahntherapie am Menschen und sehe da auch für die nahe Zukunft noch keine Option. Aber man muss als Wissenschaftler immer daran denken: „Sag niemals nie!“ Die Wissenschaft schreitet stets voran. 
 

Sie haben sich in Ihrem Buch „Die Macht der Gene“ noch in einer anderen Richtung mit den Genen beschäftigt. 

Gene spielen zum Beispiel auch bei Begabungen und Talenten eine Rolle. Mir ist es aber immer wichtig gewesen, klarzumachen, dass Begabungen Potentiale sind, bei denen Gene zwar auch eine Rolle spielen, die aber ohne das Entdecken und Fördern und ohne entsprechendes Üben nicht zur Entfaltung kommen können. Jeder Mensch hat Begabungen, und jeder Mensch kann Elite sein, nur jeder Mensch woanders. Wir müssen vorsichtig sein, wenn wir über Begabungen und Talente sprechen, damit dabei nicht eine leichte Diskriminierung mitschwingt. Ich meine, ein Mensch, der es kann und will, ein Leben lang andere Menschen zu pflegen, hat ein mindestens so großes Talent wie Menschen, die gut Fußball spielen oder gut singen können.
 

Sie gehen aber mit Ihrem neuesten Buch noch einen Schritt weiter ...

Ein Potential des Menschen liegt mir aktuell besonders am Herzen – die Lösungsbegabung. Wir kümmern uns meiner Meinung nach zu wenig darum, dass diese Begabung auch wirklich geübt und trainiert werden kann, sodass Menschen zu Persönlichkeiten werden, die neue Lösungen entwickeln können und auch wollen. Und zwar sowohl als Individuum als auch im Kollektiv. Wenn wir vom Kleinkindalter an über die gesamte Ausbildung zu oft Lösungen einfach in die nächste Generation transportieren, dann gibt es zu wenig Möglichkeiten, die Lösungsfindungsprozesse selbst zu üben. Das wäre so, wie wenn man jemanden im Fußball fördern will, aber stets selber Fußball spielt, ohne den anderen an den Ball zu lassen. Oder wenn man jemanden beim Klavierspielen fördern möchte, ihm jedoch die ganze Zeit am Klavier etwas vorspielt. 
 

Was müssen wir Ihrer Ansicht nach tun?

Wir müssen Menschen ermutigen: Probiere es einmal aus und mache Vorschläge! Und dann schauen wir gemeinsam, ob es funktioniert. Wenn der Vorschlag nicht funktioniert, lernt man gleich etwas bezüglich Fehlerkultur. In der Wissenschaft muss man meist sehr viele Ideen und Vorschläge entwickeln, um am Ende damit wirklich zu neuen Lösungen kommen zu können. Dabei muss man auch Resilienz entwickeln und lernen, mit Rückschlägen umgehen zu können. Man muss einfach die Erfahrung machen können, dass nicht jeder Vorschlag zur einer Lösung führt. Durch das Zulassen, mehr noch durch das Ermutigen, Lösungsfindungsprozesse zu üben, entsteht automatisch eine aktive Lösungsbegabung. Dadurch fördert man die Bereitschaft von Menschen, sich an kollektiven Lösungsprozessen zu beteiligen, und unterstützt dadurch schlussendlich das, was ich kollektive Lösungsbegabung nenne. Und diese brauchen wir aktuell in höchstem Maße. Denken Sie nur an all die Herausforderungen, die wir haben: Energiewende, Klimatransformation, Pandemie. Wir haben außerdem einen Krieg in Europa, wir haben Rassismus, Terrorismus, die Flüchtlingsthematik und vieles mehr. All das müssen wir im Kollektiv lösen. Und dann kommt noch dazu, dass es doch eigentlich das coolste Gefühl für einen Menschen ist, eine Idee zu entwickeln, die zu einer Lösung führt oder beiträgt. Das fördert das Selbstbewusstsein und trägt zur Entfaltung der Persönlichkeit bei.
 

Zum Abschluss stellen wir noch die Gretchenfrage: Wie halten Sie als Wissenschaftler es mit der Religion?

Ich sehe keinen Widerspruch darin, ein Naturwissenschaftler und gleichzeitig ein gläubiger Mensch zu sein. In der Wissenschaft geht es um Fakten. Als Wissenschaftler möchte ich nahe an der Wirklichkeit sein. Und es geht natürlich immer auch um den Versuch der Beweisführung. Aber ein tägliches Leben zu führen ohne zu glauben – Sie können dabei über Religion reden oder auch ganz allgemein über andere Dinge – wäre für mich undenkbar. Wenn meine Frau – auch Biologin – sagt, dass sie mich liebt, dann glaube ich es ihr, wir sind seit fast 30 Jahren ein Paar. Da benötige ich keinerlei Beweise. Man muss Wissenschaft und Glaube natürlich klar trennen. In meiner wissenschaftlichen Arbeit darf der Glaube keinerlei Rolle spielen. Aber daraus zu schließen, dass ein Wissenschaftler nicht gläubig sein kann, das hat sich für mich noch nicht erschlossen. 

Autor:
  • Stefan Hauser
  • Porträtfoto von Markus Langer
    Markus A. Langer
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