Helnwein: Wie provokant ist Kunst im Stephansdom?

Fastentuch im Stephansdom
Ausgabe Nr. 7
  • Wien und Niederösterreich
Autor:
Provoziert Helnwein im Stephansdom? ©Stephan Schönlaub
Gottfried Helnwein bei der Präsentation im Stephansdom. ©Stephan Schönlaub

Jesus steht auf dem Kopf, zudem Totenköpfe neben dem Altar. Was möchte Künstler Gottfried Helnwein im Stephansdom?

Die alte Tradition des Fastentuchs, die ursprünglich dazu diente, die Altarbilder zu verhüllen, wird seit einiger Zeit im Wiener Stephansdom von bekannten zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern während der gesamten Osterzeit weitergeführt. Auf Einladung der Dompfarre setzt in diesem Jahr der umstrittene Künstler Gottfried Helnwein die Reihe von Kunstinstallationen für die österliche Bußzeit und darüber hinaus fort. Entsprechend groß war am 13. Februar das Medieninteresse bei der Präsentation von Helnweins Fastenzeit-Kunstwerk für den Dom.

Auf einer zentralen Leinwand vor dem Hochaltarbild ist das Abbild Christi vom Turiner Grabtuch in liturgischem Violett projiziert, allerdings mit dem Kopf nach unten. Damit soll das Hinabsteigen Christi in das Reich des Todes ausgedrückt werden, wie Gottfried Helnwein und Dompfarrer Faber im Pressegespräch erläuterten. Links und rechts im Altarraum sind auf zwei kleineren Leinwänden jeweils gleich aussehende Totenschädel zu sehen, ebenfalls in violetten Farbtönen – sie stehen für das Memento Mori am Beginn der Fastenzeit: Bedenke Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehrst.

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Verstörende Kunst

Während die Botschaft der Totenköpfe eindeutig ist, verursacht der auf den Kopf gestellte Christus bei einigen Betrachtern Beklemmung. Darf das sein? In der Tat mutet die Umkehrung des bekannten und von vielen Gläubigen als wahres Antlitz Christi verehrten Grabtuchs von Turin befremdlich an und mag bei jenen Horrorgefühle auslösen, die hier an satanistische Symbolik denken.

Auf Angstgefühle ist Gottfried Helnwein durchaus spezialisiert. Seine Kunstwerke umfassen verschiedene Medien wie Malerei, Fotografie und Skulptur und sind oft von einer düsteren und verstörenden Atmosphäre geprägt. Ein zentrales Motiv in seinem Schaffen ist die Darstellung des verletzlichen und wehrlosen Kindes. Der Künstler betont immer wieder, mit seinen Bildern gegen Gewalt und gegen Kindesmissbrauch Partei ergreifen zu wollen.

Aus den Kunstwerken ist dieses Anliegen per se nicht erkennbar. Von ihm in fotorealistischer Darstellung gezeigte Kinder in subtil sexualisierter Szenerie könnten ebenso vermuten lassen, dass hier pädophile Sehnsüchte bedient werden. Gerne stellt der Künstler mit Blut verschmierte oder von Blutlachen umgebene hübsche Mädchen dar, so derzeit auch im oberösterreichischen Gmunden, wo Helnweins Plakate an öffentlichen Gebäuden für Kontroversen sorgen.

Zeigen, was uns als Christen wichtig ist

Dompfarrer Anton Faber nannte bei der Präsentation die Tatsache, dass der als „Schockmaler“ geltende Helnwein die Reihe von Kunstinstallationen für die österliche Bußzeit und den Osterfestkreis im Stephansdom fortsetzt, „ein Projekt, das schon lange in meinem Herzen gewachsen ist“. Er sei stolz, dass damit während der ganzen Osterzeit bis zur Langen Nacht der Kirchen am 7. Juni in der Sprache der zeitgenössischen Kunst zum Ausdruck komme, „was uns als Christen wichtig ist“.

Die aktuelle, von Helnwein „für Gottes Lohn“ gestaltete Kunstinstallation ist bis Karsamstag im Dom zu sehen. Mit der Osternacht soll dann durch das zweite, in weiß gehaltene Triptychon-Bild das Glaubensgeheimnis der Auferstehung Christi erkennbar werden. Kurz vor Pfingsten schließlich wird bis zur Langen Nacht der Kirchen in einem dritten Triptychon die Geistaussendung durch rötliche Flammen des Heiligen Geistes auf den vielen dargestellten Menschen gezeigt.

Der 75-jährige Künstler Gottfried Helnwein, der abwechselnd in Irland und Los Angeles lebt, betonte im Stephansdom, dass er sich „zutiefst mit der österreichischen Kulturgeschichte verbunden“ fühle. Er sei tief beeindruckt von der Bedeutung der katholischen Kirche für die Kunst und Kultur des Abendlandes. Helnwein selbst wurde als Jungscharführer und Jesuitenschüler katholisch sozialisiert und empfindet mit zunehmendem Alter immer mehr Bewunderung für die kirchlich beauftragte Kunst. Die christliche Kunst sei zu ihrer Entstehungszeit ähnlich umstritten gewesen wie manche seiner eigenen Werke heute, so zum Beispiel die Fresken der Sixtinischen Kapelle.

Gottfried Helnwein, dem eine Mitgliedschaft in der Scientology-Kirche nachgesagt wird, ließ die Frage, ob er heute Mitglied einer Kirche oder Glaubensgemeinschaft sei, im Gespräch mit dem SONNTAG unbeantwortet. Der Dom darf sich ob des großen Medieninteresses an der Helnweinschen Kunstinstallation wohl über vermehrte Besucherzahlen freuen. 

Autor:
  • Agathe Lauber-Gansterer
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