Europa-Park: Seelsorge zwischen Achterbahnen

In der Achterbahn mit Gott
Ausgabe Nr. 27
  • Leben
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Seelsorge zwischen Achterbahn und Ringelspiel.
Seelsorge zwischen Achterbahn und Ringelspiel. ©Europa-Park
Thomas Schneeberger und Andrea Ziegler haben einen ganz besonderen Arbeitsplatz.
Thomas Schneeberger und Andrea Ziegler haben einen ganz besonderen Arbeitsplatz. ©Andrea Ziegler
Die norwegische Stabskirche steht mitten im Trubel des Europa-Parks.
Die norwegische Stabskirche steht mitten im Trubel des Europa-Parks. ©Europa-Park

Ein katholischer Seelsorger und eine evangelische Seelsorgerin im größten Vergnügungspark im deutschsprachigen Raum? Klingt ungewöhnlich – doch im Europa-Park in Rust ist Seelsorge mitten im Trubel Realität.

Hier werden kirchliche Hochzeiten gefeiert oder Taufen. Und oft auch einfach nur zugehört und miteinander geredet. Der SONNTAG hat Andrea Ziegler und Thomas Schneeberger getroffen und mit ihnen darüber gesprochen, wie Seelsorge an einem ungewöhnlichen Ort wie dem Europa-Park funktionieren kann.

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Europa-Park: Größter Vergnügungspark im deutschsprachigen Raum

Der deutsche Ort Rust im Bundesland Baden-Württemberg. Nur etwa eine Autostunde südlich von Karlsruhe und nur wenige Minuten von der französischen Grenze entfernt liegt der größte Vergnügungspark im deutschsprachigen Raum, der Europa-Park. Mehr als 6 Millionen Menschen kommen jedes Jahr hierher. Weit über 100 Attraktionen, darunter Achterbahnen, Ringelspiele, Spielplätze und dazu noch jede Menge Showprogramm garantieren jede Menge Spaß und Unterhaltung für die ganze Familie. 

Seelsorge im Europa-Park

In der Saison sind über 5.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den unterschiedlichsten Berufen im Freizeitpark beschäftigt. Neben ihnen arbeiten auch Andrea Ziegler und Thomas Schneeberger im Europa-Park und die beiden haben eine für einen Vergnügungspark durchwegs ungewöhnliche Aufgabe: Sie arbeiten als Seelsorger und Seelsorgerin. Sie ist Religionspädagogin der evangelischen Landeskirche Baden, er Diakon des Erzbistums Freiburg. Die Landeskirche und das Erzbistum sind auch die Arbeitgeber der beiden. Der Familie Mack, die die Inhaber des Parks sind, ist ihre Anwesenheit ein klares Anliegen. „Unsere Seelsorge ist ein Aspekt der Wirklichkeit dieses Vergnügungsparks. Wir genießen hier große, wertschätzende Gastfreundschaft“, sagt Thomas Schneeberger. „Diese Unterstützung von unseren Kirchen, aber auch vom Park ist wichtig. Seelsorge – auch im weitesten Sinne – kann nur funktionieren, wenn sie erwünscht und gewollt ist.“ 

So bunt wie die Menschen, die zu uns kommen, ist auch unser Alltag.

Alltag? Gibt’s nicht!

Andrea Ziegler und Thomas Schneeberger sind hier im Europa-Park mit Leib, Seele und ganz viel Freude an der Sache. „Wir sind Ansprechpartner für die Gäste, aber auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, sagt Andrea Ziegler. „Und wir haben hier bestimmt einen ganz besonderen Arbeitsplatz.“ Im Grunde sei jeder Tag „ein bisschen anders“. Alltag im Sinne einer sich täglich nicht ändernden Routine  – den gäbe es nicht. „Und ich denke auch, dass es den gar nicht geben kann, denn Seelsorge bedeutet nicht, Alltag abzuspulen, sondern Seelsorge bedeutet, sich an dem zu orientieren, was Menschen brauchen, was sie mitbringen, was sie für Vorstellungen haben. So bunt wie die Menschen, die zu uns kommen, ist auch unser Alltag.“

Jakobus Kapelle im Europa-Park

Und an welchem Ort im Park trifft man die beiden Seelsorger am öftesten an? „Es gibt im Europa-Park im Grunde drei kirchliche Präsenzorte, um das jetzt mal ganz technisch zu formulieren“, sagt Thomas Schneeberger. „Im Hotel Santa Isabel, einem der zum Park gehörenden Hotels, gibt es eine kleine Kapelle, die Jakobus Kapelle, in der etwa 25 Leute Platz finden. Dann gibt es direkt im Park, mitten im Trubel unter den Achterbahnen und den anderen Attraktionen, eine Kirche, die einer norwegischen Stabkirche nachempfunden wurde – da passen 40 bis 50 Leute rein. Und dann gibt es noch die Böcklins Kapelle.“ Die sei ein ganz besonderer Ort, steht sie hier doch schon seit den 50er-Jahren. „Sie ist eine ganz, ganz klitzekleine Kapelle und stand schon, bevor es den Europa-Park gegeben hat“, ergänzt Andrea Ziegler. „Sie war sozusagen Teil der Schlossanlage, des Schlossparks, auf dessen Gelände sich im Laufe der Jahre der Europa-Park entwickelt hat.“ 

Gespräch in mitten des Trubels

Aber Andrea Ziegler und Thomas Schneeberger sind nicht nur in diesen drei Kirchen anzutreffen. Manchmal spazieren sie auch einfach durch den Park. Die Gäste, das merken Andrea Ziegler und Thomas Schneeberger immer wieder, freuen sich über einfache Begegnungen, die sich auf dem Parkgelände oder auch in den Kirchen ergeben, über Gespräche, die oft ganz beiläufig und geradezu zufällig zustande kommen. „Wir hören immer wieder, dass es ein Highlight für die Leute ist, dass wir einfach da sind und Zeit zum Zuhören und Reden haben“, sagt Thomas Schneeberger. „So ein Gespräch – das ist etwas, was die Leute tatsächlich sehr schätzen. Selbst – oder gerade – in einer trubeligen Umgebung wie einem Vergnügungspark.“ Seelsorge, die passiert damit ganz zwanglos, unaufdringlich und natürlich. Und natürlich ökumenisch. „Thomas und ich, wir ergänzen uns da, arbeiten super zusammen. Wahrscheinlich auch deshalb, weil uns beiden das ein großes Anliegen ist“, sagt Andrea Ziegler. Neben den seelsorglichen Gesprächen, dem Da-Sein und Ansprechbar-Sein haben die beiden auch oft alle Hände voll mit kirchlichen Festen zu tun. „Der Europa-Park hat ganz viele, sehr treue und begeisterte Fans, die immer wieder kommen und sich immer wieder am Park und allem, was er zu bieten hat, freuen“, sagt Thomas Schneeberger. „Viele von ihnen wollen dann auch ihre Feste hier feiern – und so haben wir dann im Europa- Park jede Menge Taufen, Hochzeiten und Ehejubiläen.“ Auch andere Gottesdienste werden hier gefeiert. „Und wir werden als Seelsorgerin und Seelsorger bei der Eröffnung neuer Attraktionen eingeladen und gebeten, dort einen kurzen Segen, ein kurzes Grußwort zu sprechen“, so Andrea Ziegler. 

Unsere Seelsorge ist ein Aspekt der Wirklichkeit dieses Vergnügungsparks.

Verlässliche Ansprechpartner im Europa-Park

Dass sie auf viele ehrenamtliche Helferinnen und Helfer zurückgreifen können, ist Andrea Ziegler und Thomas Schneeberger in ihrer Arbeit eine große Hilfe. „Ich erlebe es immer wieder, dass wir hier im Europa-Park geradezu so etwas wie eine Gemeinde haben. Uns beide als Seelsorgerin und Seelsorger sowie Ehrenamtliche, die mit uns Gottesdienste oder Feiern vorbereiten“, sagt Thomas Schneeberger. „Das ist nicht selbstverständlich, aber ich erkläre es mir damit, dass eine Gemeinde dann entstehen und auch wachsen kann, wenn es so etwas wie Identifikation gibt, so etwas wie Punkte, die verbinden. Und wenn es verlässliche Ansprechpartner in der Seelsorge gibt. Ich glaube, das tut den Menschen gut.“ Und sowieso sei es so, dass der Glaube generell, die Frohe Botschaft, die das Christentum verbreite, etwas sei, was wunderbar an einen Ort wie einen Vergnügungspark passe. „Natürlich ist und bleibt der Europa-Park weltanschaulich neutral und der Einsatz der Kirche hat damit schon auch natürliche Grenzen. Das sehe ich aber nicht als Einschränkung, sondern als ganz normal“, sagt Andrea Ziegler. „Aber dieses gegenseitige Wohlwollen, das freundliche Miteinander, das hier passiert, ist wirklich inspirierend. Wir gehen hier als Kirche mit unserer Botschaft dorthin, wo die Menschen sind.“ 

Gott fährt mit Achterbahn

Das Motto des Parks sei ja „Zeit. Gemeinsam. Erleben“. Sie als Seelsorgerin und Seelsorger brächten dort, wo die Menschen das möchten, auch noch Gott in diese gemeinsam erlebte Zeit. „Wir sprechen oft davon, mit Gott in der Achterbahn unterwegs zu sein“, sagt Thomas Schneeberger. „Ein Bild, das natürlich für den Park im wahrsten Sinn des Wortes gelten kann, das man aber auch als Metapher sehen kann. Als Metapher für das Leben selbst. Das Leben ist, wie es ist. Manchmal geht es steil bergauf, du hast das Gefühl, alles im Griff zu haben. Manchmal geht es bergab. Sorgen quälen, Träume zerplatzen, Pläne scheitern. Als Christen bleiben uns aber die Zuversicht und die Hoffnung, dass uns am Ende der Achterbahn unseres Lebens mit all den Höhen und Tiefen, dann, wenn wir aussteigen, jemand empfängt und uns zuspricht: Schön, dass du da bist. Willkommen. Und ich denke, diese Hoffnung und Zuversicht feiern wir doch in jeder Taufe. Gott ist mittendrin in der Achterbahn unseres Lebens. Er fährt mit. Gott sei Dank!“ 

Autor:
  • Portraitfoto von Andrea Harringer
    Andrea Harringer
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