Die große kirchliche Vielfalt

75 Jahre Katholische Aktion Österreich
Ausgabe Nr. 19
  • Wien und Niederösterreich
Autor:
Zukunftsfit: Die Vizepräsidentinnen Brigitte Knell und Katharina Renner (beide aus der Erzdiözese Wien) mit den „Dossiers“ der Katholischen Aktion Österreich. ©Stefan Kronthaler

Die Vizepräsidentinnen der Katholischen Aktion Österreich, diskutieren die dynamischen Rollen und Herausforderungen ihrer Organisation.

Die Katholische Aktion Österreich feiert demnächst 75 Jahre ihres Bestehens mit einem großen Fest in Linz. Aus Anlass des Jubiläums sprechen wir mit den Vizepräsidentinnen der Katholischen Aktion Brigitte Knell und Katharina Renner über die Kernaufgaben, ihre Visionen für die Zukunft und die Bedeutung des Weiheamts für Frauen.

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Brigitte Knell, Mitarbeiterin in einer Apotheke, und Katharina Renner, sie arbeitet im Bereich PfarrCaritas und Nächstenhilfe, tragen seit drei Jahren als Vizepräsidentinnen der Katholischen Aktion Österreich Mitverantwortung für diese traditionsreiche Laienorganisation. Im SONNTAG-Gespräch erläutern Knell und Renner die gegenwärtigen Herausforderungen wie auch die alten und neuen Aufgaben der Katholischen Aktion.

Wie sind Sie zur Katholischen Aktion Österreich gekommen und was bedeutet diese Organisation für Sie?

BRIGITTE KNELL: Die Katholische Aktion war mir einfach vertraut, etwa die Frauenbewegung. Meine Kinder sind seit ewigen Zeiten in der Jungschar, mein Schwiegervater war ein glühendes Mitglied der Katholischen Männerbewegung. Jetzt ist diese Arbeit für die Katholische Aktion für mich eine große Ressource, damit es mir gut geht in der Kirche. Hier finden sich so viele engagierte Menschen, so viele engagierte Projekte, so vieles, wo Christsein konkret passieren kann, so viel Engagement in ganz Österreich und darüber hinaus. 
KATHARINA RENNER: Ich war vorher eher Zuschauerin bei der Katholischen Aktion – aber mit ganz großer Bewunderung. Mich fasziniert das Thema Ehrenamt, dass da Menschen sind, die für ihr Engagement oder für ihre Leidenschaft tatsächlich auch Zeit aufwenden. Auch für Sitzungen und für strategische Planungen. Da wird viel Energie gebunden, die dann aber für ganz sinnvolle Dinge frei wird. Das freut mich an der Katholischen Aktion, dass ich meinen gesellschaftspolitischen Auftrag, den ich in mir als Christin spüre, ausleben kann und dass ich da eine Plattform habe, wo dies Realität werden kann.

Was sind dann heute die eigentlichen Kernaufgaben der Katholischen Aktion?

RENNER: Die Kernaufgabe der Katholischen Aktion Österreich ist eine Bündelung dessen, was auf Diözesanebene, auf der Pfarrebene passiert, und dies sichtbar zu machen. Was wir zeigen können, ist diese große Vielfalt innerhalb der katholischen Gemeinschaft, die wir sind, und diese Vielfalt unterstützen wir durch unsere Stimme. Das bedeutet zum Beispiel, dass wir hier zusammensitzen und darüber reden dürfen. Das sehen wir als Aufgabe der Katholischen Aktion Österreich. Das bedeutet, dass wir in ganz vielen Initiativen, die auch gesellschaftspolitisch gemeinsam mit uns unterwegs sind, die vielleicht jetzt nicht unbedingt aus dem katholischen Spektrum sind, dass wir da unsere Sichtweise einbringen und dass wir schauen, wo es Synergien gibt und wo wir gemeinsam an einem guten Leben arbeiten können. 
KNELL: Wenn wir die Katholische Aktion Österreich als großes Netz verstehen, dann sind wir von der Österreichebene diejenigen, die dafür sorgen, dass das Netz nicht reißt, sondern dass dieses Netz funktioniert. Es geht darum, in diesem Netz immer wieder auf die Leuchtturmprojekte der Katholischen Aktion Österreich hinzuweisen und dafür zu sorgen, dass die Wege zum Leuchtturm immer noch begangen werden können. Dass diese Wege frei sind, dass die benutzt werden können. Und den Blick nicht nur auf die eigene Diözese oder die eigene Gliederung zu haben, sondern den Blick zu haben über Österreich und darüber hinaus. Neben den bekannten „Leuchttürmen“ wie Sternsingen, Familienfasttag und „Sei so Frei“ gibt es eine Fülle an weiteren Projekten wie „Hands On“, den Chor der Hochschuljugend in Wien und zahlreiche Kooperationen mit Initiativen wie Religions for Future, Neustart Schule, Mauthausenkomitee, Transformationsforum Österreich. 

„Jetzt ist diese Arbeit für die Katholische Aktion für mich eine große Ressource.“


Brigitte Knell

Wie sehen Sie die Zukunft der Katholischen Aktion? Welche Projekte gibt es für die nächsten Jahre?

KNELL: Es gilt, gut zu schauen, wie es mit dem Ehrenamt in einer Kirche weitergeht, die nicht mehr alle Menschen erreicht. Vielleicht erreichen wir andere Menschen, vielleicht an anderen Orten. Persönlich wünsche ich mir eine gute Verankerung des Ehrenamts in der Struktur. Denn zurzeit hängt sehr viel an Entscheidungsmacht am geweihten Priester. Dass das Ehrenamt auch einen wirklich verbrieften Platz hat, dass das, was jahrzehntelang gewachsen ist, auch weiter wachsen darf, dass da Platz vorgesehen wird.
RENNER: Unser erster Blick ist nicht auf die Zahl der Mitglieder im, etwas salopp gesagt, „Verein Kirche“, sondern unser erster Blick ist darauf gerichtet, wo wir hinwollen oder was unsere Aufgabe, was unsere Schwerpunkte sind. Und da ist ganz sicher einer unserer Schwerpunkte die Avantgarde. Dass wir als Katholische Aktion mit allen Gliederungen ganz viele Orte haben, wo wir Kirche in 20, 30, 40 Jahren ausprobieren können. Wie können wir als kirchliche Gemeinschaft, als Christinnen und Christen unseren gesellschaftlichen Auftrag so leben, dass er für uns erfüllend ist, aber auch für andere Menschen, die wir bis jetzt vielleicht gar nicht so im Blick hatten, interessant ist? Das Zweite ist die Vergemeinschaftung. Wir sehen uns als Rahmen-Gebende für Orte, wo Menschen zusammenkommen können, wo sich Menschen wiederfinden. Das kann ein Inhalt sein, wo Leute sagen: Ja, da stehe ich wirklich dahinter. Oder es ist tatsächlich eine Gruppenstunde oder ein Treffen von der Frauenbewegung oder ein Ort in der Betriebseelsorge. Das sind ganz unterschiedliche Orte, die wir bespielen. Und diese Orte wird es weiterhin brauchen, und die können wir als Ehrenamtliche und als Ehrenamtsorganisation immer gut zur Verfügung stellen. Das Dritte, neben Avantgarde und Vergemeinschaftung, ist die Anwaltschaftlichkeit. Wir sehen es als unseren Auftrag, dass wir die Stimme erheben für die Menschen, die das nicht selber können, in Österreich und auch weltweit. Deswegen haben wir auch viele Projekte mit internationalen Partnern und Partnerinnen. Wir dürfen diesen Auftrag nicht vergessen.

Wie wichtig ist das ehrenamtliche Engagement für die Arbeit der Katholischen Aktion? Wie fördern Sie dieses Engagement?

KNELL: Die Katholische Aktion ist eine große Ehrenamtsorganisation. Ganz viele Menschen stellen ihre Freizeit, ihr Know-how, ihre Kreativität für ihre Arbeit in unserer Kirche zur Verfügung. Und da gibt es die Möglichkeit für Menschen in der Katholischen Aktion vielfältig dabei zu sein. Ein Platz für die Kinder, die einfach da sein und kommen dürfen, wo gespielt, wo gelernt wird. Etwa Demokratie: Wie geht das Miteinander-Auskommen? Wie halte ich Spielregeln ein? Wo kann ich Neues entdecken? Wo kann ich mich stundenlang zweckfrei beschäftigen? Platz für die Jugend. Platz für Menschen, die studiert haben sowie für Menschen, die nicht studiert haben. Platz für Frauen, die ihrer Spiritualität auf die Spur kommen. Für Männer, die sich engagieren wollen. Wir haben eine große Bandbreite und eine große Vielfalt.
RENNER: Spannend an der Struktur der Katholischen Aktion finde ich, dass die Ehrenamtlichen die Richtung vorgeben. Das heißt, es gibt wohl Hauptamtliche bei uns, die sind aber zur Unterstützung der Ehrenamtlichen da. Das ist ein Spezifikum der Katholischen Aktion. Dass wir als Ehrenamtliche, die unsere Zeit dafür hergeben und die wir alle beruflich und privat aus völlig unterschiedlichen Kontexten kommen, gemeinsam die inhaltliche Richtung überlegen, mitbestimmen und mittragen. 

„Das Weiheamt für Frauen ist in Mitteleuropa eines der drängendsten Probleme.“


Katharina Renner

„Ich fühle mich immer wieder als Rufer in der Wüste, wenn ich betone: Lest die Konzilstexte!“, wiederholte der Konzilsvater Kardinal Franz König unablässig. Welche Rolle spielt das Zweite Vatikanische Konzil in der Katholischen Aktion Österreich?

KNELL: Der große Auftrag des Konzils auch an uns, die wir nicht geweiht sind, lautet: dass ich mich als Frau für diese Kirche engagiere, dass ich meine Berufung wahrnehme, meinen Auftrag als Königin, Priesterin und Prophetin wirksam werden lasse, dass ich mitarbeite am Reich Gottes in dieser Welt, weil ich Christin bin, weil ich getauft bin und weil ich dazugehöre.
RENNER: Als Ermächtigung und als Kirche-in-der-Welt spielt das Konzil eine sehr große Rolle. Wir empfinden – ähnlich wie viele andere – eine gewisse Trauer darüber, dass nicht alles so eingelöst worden ist, wie es damals überlegt wurde. Dieses Kirche-in-der-Welt-Sein, das ist für uns schon sehr leitend.

Was wünschen Sie sich hinsichtlich des großen Themenbereichs „Frauen und Kirche“?

KNELL: Ich finde es wirklich spannend, was sich da gerade tut. Der Vatikan ist mindestens so vielfältig, wie wir es in Österreich oder in Deutschland sind. Da brodelt es gerade, da ist noch nicht jede Tür zu. Da ist noch nicht ganz klar, wohin die Richtung geht. Persönlich wünsche ich mir, dass in der Frauen-Frage was weitergeht. Es geht nicht zusammen, wie ungerecht unsere Kirche da agiert, das geht sich einfach nicht mehr aus. Wir haben einen Auftrag, ich würde mir wünschen, dass die Kirche da vorangeht, dass die Kirche das glaubhaft auf der ganzen Welt vertritt: Wir sind als Menschen von Gott geliebte Wesen, von Gott geschaffen, und diese gleiche Würde soll überall verkündet werden. Generell braucht es auch eine grundsätzliche Neuausrichtung all dieser Fragen rund ums Amt. Ganz viel Erneuerung kommt dabei von den Orden, die eine lange Tradition haben, die auch neue Wege ausprobieren. Ich hoffe auf die Kompetenz und den reichen Erfahrungsschatz der Frauen- und Männerorden.
RENNER: Dem kann ich nur zustimmen. Mir wäre wichtig, dass man anerkennt, dass das Weiheamt für Frauen bei uns in Mitteleuropa eines der drängendsten Probleme ist. Die Zulassungsbedingungen für die Weihe sind das eine Thema, das andere Thema ist der wieder erstarkende Klerikalismus. Beides behindert und erschwert unsere Arbeit bei ganz vielen gesellschaftspolitischen Themen. 

Autor:
  • Agathe Lauber-Gansterer
  • Stefan Kronthaler
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