Die Beichte ist keine „Polizeistation“

Wiederentdeckung eines Sakraments
Ausgabe Nr. 13
  • Spiritualität
Autor:
Kann man beichten gehen, auch wenn man aus der Kirche ausgetreten ist?
©Stephan Schönlaub
Johannes J. Kreier: „Gutes Beichten kann man lernen ...“ ©Stefan Kronthaler

Die österliche Bußzeit umfasst mehr als die sogenannte „Fastenzeit“, die nur einen Aspekt, das Fasten, beleuchtet. „Bußzeit“ hat mit „Umkehr“ zu tun. Die sogenannte „Beichte“ kann als wirkliches Geschenk entdeckt werden, sagt Domkurat Johannes Joachim Kreier.

Manche nennen das Buß-Sakrament im deutschsprachigen Raum ein vergessenes Sakrament. Viele können mit der „Beichte“ wenig bis gar nichts (mehr) anfangen, denn oft haben sie in jungen Jahren schlechte Erfahrungen damit gemacht. Wurden doch die Zehn Gebote allzu oft auf das „sexte“ Gebot reduziert. Zeitgleich entdecken in Europa auch viele junge Menschen das Sakrament der Versöhnung wieder neu. Der SONNTAG sprach mit Domkurat Johannes Joachim Kreier, einem der vielen „Beichtväter“ im Stephansdom, über die Beichte als Chance für ein gelingendes Leben.

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Herr Domkurat, wie oft gehen Sie beichten?

JOHANNES JOACHIM KREIER: Meine Regel ist: einmal monatlich oder auch anlassbezogen öfter – bei gröberen „Schnitzern“.

Was bedeutet Ihnen das „Sakrament der Versöhnung“?

Als Kind und Jugendlicher ging ich regelmäßig – wie in den 60er- und 70er-Jahren auf dem Land noch üblich – zur Beichte. Während meiner Kloster-, Studien- und Seminarzeit rückte das Sakrament in den Hintergrund – kaum jemand hat einen dazu angehalten. Aus heutiger Sicht erschreckend. Als Neupriester habe ich dann das Sakrament neu als ein Riesengeschenk wieder entdecken dürfen: Beichte zu hören hat nichts mit einer „Machtposition“ zu tun, sondern macht einen oft genug beschämt und demütig – und drängt einen, das Sakrament selbst zu empfangen.

Ein fast vergessenes Gebot der Kirche lautet, dass wir wenigstens einmal im Jahr das Sakrament der Versöhnung empfangen sollen – etwa zu Ostern …

Eine grundsätzlich sinnvolle Regelung, die an die alte Taufpraxis der Kirche zu Ostern erinnert; mit der Taufe war ja zugleich die Vergebung der Sünden verbunden. De facto wird diese Regel im deutschsprachigen Raum nicht mehr gelebt. Das Problem liegt zum großen Teil bei der Hinführung zu den Sakramenten – wo geschieht eine Katechese, eine Erschließung, für junge Menschen und Erwachsene? Ein großes pastorales Defizit. Eine Ausnahme sind die Katechesen unseres Erzbischofs von 2008, nachzulesen in dem inspirierenden Buch: Christoph Kardinal Schönborn, „Wir haben Barmherzigkeit gefunden. Das Geheimnis des göttlichen Erbarmens“.

Wann kommen Menschen zu einer befreienden Erfahrung mit der Beichte?

Im Namen dessen, an den wir glauben, Jesus Christus, wird mir eine Last abgenommen, ob klein oder groß. Er will unseren Ballast, Er trägt unsere Sünde für uns (Johannes 1,29). Das zu erfahren, ist immer befreiend.

Anders gefragt: Wie kann das Bußsakrament ein geniales Mittel zum Neubeginn im Leben werden?

Lasten, die sich auf dem Lebensweg angesammelt haben, loszuwerden, Wunden, die wir geschlagen haben oder die uns zugefügt wurden, der Heilung auszusetzen, nicht mit diesem Riesengepäck auf dem Rücken uns weiter abschleppen zu müssen oder permanent in eigenen wie fremden Wunden herumzustochern – welch eine Befreiung. Die alten Väter der Wüste wussten schon, dass es eine Taktik des Teufels ist, sich ständig mit alten Sünden und „Altschulden“ zu beschäftigen ... Und in einem ostkirchlichen Gebet heißt es von Christus: Der Arzt erscheint, zeig IHM deine Wunden.

Was "müssen" wir beichten?

Die Frage nach der sogenanten „Beichtmaterie“ ist eine heikle. Ihr voraus liegt die Frage nach der Schulung unseres Gewissens. Wenn wir im Gebet eine lebendige Beziehung zu Christus aufbauen und pflegen, uns an Seinem Evangelium schulen, hören – als die wichtigste geistliche Disziplin – nicht zuletzt auf die Gebote der Kirche, dann ergeben sich daraus die Themenfelder, an denen ich arbeiten muss, in denen ich erkenne, wo ich schwach bin, versage, immer wieder in die gleichen Fallen tappe ...

Wie kann eine Kultur der Versöhnung schon im Kindesalter eingeübt werden?

Natürlich spielt hier das familiäre Umfeld eine große Rolle, die primären Bezugspersonen. Wenn wir Kinder zu diesem Sakrament hinführen wollen, müssen sie erfahren, erleben, dass auch z. B. die Eltern einander vergeben und der Vergebung auch im Sakrament bedürftig sind. Man könnte sich manchen Klimmzug bei der Erstbeichtvorbereitung sparen, würden die Eltern vor und mit ihren Kindern am gleichen Tag das Bußsakrament empfangen. Und: Die lukanischen Gleichnisse sind auch für Kinder eingängig, sie sprechen aus sich selbst, Jesus ist ein wunderbarer, fesselnder Erzähler.

Haben wir noch ein Gespür für das, was wir "Sünde" nennen müssten?

Ein weites Feld, das den umstrittenen Themenkreis der sogenannten Autonomie des Menschen berührt, nach dem Motto: Ich weiß doch selbst, was richtig ist. Ich lasse mir nichts einreden. Der Dogmatik-Professor Karl-Heinz Menke sagt es so: „Wenn ein Mensch ist, was er nach dem Willen seines Schöpfers sein soll, realisiert und entfaltet er seine Freiheit. Und umgekehrt: Wenn ein Mensch nicht ist, was er von Gott her sein soll, verfehlt er sich selbst, sein Richtigsein, und wird unfrei, Sklave der Sünde.“ Wirkliche Freiheit und Entfaltung kann ein Mensch nur in der Übereinstimmung mit Gott erreichen. Alles, was davon „sondert“, nennen wir Sünde und birgt das Potential des Scheiterns.

Lässt sich gutes Beichten lernen?

Beichte ist ja ein dialogisches Geschehen. Gute Beichtväter hören nicht nur aufmerksam d. h. im Sinn des Evangeliums zu, sondern sind auch Mäeutiker, in der „Hebammenkunst“ bewandert, wie man das seit Sokrates nennt. Nicht Neugier oder die „Katechismusbreitseite“ hilft dem/der Beichtenden. Es ist ein Weg, der sich im Gehen erschließt. Zuweilen ist es erschütternd, wenn jemand nach Jahrzehnten der Entfremdung diese befreiende Erfahrung machen darf. Die Beichte ist wie eine Herberge, in der ich wieder neu Kraft schöpfe und gestärkt werde für die nächste Etappe, sie ist nicht eine „Polizeistation“, in der meine Vergehen protokolliert werden. Und nicht zuletzt kann man gutes Beichten lernen, wenn man einen guten Beichtvater gefunden hat, dem man vertraut und ihn nicht immer wechselt – was legitim ist, aber nicht selten von einem falschen Schamgefühl herrührt –, sodass eine geistliche Entwicklung möglich ist, ein kontinuierliches Arbeiten an sich selber.

Wenn wir an Gott und seine Barmherzigkeit glauben, können wir dann leichter beichten?

Glaubten wir nicht daran, machte die Beichte ja keinen Sinn. Wir halten unser Leben, unser Versagen, unsere Fehler und Schwächen hinein in die geöffneten Arme des Gekreuzigten – der Ikone des barmherzigen Gottes. Dort hat noch die größte Entfernung zu Gott ihren Platz. Denn durch Seinen Tod am Kreuz hat Christus auch diesen Raum ausgemessen für uns (Matthäus 27,46).

Warum bekommen wir durch das Beichten einen klaren Blick auf das eigene Leben?

Weil wir unser Leben als Christen, unser Denken und Verhalten konfrontieren mit dem Evangelium. Das erste Wort im Markusevangelium, das Christus spricht, ist: „Metanoeite! Denkt um! Kehrt um!“ (Markus 1,15). Kein ermüdendes „Weiter so“, kein Durchwurschteln bis zum Überdruss. Das Wort Christi reinigt uns (Johannes 15,3) und drängt uns, hineinzureifen in Sein Evangelium, in Sein Reich. Wer diese Mühe und Arbeit – und das ist es zuweilen – nicht scheut, wird reich belohnt.

Wofür steht die feierliche Zusage der Vergebung durch Gott in der Absolutionsformel? 

In diesem Gebet – „Gott, der barmherzige Vater hat durch den Tod und die Auferstehung seines Sohnes die Welt mit sich versöhnt und den Heiligen Geist gesandt zur Vergebung der Sünden“ (Matthäus 26,28; Johannes 20,22f.) – wird nicht nur das ganze Erlösungsgeschehen durch den dreifaltigen Gott „aktualisiert“, sondern es wird zugleich deutlich, dass, wie Augustinus sagt, Christus der Spender des Sakramentes ist, Christus die Sünden vergibt. Wer sich aufmacht, zu beichten, der wird mit dieser intensiven Christuserfahrung und der Begegnung mit Ihm beschenkt.

Autor:
  • Stefan Kronthaler
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