Christliche Spiritualität: Wie geht das?

Lehrgang Spiritualität
Ausgabe Nr. 3
  • Spiritualität
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"Glaube ist mystisch und politisch" heißt eines der acht Seminare aus dem Lehrgang Spiritualität. ©Maurício Eugênio
Sr. Christine Rod
Sr. Christine Rod ist Generalsekretärin der Österreichischen Ordenskonferenz. ©ÖOK

Entdecken Sie die faszinierende Welt der christlichen Spiritualität mit einem zweijährigen Lehrgang "glauben und leben". Tauchen Sie ein in eine Reise der Selbstfindung und spirituellen Bereicherung.

„Glaube ist mystisch und politisch“ hieß eines der acht Seminare aus dem Lehrgang „glauben und leben. Spuren und Wurzeln des Christlichen“, den die Österreichische Ordenskonferenz durchführt. 

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Für die einen ein sperriger Titel, schwer zugänglich oder schwer auf die Reihe zu bringen. Für die anderen höchst attraktiv, sodass einige Personen (keine Lehrgangsteilnehmer) sagten: „Ja, das würde mich auch interessieren, da würde ich auch gerne mitmachen.“

Wovon ist die Rede?

„Mystisch“ bzw. „Mystik“ ist ein Wort, das aus dem Griechischen kommt, und es ist gar nicht so leicht zu übersetzen. Es hat etwas mit „verborgen“ zu tun und mit dem Schließen von Mund und Augen, also mit der Aufmerksamkeit nach innen. In den letzten Jahren sind die Mystik und die Mystiker im Zuge des wiedererwachten Interesses für Spiritualität für viele Menschen ein spannendes Thema geworden. Was auch immer sich die Einzelnen darunter vorstellen.

Karl Rahner, einer der großen Theologen des 20. Jahrhunderts, hat vor Jahrzehnten von der Mystik gesprochen: „Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat. Oder er wird nicht mehr sein.“ Mystik hat also mit Erfahrung, mit Glaubenserfahrung zu tun. Erfahrung ist nichts Zufälliges, und sie ist auch nicht nur ein schönes Gefühl. Erfahrung ist einerseits – so wie jede Spiritualität – ein Weg und ein Übungsweg. Und sie ist andererseits ein reflektiertes und somit angeeignetes Erleben. Ganz sicher ist Glaube kein fertiggeschnürtes Paket.

Mystik bleibt etwas Geheimnisvolles, und sie hat eher – vereinfacht gesagt – mit inneren Wirklichkeiten zu tun. Alle großen Mystiker haben in einer starken Gottesbeziehung gelebt und gleichzeitig hatten sie großen Respekt vor Gott, haben ihn manchmal sehr fern erlebt und haben auch mit ihm und mit dem gerungen, was er ihnen im Leben zugemutet hat.

Am Lebensort der Menschen

„Politisch“ oder „Politik“ hat mit äußeren Wirklichkeiten zu tun. Auch dieser Begriff kommt aus dem Griechischen. Die „polis“ war die Stadt, der Lebensort von Menschen. „Politisch“ bedeutet also das, was die Stadt, den Lebensort, das Gemeinwesen von Menschen betrifft. Die Lebensbedingungen, die Weise, wie Menschen ihr Zusammenleben regeln, wie sie mit Stärkeren und Schwächeren umgehen, wie sie gemeinsamen Herausforderungen begegnen, wie alle zu dem kommen, was sie zu einem einigermaßen guten Leben brauchen. Die Politik hat also mit äußeren Wirklichkeiten zu tun. Oder zumindest mit inneren Haltungen, die sich dann auf äußerlich Sichtbares und Gestaltbares auswirken.

Gott hat alles geschaffen

Mystik und Politik sind innere und äußere Wirklichkeiten, die für Christenmenschen eng zusammengehören. Schon das alte Glaubensbekenntnis spricht davon, dass Gott alles geschaffen hat, die sichtbare und die unsichtbare Wirklichkeit. Wie schön! 

Aufmerksamkeit für das Leben und eine Bereitschaft zum Handeln

Die Referenten bei dem Seminar des Lehrgangs „glauben und leben. Spuren und Wurzeln des Christlichen“ im vergangenen September waren Rainald Tippow und Karl-Heinz Steinmetz. Tippow ist Theologe und ist seit vielen Jahren Leiter der PfarrCaritas Wien. Eine Zeitlang war er auch der theologische Referent des langjährigen Caritaspräsidenten Michael Landau. Tippow weiß, wovon er spricht, wenn er immer wieder darauf hinweist, dass Caritas nicht nur etwas für „Gutmenschen“ ist, sondern eine Aufmerksamkeit für das Leben und eine Bereitschaft zum Handeln ist, die von unserem Glauben nicht zu trennen ist. Und er weiß, dass manchmal in der „polis“, in der Öffentlichkeit laut und klar darauf hingewiesen werden muss. 
Karl-Heinz Steinmetz ist Spezialist für Spiritualitäts- und Medizingeschichte. Eine bemerkenswerte Kombination. Viele der alten Mystiker und Mystikerinnen, die in einer ganz besonderen Gottesbeziehung gelebt haben, waren auch Heilkundige. Die Prominenteste ist wohl die heilige Hildegard von Bingen, aber es ist keineswegs nur sie. Auch da kommt mir in den Sinn: Wie schön, dass sich die Heiligen nicht nur um die „frommen“ Angelegenheiten gekümmert haben, sondern auch um die ganz handfesten.

Sowohl als auch

„Glaube ist mystisch und politisch.“ Das „Und“ ist hier ein wichtiges Wort. Es geht nicht um ein Entweder – oder, sondern um ein Sowohl – als auch. Es ist entlastend und herausfordernd zugleich, sich nicht nur auf eine der beiden Kräfte „spezialisieren“ zu müssen. Entweder auf Mystik oder auf Politik im Glauben. Was mich tröstet, ist die Botschaft von Religionssoziologen, nämlich, dass viele Menschen in der so genannten säkularen Gesellschaft zwei Aspekte an der Kirche schätzen: Die Spiritualität bzw. die Mystik und die Caritas.

Auch wenn ich keine Sozialarbeiterin bin und nur wenig mit den Rändern der Gesellschaft zu tun habe, so habe ich doch begriffen, dass es mich – als glaubende Frau – etwas angeht, wie Menschen in unserer größeren oder kleineren Welt leben. Dass ich zumindest hinschauen und mich betreffen lassen möchte. Und so bin ich immer wieder auf dem Übungsweg von „mystisch und politisch“, von innerer und äußerer, von unsichtbarer und sichtbarer Wirklichkeit.

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