Als engagierter Christ im Dienste der Schwächsten

70. Geburtstag von Franz Küberl
Ausgabe Nr. 16
  • Soziales
Autor:
Franz Küberl und Stefan Hauser beim Interview
Stefan Hauser trifft Franz Küberl: Der Stephansdom ist für den ehemaligen Caritas-Präsidenten seit jeher ein Kraftort. ©Markus A. Langer
Franz Küberl in Afrika
Bis an die Ränder der Welt unterwegs: Auch in den hintersten Winkeln Afrikas hat Franz Küberl trotz Not und Leid Menschen gefunden, die sich um andere angenommen haben. ©Caritas Österreich

Jahrzehntelang war Franz Küberl ein unermüdlicher Lobbyist für die Schwächsten der Gesellschaft in Österreich, in Osteuropa und in den Ländern des Globalen Südens. 18 Jahre stand er als erster Laie an der Spitze der Caritas Österreich.

Wir treffen Franz Küberl vor dem Riesentor des Stephansdoms. Er ist von der Steiermark nach Wien für eine Präsentation seines neuen Buches „Zukunft muss nach Besserem schmecken“ gekommen. Als Ausgangspunkt für einen Stadtbummel hat er nicht von ungefähr die Hauptkirche des katholischen Österreichs ausgewählt. „Im Stephansdom und am Stephansplatz haben sich außerordentliche kirchliche Ereignisse gebündelt, von denen ich viele noch in Erinnerung habe: Papstbesuche, Katholikentage und ganz große, unvergessliche Gottesdienste“, sagt Küberl. „Ich denke an das Friedensgebet 1982 nach der großen Friedensdemonstration, wo im Stephansdom gar nicht für alle Menschen Platz war, die mitbeten hätten wollen. Das war für mich so ein ungemein beeindruckendes fundamentales Gläubigkeitserlebnis“, erinnert sich Franz Küberl. „18 Jahre lang war ich als Caritas-Präsident jede Woche einen oder mehrere Tage in Wien. Ich habe allermeist, wenn ich in der Stadt zu tun hatte, den Tag mit einem Gang in den Stephansdom begonnen, weil das Gebet für mein inneres Sinngehäuse Bedeutung hat.“ 

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Wie sind Sie aufgewachsen? Sie kommen aus sehr bescheidenen Verhältnissen.

Ich war ein „Kellerkind“. Meine Eltern waren Hausmeister in einer Villa und wir haben im feuchten Keller gewohnt. Das Untensein hat natürlich geprägt. Das darf man nie vergessen und habe ich hoffentlich auch nicht vergessen, wie es da unten aussieht. Ich habe aber auch erlebt, dass es mehr Lebenschancen, mehr Möglichkeiten der Entwicklung geben kann. Es ist ökonomisch weit besser geworden, und ich hätte mir nie träumen lassen, wie gut es mir einmal gehen wird. Aber beeindruckend ist für mich, wenn ich zurückblicke, welchen Weg ich zurückgelegt habe, aber immer mithilfe vieler anderer Menschen. Denn alleine ist man gar nichts. 

Wie wurden Sie in Ihrer Kindheit und Jugend vom Glauben geprägt?

Die Ureinflüsse sind wohl durch meine Mutter gekommen. Ich erinnere mich heute noch an den ersten bewussten Kirchenbesuch in der Grazer Pfarre Sankt Leonhard. Das wird wahrscheinlich das Leonhardi-Fest 1957 gewesen sein. Ich sehe da vorne am Altar etwas, das sich bewegt, und ich frage meine Mutter ganz laut in der vollen Kirche: „Sind das da vorne auch Menschen?“ Meine Mutter, eine schüchterne Frau, ist zusammengezuckt. Ich kann nur sagen: Ja, es sind Menschen wie Sie und ich. Ich hatte mein ganzes Leben lang mit Geistlichen sehr gute Kontakte. Ich bin im kirchlichen Milieu groß geworden. Ich war Ministrant, in der Jungschar, in der Katholischen Arbeiterjugend. Ich bin Jahresring für Jahresring in der Kirche weitergegangen und bin so ein in der Wolle gefärbter Katholik geworden. 

Welche Kraft ziehen Sie heute persönlich aus dem Glauben?

Für mich ist das Jesuanisch-Biblische schon ein großes Fundament und eine große Fundgrube für das eigene Tun. Ich finde, dass das elementar mit diesem Kraftwerk „Auferstehung“ zu tun hat, ohne das Glaube sinnlos wäre. Diese Verheißung, dass es einmal ganz gut werden wird und dies alle Menschen umfassen kann, das ist schon etwas, das mich immer beschäftigt hat und mich weiterhin antreibt. 

Sie waren fast zwei Jahrzehnte lang Präsident der Caritas Österreich. Sie waren an vielen Schauplätzen der Welt und in Österreich und haben Armut und Benachteiligungen erlebt. Was haben Sie sich denn aus dieser Zeit mitgenommen?

Viele Erlebnisse aus diesen Besuchen im Süden der Welt haben mich wesentlich geprägt. Das sind Bilder, die mich heute noch bewegen, weil ich zum einen ungemein viel Not erleben musste. Die gibt es eben und man muss der Not und den Menschen, die in Not sind, ins Auge blicken können. Das ist der Beginn von Mitmenschlichkeit. Zum anderen hat mich eines schon ungemein beeindruckt: Ich war in so manchem sogenannten hinteren Winkel von Ländern, weil ich immer beseelt davon war, nicht nur in den Hauptstädten zu sein. Ich habe keinen Winkel Afrikas, kein Flüchtlingslager und keine dramatische Situation gefunden, wo es nicht doch Menschen gegeben hat, die sich um andere angenommen haben. Das hat mich immens für mein eigenes Leben und Engagement beseelt und mich angetrieben, dass ich nicht zu schnell zufrieden bin, sondern das, was zugunsten von Menschen notwendig ist, auch tatkräftig eingesetzt wird.

Auch in Österreich haben Menschen zurzeit Probleme, dass sie sich ihren Lebensalltag leisten können. Was kann man da machen?

Es muss das große gesellschaftliche Ziel sein, dass alle Menschen ein halbwegs vernünftiges Einkommen haben. Es gibt in einer unvollkommenen Welt eine Menge an Situationen, wo jedoch Menschen in Not geraten können, obwohl sie sich das nie zuvor vorstellen hätten können. Das ist Mitmenschlichkeit von Einzelnen gefragt. Viele Menschen können aus sich heraus auch anderen in beeindruckender Weise beistehen. Natürlich braucht es in vielen Formen der Behebung und Linderung von Not präzise Anstrengungen. Helfen muss auch gelernt sein. Da sind  Zusammenschlüsse von Gruppen und von Menschen wie Caritas, soziale Initiativen usw. wichtig, weil Solidarität auf Dauer gemeinschaftlich präziser und mit längerem Atem ausgestattet umgesetzt werden kann. Es bleibt jedoch Hauptaufgabe des Staates, Armut zu bekämpfen und zu schauen, dass möglichst alle aus der Armut wieder herauskommen. 

Jetzt sind Sie 70 Jahre alt. Wenn wir 20 Jahre zurückblicken, hätte Ihr Leben ganz anders enden können. Sie hatten einen Unfall und sehr viel Glück. 

Es war aber vor allem ein Wunder und das ist deswegen wirksam geworden, weil an diesem Tag an die 30 bis 40 Menschen daran gearbeitet haben, dass ich als fast schon Abgeschriebener wieder in das normale Leben zurückkehren konnte. Das ist eigentlich das Tolle, wie viele Menschen es gibt, die ihren Sachverstand, ihre Herzhaftigkeit und ihr Engagement ins Zeug werfen, damit eben ein Einzelner wieder zurückrudern kann. Mir ist damals im Spital auch klar geworden, wie vielen Menschen, die in ihren gesundheitlichen Dramen gefangen sind, diese Kraft von anderen zugutekommt. Das halte ich schon für einen starken Kapazitätsnachweis unserer Gesellschaft, was alles zusammengebracht wird, wenn Menschen miteinander und füreinander etwas tun.

Wir stehen nun vor St. Barbara, der Kirche der ukrainisch-katholischen Gemeinde in Wien. Auf einem Baugerüst hängt ein Plakat mit der Aufschrift „Stop War“ und mit einer Friedenstaube. Kann man diesen Krieg begreifen?

Nein, wie jeden anderen Krieg auch nicht. Ich denke oft an Menschen, die ich in der Ukraine kennengelernt habe, auch in Charkiw in diesem Waisenhaus. Oft geht mir durch den Kopf, wie es den damaligen Kindern und Jugendlichen heute geht, ob sie noch halbwegs unversehrt am Leben sind oder ob sie im schlimmsten Sinne des Wortes unter die Räder des Krieges gekommen sind. Man kann Leid nicht nachempfinden, das ist zu unauslöschlich in den jeweiligen Menschen eingeprägt. Aber mitfühlen kann man schon. Das Einzige, das wir jetzt tun können und was Gott sei Dank in großem Maße getan wird, ist mitzuhelfen, dass elementarste Nöte etwas weniger werden können. Wir können nur hoffen, dass auch bei den Leuten, die diesen Krieg unbedingt wollen, einmal Einsicht einkehrt und eine Umkehr möglich wird.

Autor:
  • Stefan Hauser
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