Sexueller Missbrauch passiert immer und überall

Kinder vor Sex und Gewalt schützen
Ausgabe Nr. 12
  • Leben
Autor:
Porträt Josefine Barbaric
Josefine Barbaric hat das Schlimmste erlebt. Lautstark fordert sie den Schutz aller Kinder. ©Tobias Fröhner Photography
Josefine Barbaric mit ihrem Buch "Nein, lass das"
Über Prävention hat Josefine Barbaric zwei Bücher für Kinder geschrieben. ©Tobias Fröhner Photography

Josefine Barbaric wächst im Heim und bei Pflegefamilien auf. Sie wird jahrelang sexuell missbraucht und mit 17 Jahren in die Zwangsprostitution verkauft. Heute kämpft sie für den Schutz aller Kinder. Denn was ihr widerfahren ist, passiert jeden Tag, jede Minute.

Wenn Josefine Barbaric zu reden beginnt, verlassen manche Menschen den Raum. Sie kennt das. Denn was sie erzählt, ist oft nur schwer auszuhalten. „Wir sollten den sogenannten ,sexuellen Kindesmissbrauch‘ als das benennen, worum es wirklich geht: nämlich perfideste, schwerste, sexuell motivierte Gewalttaten erwachsener Menschen zu ihrer Befriedigung. Und die Betroffenen sind Kinder. Das ist ein chronisches Geschwür, von dem die Welt schon seit langer Zeit weiß.“

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Sie kann laut werden, wenn sie darüber spricht. Laut und wütend. Die Wut ist es, die sie antreibt, die Wut darüber, dass genau das passiert, in jedem Augenblick, überall. Im heruntergekommenen Plattenbau genauso wie in der schicksten Villa. Und die Kinder werden alleingelassen.

Sie hat es selbst erlebt, viele Jahre lang. Die Angst, die unsagbaren Schmerzen, die Erniedrigungen, die Scham. Als Baby kam Josefine Barbaric in ein Heim und danach zu verschiedenen Pflegefamilien. Sie war sechs Jahre alt, als sie bei einer Pflegemutter landete, die sie für Geld Männern mitgab. Was diese Männer mit ihr gemacht haben, erzählt Josefine Barbaric in Schulungen. Und dann gehen eben einige. Andere weinen.

„Das möchte nicht jeder hören. Es schmerzt auch, das weiß ich. Aber es braucht diese Deutlichkeit, um zu verstehen, wie tragisch und schwerwiegend die Situation ist.“ Sie weiß, dass sie recht hat. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer schreiben ihr später: „Sie haben mir die Augen geöffnet.“
 

Zwangsprostitution in Europa

Große Augen machen die Menschen auch, wenn Josefine Barbaric erzählt, dass sie mit 17 Jahren in die Zwangsprostitution verkauft wurde. Im Hinterzimmer einer Bar mitten in Deutschland vergewaltigten sie Männer und blätterten dafür viel Geld hin. Je jünger, desto teurer. Einer der Freier gab ihr schließlich 30.000 DM, damit sie sich freikaufen konnte. „Das ist natürlich absurd. Er kommt als Freier und vergewaltigt einen regelmäßig, und dann sagt er: ,Eigentlich gehörst du hier gar nicht hin, du bist ja noch so jung.‘“ 

Das Schweigen brechen

25 Jahre lang hat Josefine Barbaric über das, was ihr angetan wurde, geschwiegen. Dann war eines Tages ihre Stimme weg. „Da habe ich begonnen zu begreifen, dass ich mich mit meiner Vergangenheit auseinandersetzen muss.“ Es ist ein langer Weg, der nie zu Ende sein wird. „Man legt das nicht ab wie ein Gewand. Es ist spürbar in jeder Lebenssituation. Und es macht eine Menge kaputt.“  

Trotzdem ist Josefine Barbaric gelungen, was viele nicht schaffen. Sie hat es gesund überstanden, hat einen Partner, der sie unterstützt, und zwei Kinder, die ihr Kraft geben. „Ich bin dankbar, dass ich daran nicht zerbrochen bin wie so viele andere. Mir geht es heute gut, das Leben ist schön. Das möchte ich den Menschen, die Gewalt, vor allem sexualisierte Gewalt erlebt haben, mitgeben: Das Leben ist schön, und man kann sein Leben selbst in die Hand nehmen. Auch, wenn es nicht einfach ist.“ 

Viele Frauen und Männer sind nach solchen Erlebnissen nicht in der Lage, einen Beruf auszuüben oder eine Beziehung zu führen. Sie können auch nicht über ihre Vergangenheit sprechen. Dabei wäre das so wichtig, sagt Josefine Barbaric. „Ich möchte allen mitbetroffenen Menschen Mut machen, mit ihrer Geschichte ins Außen zu gehen, damit die Gesellschaft sieht: Das sind keine tragischen Einzelfälle, sondern das ist für viele Kinder traurige Realität.“

Corona macht die Kinder unsichtbar

In den letzten zwei Jahren hat sich die Situation aufgrund der Corona-Maßnahmen zugespitzt. „Die Kinder sind von der Bildfläche verschwunden und die Täter hatten vollsten Zugriff auf sie.“ Sind Kindergärten und Schulen geschlossen oder wird die Anwesenheitspflicht ausgesetzt, gibt es kaum Möglichkeiten, Misshandlungen aufzudecken. „Hämatome, gebrochene Rippen, ausgeschlagene Zähne, das alles passiert mit Kindern, jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde“, sagt Josefine Barbaric und betont: „Es darf nie, nie wieder einen Lockdown geben. Die Kinder müssen gesehen werden.“ 

Einander zu sehen, wirklich wahrzunehmen und füreinander da zu sein, das ist für Josefine Barbaric Nächstenliebe. „Das kommt in der Welt viel zu kurz. Was geschieht eigentlich in der Wohnung nebenan oder im Haus gegenüber? Wie geht es den Menschen? Brauchen sie vielleicht Hilfe? Das bedeutet für mich Liebe.“ 

Josefine Barbaric wird nicht müde, der Politik auf die Füße zu treten, den Experten und Expertinnen einzuheizen und die Gesellschaft aufzurütteln, auch mit drastischen Bildern, wenn es sein muss. Und es muss sein. Sie bleibt laut, und sie bleibt wütend. Es geht ihr alles viel zu langsam, weil sie weiß, dass mitten unter uns viele, viele Kinder und Jugendliche Höllenqualen leiden, wenn perverse Erwachsene ihre Lust befriedigen und ihnen dabei in die Ohren lachen, während sie daliegen, in Blut und Sperma, Urin und Erbrochenem. Sie haben Todesangst. Und sie sind allein, auf sich gestellt. Jeden Tag, jede Minute.   

Autor:
  • Monika Fischer
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