Räuchern in den heiligen Nächten

Zwischen Heiligabend und Dreikönig
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Räuchern von Weihrauch und Kräutern
Schutz für Haus und Hof: Beim Räuchern sollen negative Energien verbannt werden. ©Markus A. Langer
Räuchern mit einer Eisenpfanne
Die Räucherpfanne ist unerlässlich, unsere Gebete beim 12-tägigen Ritual auch. ©Markus A. Langer
Räuchern mit Weihrauch und Kräutern
Die Kohle glüht, das Räucherwerk wird darauf gelegt – nun kann das Ritual beginnen. ©Markus A. Langer

Das Verräuchern von Harzen und Kräutern ist eine uralte Tradition der Menschheit. Im Alpenraum besonders in den „Rauhnächten“, in den dunkelsten Nächten im Übergang vom alten zum neuen Jahr. Der Autor hat das rituelle Räuchern erstmals selbst ausprobiert.

Gleich vorweg: Räuchern hat in unserer Familie keinerlei Tradition, soweit ich mich in den vergangenen 50 Jahren erinnern kann. Ich nehme aber an, dass meine Altvorderen – allesamt durchwegs aus dem Bauernstand stammend – in früheren Jahrhunderten vor allem in den Rauhnächten in Haus, Hof und Stall geräuchert haben. Mensch und Vieh sollten damit vor Krankheiten geschützt und gesegnet und alte, negative Energien verbannt werden. Im Anschluss an das Räuchern wurden – so vermutlich auch in unserer Gegend im südöstlichen Niederösterreich der Brauch – die Räume mit Weihwasser gesegnet und die Tiere bekamen gesegnetes Salz ins Futter.

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Ob meine Vorfahren für das Räuchern Weihrauch oder Kräuter verwendet haben, frage ich mich. In vielen Regionen der Alpen werden getrocknete Kräuter aus dem gesegneten Kräuterbuschen von Mariä Himmelfahrt verwendet. Vor kurzem habe ich gelesen, dass selbst in Wien zu den ältesten Weihnachtsbräuchen das Räuchern mit Weihrauch gehörte. An den Vorabenden des Christ-, Neujahrs- und Dreikönigstags zogen Geistliche und Kirchendiener von Haus zu Haus, um Gespenster und Teufel „auszuräuchern“ und wurden dafür mit Speis und Trank bewirtet. Schon im Mittelalter hatte für die deutsche Äbtissin, Mystikerin und Naturwissenschaftlerin Hildegard von Bingen (1098–1179) das Räuchern eine wichtige Bedeutung, weil es mit bestimmten Pflanzen eine reinigende Wirkung erzielt sowie „böses Gewürm“ und „Geister“ vertrieben werden können.

Je nach Region und Brauchtum beginnen und enden die Rauhnächte an verschiedenen Tagen. Ihre Ursprünge reichen in die vorchristliche Zeit. In diesen oft stürmischen Winternächten, so glaubte man, wirkten böse Mächte, die den Menschen schaden wollten. Gegen die unheilvollen Kräfte des Übergangs galt es sich zu schützen, indem man sich hinter undurchdringlichem Weihrauch verbirgt. Die Tradition, die heute am weitesten verbreitet ist, spricht von zwölf Rauhnächten und diese sind zwischen Weihnachten und Dreikönigstag, was auch der kirchlichen Interpretation der „zwölf heiligen Nächte“ entspricht. Im Jahr 567 erkannte die Synode von Tours die zwölf Tage als Festzeit an, weil sie das neue und das alte Weihnachtsfest, den neuen (25. Dezember) und den alten Neujahrstag (6. Jänner) miteinander verbanden.

Rituelles Räuchern

In der Weihnachtszeit 2021/2022 wollte ich selbst erleben, was hinter dem rituellen Räuchern in den zwölf heiligen Tagen von Weihnachten steckt. Vielleicht auch die richtige Zeit über Gott und die Welt und natürlich über sich selbst nachzudenken. Ich habe mir extra eine eiserne Räucherpfanne zugelegt. Auf dem Deckel trägt sie die Inschrift „IHS“, die Kurz- form des Namens Jesus. Das Ritual beginnt jede Nacht von neuem: Die Räucherkohle an einer Ecke mit einem Streichholz anzünden, in die mit Sand gefüllte Pfanne legen und warten, bis die Kohle durchgeglüht ist. Erst wenn die Kohle weiß ist, Weihrauch und Kräuter daraufstreuen. Als Kräuter kommen bei mir Salbeiblätter und Königskerzenblüten zum Einsatz. Da mir persönlich keinerlei Traditionen überliefert worden sind, mache ich viele Dinge einfach intuitiv. Speziell am Heiligen Abend, am Silvestertag und Vorabend von Dreikönig gehe ich zunächst mit der Räucherpfanne durch das Haus. Dabei lege ich noch nicht zu viel Räucherwerk auf die Kohle, meist verbrenne ich zuerst die Kräuter. Beim Durchschreiten der Räume mache ich ständig mit der Räucherpfanne ein Kreuzzeichen. Zum Abschluss öffne ich die zwei Haustüren, um das vermeintlich Böse hinauszutreiben.

Mein Bittgebet sei ein Räucheropfer vor deinem Angesicht, ein Abendopfer das Erheben meiner Hände.

Psalm 141,2

An allen zwölf Tagen umrunde ich das Haus dreimal. Im Freien wird vor allem viel Weihrauch in die Kohle gelegt, damit sich mehr Rauch entwickelt. Vor jedem Fenster des Hauses bleibe ich stehen, es folgt ein dreimaliges Kreuzsymbol mit der Pfanne und ich murmle „Im Namen des Vaters ...“. Der aufsteigende Rauch wird so zum Sinnbild für alle Gebete, die aus meinem Herzen zu Gott steigen. Ganz nach dem zweiten Vers des Psalms 141: „Mein Bittgebet sei ein Räucheropfer vor deinem Angesicht.“ Im Gehen bete ich das „Vaterunser” oder das „Ave Maria”. Da gibt es keine bestimmte Reihenfolge. Die Worte werden gesprochen, wie sie mir gerade in den Sinn kommen. Die Wiederholung der rituellen Handlungen tragen dazu bei, zur inneren Ruhe und Offenheit für Gott zu kommen – auch wenn es kalt ist und gerade regnet. Das sind Momente, in denen ich ganz versunken in meinen Gedanken und Gefühlen bin.

Und hat das ganze Ritual etwas gebracht? Spötter würden sagen: Nein, ein paar Wochen danach hat sich die ganze Familie mit dem Coronavirus angesteckt. Ich kann nur darauf sagen: Der Krankheitsverlauf war bei allen Gott sei Dank nicht schwer. Und Hand aufs Herz: Ein bisschen innere Einkehr und Besinnung auf das Wesentliche hat noch keinem geschadet.

Autor:
  • Porträtfoto von Markus Langer
    Markus A. Langer
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