Maria von Ägypten

Begegnung in der Wüste
Ausgabe Nr. 3
  • Theologie
Autor:
Ikone Maria von Ägypten
Maria von Ägypten empfängt von Zosimas die heilige Kommunion (Ikone, 19. Jahrhundert). ©Drahnier

In unserer neuen Serie „Die Mystikerinnen“ stellen wir einmal im Monat eine Frau vor, die aufgrund ihrer besonderen Erfahrung mit Gott Spuren in der Geschichte von Kirche und Welt hinterlassen hat. In unserer ersten Folge schauen wir auf die Wüstenmutter Maria von Ägypten († 430), deren außergewöhnlicher Weg bis heute beeindruckt.

Der Asket Zosimas ist der Legendensammlung Acta Sanctorum nach Maria von Ägypten in der Wüste von Jericho begegnet. Was seine Augen da erblickten, gab ihm zunächst Rätsel auf: „Nackt ist, was er sieht, schwarz am ganzen Körper, wie von der Sonnenglut verbrannt, weiße Haare wie Wolle auf dem Kopf, die vom Körper nicht mehr als den Nacken bedecken.“

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Zosimas galt als wahrer Meister der Askese und als nahezu vollkommen auf seinem spirituellen Weg. Der Mönch war in die Wüste gewandert, um womöglich auf einen Eremiten zu treffen, der ihm etwas bisher Unbekanntes hätte beibringen können. Als er die seltsame Gestalt erblickt, ist er nach Tagen der einsamen Wanderung, wie verrückt vor Freude und beginnt auf die Gestalt zuzugehen. Diese jedoch bemerkt ihn und läuft weg in Richtung des Innersten der Wüste. 

Knecht Gottes entpuppt sich als Frau

„Warte auf mich, du Knecht des lebendigen Gottes, wer immer du bist!“, ruft Zosimas der Gestalt nach, nichts ahnend, dass es sich dabei um eine Frau handelt. Maria gibt sich als solche zu erkennen und bittet ihn um seinen Mantel. Ohne dass sie sich zuvor je begegnet waren, weiß sie bereits alles über Zosimas und seine Suche nach Belehrung. Im Verlauf des Gesprächs und in weiteren Begegnungen erzählt Maria Zosimas ihre Geschichte. Geboren in Alexandria in Ägypten habe sie aus unstillbarem Hunger nach Liebe viele Jahre als Prostituierte gelebt. Eines Tages aber entschloss sie sich, an einer Wallfahrt zum „heiligen Kreuz“ in Jerusalem teilzunehmen. Um die Schiffsreise nach Jerusalem bezahlen zu können, bot sie der Mannschaft ihre Dienste an. 

Drei Mal habe sie dann versucht, am Gottesdienst in der Grabeskirche in Jerusalem teilzunehmen, aber jedes Mal wurde sie an der Schwelle zur Kirche wie von einer unsichtbaren Macht zurückgehalten. „Wie ein Blitz traf sie dort vor der Ikone der Gottesmutter Maria das Licht der Gotteserfahrung. Sie überließ sich rückhaltlos Gottes Barmherzigkeit und ging Richtung Jericho hinaus in die Wüste“, schildert die Theologin Gabriele Ziegler Marias Weg im Buch „Die Wüstenmütter“.

Ein Unbekannter soll Maria in der Grabeskirche drei Münzen geschenkt haben. Davon habe sie sich drei Brote gekauft, bevor sie sich als Büßerin in die Wüste jenseits des Jordans zurückzog. Die drei Brote dienten ihr über vierzig Jahre lang als Nahrung. Als ihr die Kleider vom Leib fielen, blieb sie nackt, nur von ihrem Haar bedeckt.

46 Jahre später – in diesen habe sie gegen Leidenschaften und Versuchungen gekämpft – fand der Mönch Zosimas die nackte, abgemagerte Greisin. Sie bat ihn, am nächsten Osterfest wieder zu ihr über den Jordan zu kommen und ihr die heilige Kommunion zu bringen. Im Laufe ihrer Begegnungen erkennt Zosimas, „dass nicht makellose, moralkonforme Lebensführung zur Vollkommenheit führt ... Da Maria tief empfinden und mitempfinden kann, ist ihre Bekehrung in ihren Gefühlen und ihrem Willen verankert“, führt Gabriele Ziegler aus. „Dein Verhalten, Amma, lässt offenbar werden, dass du zu Gott emporgestiegen bist“, sagt Zosimas zu Maria und nennt sie „Tabernakel, heiliges Zelt Gottes“. Etwa ein Jahr später suchte der Mönch den Ort erneut auf, wo er Maria begegnet war und fand sie tot. Er erkannte, dass sie kurz nachdem sie ein Jahr zuvor den Leib des Herrn empfangen hatte, an diesen Ort zurückgekehrt und gestorben war. Ihr Leib war unverwest. Auch ein Löwe kommt und jagt ihm großen Schrecken ein. Doch das Tier ist sanft und hilft Zosimas das Grab für Maria zu graben. Der Löwe sei Sinnbild für die besänftigten Leidenschaften der beiden, schreibt Gabriele Ziegler: „Maria Aigyptia lernt, dass menschliche Liebe ihr nicht geben kann, was sie sucht. Und Zosimas weiß nun, dass er nicht in selbst gewählter Isolierung, also abgeschnitten von lästigen Gefühlen und anderen Menschen, Gott lieben kann.“

Schlagwörter
Autor:
  • Portraitfoto von Agathe Lauber-Gansterer
    Agathe Lauber-Gansterer
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