Kirchenlehrerin Katharina von Siena

Reformerin der Kirche
Ausgabe Nr. 10
  • Theologie
Christus und Katharina von Siena
Mystik im Leiden für die Kirche: Christus tauscht sein Herz mit Katharina von Siena (Dominikanerkirche in Wien). ©Dominikanerkonvent Wien
Dr. Raphaela Pallin, Pastoralamt der Erzdiözese Wien ©Privat

Katharina von Siena (1347–1380) ist bekannt für ihre mutigen Briefe. Raphaela Pallin erläutert die Bedeutung dieser italienischen Ordensfrau, die das Heil jedes Menschen, eine Reform der Kirche und die Rettung der ganzen Welt angestrebt hat.

Wer war diese Frau, der es 1376 im französischen Avignon gelang, Papst Gregor XI. zur Rückkehr nach Rom zu bewegen, will der SONNTAG von Raphaela Pallin (Pastoralamt der Erzdiözese Wien, Bereich „Christsein.Christwerden“ und Bereich „Kirche im Dialog“) wissen.

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Was fasziniert Sie an Katharina von Siena?

RAPHAELA PALLIN: Zuallererst die Vertrautheit, mit der sie Gott vorhält: „Du Feuer und Abgrund der Liebe … Du Narr aus Liebe, brauchst Du denn Dein Geschöpf? Es scheint mir so, denn Du benimmst Dich, als ob Du ohne es nicht mehr leben könntest. Dabei bist Du doch das Leben, von dem alles das Leben hat und ohne das nichts lebt. Warum also bist Du Deinem Geschöpf so närrisch zugetan? Weil Du Dich in Dein Geschöpf verliebt hast, fandest Du an ihm Dein Wohlgefallen und Entzücken und bist wie berauscht von der Sorge um sein Heil. Es entflieht Dir, und Du machst Dich auf die Suche nach ihm; es entfernt sich von Dir, und Du fühlst Dich getrieben, ihm nahezukommen. Noch näher konntest Du ihm nicht kommen, als Dich mit seinem Menschsein zu bekleiden“ (zitiert nach Christian Feldmann, Gottes sanfte Rebellen).

Katharina lebte wie eine Ordensfrau als Dominikanerterziarin und war doch Laiin. Wie geht das zusammen?  

Ordensfrauen und -brüder (nicht Diakon/Priester) sind „Laien“: Christgläubige im Volk (griech. laós) Gottes. Doch leben sie die „evangelischen Räte“, die für alle Christen gelten, als Gelübde in Gemeinschaft. Katharina verspricht früh das jungfräulich keusche Leben, später auch Armut und Gehorsam gegenüber der Priorin der „Schwestern von der Buße“ und ihrem Beichtvater. Sie trägt das Ordensgewand und lebt einige Jahre zurückgezogen im Gebet. Durch Askese und Buße sucht sie die selbstbezogene Eigenliebe abzutöten, die sie als folgenschwere Fehlhaltung des Menschen erkennt. Sie erfährt aber, dass die Askese nur Mittel ist zur Aufgabe des Eigenwillens. Sie erlangt geistliche Unterscheidung und wachsende Freiheit. Sie erlebt die vertraute Zwiesprache mit Gott, aber auch Anfechtungen, innere Bedrängnisse und Zeiten ohne die tröstende Zuwendung Gottes. Später sagt Jesus ihr: „Ich entzog Dir oftmals das Gefühl, nicht aber die Gnade“ (zitiert nach Marianne Schlosser, Katharina von Siena begegnen).

Sie verurteilt klar die Sünde, doch nie den Sünder.

Raphaela Pallin

Die Treue in Gebet und Buße schenkt ihr tiefe Selbsterkenntnis, selbstlose Liebe und Mut im geistlichen Kampf. In der kontemplativen Liebe mit Gott vereint, erfährt sich Katharina gerufen, hinauszugehen „um des Heiles der Seelen willen“. „Zugleich wurde ihr Verlangen nach der sakramentalen Kommunion stärker. […] Katharina beginnt also die vita mixta: Ein intensives Gebetsleben verbindet sich mit der Sorge um Menschen, die ihrer Hilfe auf vielfältige Weise bedürfen“ (Marianne Schlosser). Sie dient Armen, Kranken, Ratsuchenden, Sündern, zum Tod Verurteilten. Die Ursache der Sünden anderer sieht sie darin, dass sie selbst zu wenig gut ist, zu wenig glühende Liebe lebt in Belehrung und Fürbittgebet. Als „geistliche Mutter“ wird sie bald Mittelpunkt einer „Familie“ von Mitschwestern, Ordensleuten, Eremiten und sozial Engagierten, über die sie oft auch jene erreicht, die sie unwillig aufsuchen und umso tiefere Bekehrung erleben.

Wie vorbildlich ist ihre Kirchenliebe und Kirchenkritik – etwa bei Verfehlungen von Papst, Priestern und Ordensleuten?

Katharina ruft aus Liebe, in Liebe und mit dem Ziel der größeren Liebe zur Lebensreform. Beharrlich geht sie jedem nach – egal ob einfach oder gesellschaftlich hochstehend, Priester, Bischof oder Papst – in „närrischer“ Freimütigkeit, barmherziger Wahrhaftigkeit und liebender Sorge, so wie Gott. Weil sie in Liebe nie den Sünder, doch klar die Sünde verurteilt, ringt sie um jeden Menschen, betet und bietet sich selbst an für sein Heil. 

Katharina wurde oft um Rat gebeten. Was würde sie uns in der heutigen kirchlichen Situation raten?

Zuerst wohl, dass wir Gottes Erbarmen erbitten und in Gebet und Entsagung frei werden wollen von der selbstbezogenen Eigenliebe, die unsere Beziehung zu Gott und den Mitmenschen mindert, vergiftet und belastet. Dass wir die Sakramente neu als Quellen der Liebe Gottes nützen, vor allem die häufige Beichte und Eucharistie. Dass wir davon ablassen, andere zu verachten, zu beneiden, zu hassen und zu bekämpfen, und die tiefe Freude des Friedens suchen – in Familie, Arbeit, Gesellschaft, im Zusammenleben aller Nationen – indem wir in selbstloser Liebe dafür beten, opfern und eintreten.
 

Wie trug die Mystikerin Katharina von Siena dazu bei, dass die Päpste nach 70 Jahren in Avignon wieder in Rom residierten?

„Für Katharina und viele andere Zeitgenossen war ‚Avignon‘ der Inbegriff dafür, dass sich die Kirche in ihrer Spitze dem Klammergriff der Welt ergeben hatte, dass sie sich sichtbar abhängig gemacht hatte von einer partikulären Macht. Die Amtsträger in Avignon, so Katharina, haben vor weichlicher Eigenliebe ihre Berufung und ihre Aufgaben vergessen“ (Marianne Schlosser). Sie betet, opfert sich, ermahnt. Das weltliche Leben des korrupten päpstlichen Hofes in Avignon und seiner gewalttätigen Statthalter in Italien rief die Rebellion italienischer Städte hervor. Katharina mahnt sie zum Gehorsam gegenüber dem Papst – und den Papst selbst: „Ihr seid verantwortlich für den Garten der Kirche: … reißt die stinkenden Gewächse aus, die üblen Hirten und Verwalter, die den Garten vergiften und ruinieren.“ Er solle „gute Verwalter einpflanzen, Hirten, die treu dem gekreuzigten Jesus Christus dienen, die einzig Gottes Ehre und das Heil der Seelen suchen, die Väter der Armen sind“, und selbst „wie ein sanftes Lamm“ nach Rom zurückkehren: „Kommt! Wartet nicht auf die Zeit, denn die Zeit wartet nicht auf Euch!“, ohne falsche Rücksicht auf Hof oder Familie: „Seid nicht ein Säugling, sondern ein mutiger Mann.“ Standhaftigkeit, Starkmut und Geduld seien die „Früchte der Liebe zu Christus“ (zitiert nach Marianne Schlosser, Katharina von Siena begegnen).
 

Katharina diktierte mehr als 400 Briefe. Wie ist ihre Korrespondenz – mit Päpsten oder einfachen Bürgern – zu bewerten?

Johannes 2,24f. sagt von Jesus: „Er kannte sie alle und brauchte von keinem ein Zeugnis über den Menschen; denn er wusste, was im Menschen war.“ Die Erkenntnis des eigenen Herzens im Gebet und die tiefe Erfahrung der barmherzigen Liebe Gottes befähigen Katharina, mit gottgegebener Vollmacht die Herzen ihrer Mitmenschen zu berühren, um sich selbst neu für Gott zu öffnen. Ihre Anliegen: das Heil jedes Menschen, die Reform der Kirche und die Rettung der ganzen Welt. Die Kraft und liebevolle Wahrheit ihrer Worte nimmt oft fast den Atem und lässt freiwillig jeden Widerstand gegen die darin spürbare göttliche Gnade aufgeben.
 

Katharina betet, opfert sich, ermahnt.

Raphaela Pallin

Warum zählt der „Dialog“ oder „Das Gespräch mit Gott über seine Vorsehung“ zu den „Meisterwerken der geistlichen Literatur“?

 Von Katharinas Hauptwerk sagt Johannes Paul II., es sei „charakterisiert durch prophetischen Geist, Ausgewogenheit des Denkens und Klarheit des Ausdrucks. Es behandelt die erhabensten Geheimnisse unserer Religion und die schwierigsten Probleme der Aszetik und Mystik.“ Benedikt XVI. hat als geistlicher Theologe wohl die Klarheit und Schönheit der verwendeten Bilder, die Tiefe der Erkenntnis und die Treffsicherheit ihrer Worte als „meisterlich“ erkannt. Beide Päpste hatten einen Sinn für Mystik und Poesie – an ihrer Empfehlung dürfen wir uns orientieren und selbst lesend hineinnehmen lassen in den Dialog der göttlichen Vorsehung für unser Leben.

Katharina ist seit 1990 auch eine Schutzpatronin Europas. Was hat sie dabei „zu tun“?

Bevor Katharina starb, sagte sie: „Wenn ich aus dem Leib scheide, habe ich wahrhaftig das Leben in der heiligen Kirche und für die heilige Kirche vollendet und hingegeben, was für mich eine einzigartige Gnade ist“ (vgl. Raimund von Capua, Legenda maior). Heilige Christen in der heiligen Kirche, die sich – wie Katharina – von Gottes „närrischer“ Liebe zum Heil der Menschen entflammen lassen, braucht Europa, ja die ganze Welt heute dringender denn je. Die Heiligen sind dabei nicht „untätig“, sie beten mit und für uns, solange die Welt noch nicht heil ist in Gott.

Was macht Katharina zur „Kirchenlehrerin“?

Im „Dialog“, auch „Buch der göttlichen Lehre“ genannt, diktierte sie die Wahrheiten der geoffenbarten katholischen Lehre so, wie sie ihr in Visionen oder geistlichen Erkenntnissen von Gott gegeben wurden. Paul VI. erhob sie 1970 zur Kirchenlehrerin: „Katharina war, ohne einen menschlichen Lehrmeister gehabt zu haben, von Gott so reich mit Gaben der Weisheit und Erkenntnis (vgl. 1 Korinther 12,8) erfüllt, dass sie eine höchst wirksame Lehrerin der Wahrheit wurde.“ Pius II. bezeugte 1461 in der Heiligsprechungsbulle: „Niemand trat an sie heran, ohne besser und gelehrter zu werden.“ Die Kirche könnte im Zugehen auf Katharinas 650. „himmlischen Geburtstag“ im Jahr 2030 von vielen Wunden und Schwächen geheilt werden, so sie auf ihre Erkenntnisse hört und ihre Fürsprache erbittet.

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