Jedem Anfang wohnt ein Abschied inne

Neustart! Wie neu beginnen geht - Teil 5
Ausgabe Nr. 13
  • Spiritualität
Autor:
Wanderhügel
Aufbrechen ins Neue: Erst wenn wir das Alte zurücklassen, kommt der Zauber, der Frühling, dann kommt unser Ja. ©Slouk
Barbara Pachl-Eberhart
Barbara Pachl-Eberhart schreibt Bücher und Blogs, hält Seminare und Vorträge. Von der Trauerbegleiterin entwickelte sie sich zur Poesietherapeutin. ©Stephan Schönlaub

Die Bestseller-Autorin Barbara Pachl-Eberhart öffnet ihre Erfahrungs- und Trickkiste und gibt Inspiration, damit Neuanfänge leichter fallen.

Es gibt Wörter, zu denen hat man sofort ein Bild im Kopf. Sonnenaufgang, zum Beispiel. 
Oder Frühstück. Oder Schiurlaub, Therme, Spaziergang, Kaffee. Ich hoffe, es sind erfreuliche Bilder, die da jetzt zu Ihnen kommen. Ich habe die Wörter extra so gewählt, dass sie Ihnen Freude machen. Kurzurlaubs-Wörter für Geist und Seele. Kennen Sie noch mehr davon?

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Das Unsagbare

Natürlich gibt es nicht nur Schön-Bilder-Worte. Es gibt auch solche, die (für viele von uns) mit „Urgs“ verbunden sind. Mit schlechten Erfahrungen, mit Erinnerungen, die wir lieber vergessen würden. Eines dieser Wörter kenne ich aus den Schreibkursen, die ich leite. Es heißt: Grammatik. Kommt auch Ihnen da sofort der Rotstift in den Sinn? Bei mir war das lange so, ehe ich begonnen habe, mich näher mit den vielfältigen Ebenen und Möglichkeiten unserer Sprache zu beschäftigen. Heute mag ich das Wort, weil es mir zuzwinkert und sagt: Du kannst alles sagen, auch das Unsagbare, zwischen den Zeilen. Du musst mich nur gut benutzen.

Seltsam

Schon als Kind habe ich über so manche Seltsamkeit in der Grammatik gestaunt. Zum Beispiel fand ich es immer lustig, dass jemand, der gar nicht „groß“ ist, trotzdem „größer“ sein kann. Meine Sitznachbarin in der Schule war größer als ich. Aber noch lange nicht groß. Und nur, weil es heute wärmer ist als gestern, ist es noch nicht wirklich warm (das muss ich meiner kleinen Tochter immer wieder erklären).
Was das Neustarten betrifft, da gibt es auch so ein grammatikalisches Paradox. Da kann es nämlich sein, dass die Gegenwart vor der Vergangenheit kommt. Was ich damit meine? Ich erkläre es mit einem Beispiel.

Nein

Es war am 31. März 2008. Ich hatte an diesem Tag Geburtstag, den ersten nach dem Tod meiner Familie wenige Tage zuvor. Eine Freundin war gekommen, um mit mir zu frühstücken. Und als wir mit Teetassen anstießen, sagte sie: „Der erste Geburtstag in deinem neuen Leben.“ Falscher Satz, leider. Ich wollte es ja nicht, dieses „Neue“, das da gerade begann. Ich fing an zu weinen, nicht weich und fließend, sondern schmerzhaft und hart. Es schluchzte aus mir heraus, ich war ein einziges Nein. Der Tee wurde kalt, die Torte kam wieder in den Kühlschrank. Meine Freundin blieb bei mir, Gott sei Dank, obwohl ich sie fortschicken wollte.

Folgen. Neues beginnt.

Das wollte ich damals – und lang, lang – nicht hören. Es hat neu begonnen: Wann war es so weit, dass das stimmte? Ich glaube, es war mehr als ein Jahr später, im Sommer 2009. Ich erinnere mich an eine Wanderung, die ich mit meinem neuen Lebensgefährten machte. Es gibt ein Foto vom Gipfel, auf dem ich wirklich von innen heraus lache und strahle. Ich glaube, damals hätte ich endlich gesagt: Mein Leben hat neu begonnen. Und hätte nicht mehr geweint. 

Was ist passiert zwischen meinem 
Geburtstag und dem Foto am Berg? Vieles hat sich vollzogen: ein Trauerprozess, gut begleitet von Therapeuten und Freunden. Innere Arbeit, Gefühlsstürme, Hochschaubahnen, Traumabewältigung, Stille, Schmerzschreie und Tränen. Das alles kam über mich, immer wieder, zu seiner Zeit. Ich musste nur folgen und mich dem stellen, was eben dran war.

Trümmerfrau

Anderes musste ich selber in Angriff nehmen, vor allem im Außen. „Trümmerfrau“, dieses Wort ging mir damals oft durch den Kopf. Ich räumte und stellte mein Leben um, das ging nicht von heute auf morgen. Es bedeutete viel an physischer Arbeit und Organisation. Umziehen, Aussortieren, Entscheidungen treffen, Formulare ausfüllen, auf Ämter gehen, Möbel schrauben, Verträge studieren. „Den Tod begreifen“, nennt das William Worden in seinem Buch „Beratung und Therapie in Trauerfällen“. Er erklärt, dass dieses „Begreifen“ nicht nur den Verstand betrifft, sondern vor allem unsere Hände, unseren Körper. Es gibt viel zu tun, wenn Altes endet und Neues beginnt. Das Tun hilft der Seele, nach und nach anzukommen in dem, was neu wird.

Zwischen Nein und Ja

Was also liegt zwischen dem Anfang, den wir nicht wollen, und dem Beginn, den wir selbst plötzlich spüren und bejahen? Zwischen Anfang und Anfang liegt das Beenden. Das Verabschieden. Das Aufräumen. Das Betrauern. Das Schleppen, das Loslassen, das Räumen, das Durchfühlen. Das Suchen und Finden mit Umwegen, Fehlern und vorschnellen Entscheidungen, die noch nicht die Richtigen waren. Ein langer Prozess, der oft Jahre braucht – und brauchen darf.

Anfang und Abschied

Der Zauber des Anfangs, den Hermann Hesse in seinem Gedicht „Stufen“ so schön beschreibt, ist voll Verheißung und macht Lust, schnell voranzugehen. Lassen wir uns davon nicht überfordern. „Jedem Anfang wohnt ein Abschied inne.“ Das ist nicht von Hesse, aber auch wahr. Das Trauern – mit Herz und Händen – gehört dazu, meine ich. Das Gute daran: Wir können das. Unsere Seele ist dazu in der Lage. Und der Körper sollte die Zeit (und die Hilfe) bekommen, die er braucht, um das Neue zu erschaffen, Schritt für Schritt, Weg um Weg.

Irgendwann die Leichtigkeit

Aufbruch ist doppeldeutig, spüren Sie es? Aufbrechen ins Neue – und Aufbrechen, Auflösen des Alten. Und dann, irgendwann, fühlt es sich richtig an: „Es hat neu begonnen.“ Dann kommt der Zauber, der Frühling, dann kommt unser Ja. Dann liegen die Stufen, die uns vom unfreiwilligen Neuanfang zum frohen Neustart geführt haben, schon hinter uns. Vielleicht vor uns noch ein, zwei. Die nehmen wir dann mit Leichtigkeit. 

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Autor:
  • Barbara Pachl-Eberhart
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