Impfstoff mit Zellstofflinien ist umstritten

Man kann diesen Impfstoff verwenden
Ausgabe Nr. 16
  • Leben
Autor:
Corona Impfstoff wird in Spritze aufgezogen
Corona Impfstoff wird in Spritze aufgezogen ©Pixabay / Ali Raza

Der in Polen für Bioethik zuständige Weihbischof Jozef Wrobel kritisiert die Verwendung von Zellstofflinien abgetriebener Föten für die Herstellung der Impfstoffe der Pharmaunternehmen Astrazeneca und Johnson & Johnson. Was sagt die katholische Bioethik dazu? Sollen Katholiken diese Corona-Impfstoffe ablehnen?

 

Matthias Beck, Moraltheologe, Pharmazeut und katholischer Priester, beantwortet im SONNTAG-Interview Fragen, die sich Menschen jetzt in Bezug auf den Impfstoff stellen.

Polens katholische Bischofskonferenz hat „ernste moralische Einwände“ sowohl gegen den Impfstoff von Astrazeneca als auch gegen den Impfstoff von Johnson & Johnson erhoben. Der für Bioethik zuständige Weihbischof Jozef Wrobel kritisierte, dass Zellstofflinien abgetriebener Föten für die Herstellung beider Vakzine verwendet würden. Katholiken sollten einer Impfung mit ihnen nicht zustimmen, meint er.

Wir befragen dazu den Moraltheologen und Priester in der Erzdiözese Wien, Matthias Beck. Er ist auch Pharmazeut sowie Mitglied der Österreichischen Bioethikkommission.

Werbung

Was sagt die katholische Bio-Ethik zu den Bedenken gegenüber diesen Impfstoffen?

MATTHIAS BECK: „Die“ katholische Bioethik gibt es dazu nicht. Sie sehen ja, wie ein polnischer Weihbischof argumentiert. Etliche Bischofskonferenzen und auch der Vatikan haben anders reagiert. Soweit ich sehe, ist kein Embryo oder Fetus getötet worden, um Impfstoffe herzustellen. Es sind offensichtlich Zelllinien bereits getöteter Embryonen zur Herstellung dieser Impfstoffe verwendet worden. Das sind Zellen, die bereits abgetriebenen Embryonen entnommen wurden. Das aus katholischer Sicht Unrechte ist also bereits geschehen und kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Die Frage ist, ob man daraus wissenschaftlichen Nutzen ziehen kann, zumal wenn mit dem Impfstoff millionenfach Menschenleben gerettet werden kann. Die Antwort einiger Bischofskonferenzen und des Vatikan ist eindeutig: Ja, man kann daraus Nutzen ziehen und diesen Impfstoff verwenden. Was nicht passieren darf, ist, dass extra zur Impfstoffherstellung Embryonen getötet werden. Auf diese Idee kommt aber wohl auch niemand.

Was ist Ihre Meinung?

MATTHIAS BECK: Ich schließe mich hier der Position des Vatikan an. Es gibt aus dieser Sicht keine ethischen Bedenken. Allerdings muss man je neu die aktualisierten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse mitverfolgen. Zunächst hieß es, für Menschen über 65 Jahre gäbe es für den Astrazeneca-Impfstoff noch nicht genügend Erkenntnisse über seine Wirksamkeit. Jetzt zeigt sich, dass der Impfstoff womöglich bei jungen Frauen in seltenen Fällen Hirnvenenthrombosen hervorrufen kann. Diese je neuen Erkenntnisse sollte man zur Kenntnis nehmen.

Sollen Katholiken die Impfung mit diesen Impfstollen ablehnen?

MATTHIAS BECK: Müssen sie nicht. Wenn der oder die Einzelne zur Überzeugung kommt, dass ein anderer Impfstoff für ihn oder sie besser geeignet ist, sollte man wählen können. Aber das ist derzeit aufgrund der Impfstoffknappheit schwierig.

Was sollen sich jetzt Menschen denken, die diese Impfstoffe bereits erhalten haben?

MATTHIAS BECK: Sie müssen kein schlechtes Gewissen haben. Sie können hoffen, dass der Impfstoff gut wirkt und sollten dennoch die Vorsichtsmaßnahmen – Abstand, FFP2 Maske, Hygiene, Lüften – einhalten. Denn es ist nicht sicher, ob man nicht dennoch angesteckt werden kann oder andere ansteckt. Was sicher zu sein scheint ist, dass schwere Verläufe von Covid-19 mit der Impfung vermieden werden. Es kann aber auch sein, dass neue Mutationen auftauchen, gegen die kein Impfstoff wirkt. Also Vorsicht bleibt weiterhin geboten.

Würden Sie sich impfen lassen?

MATTHIAS BECK: Ja, ich bin schon geimpft.

Was erscheint Ihnen zu diesem Thema wichtig?

MATTHIAS BECK: Dass wir nachdenklich und bescheiden bleiben. Die Gewalten der Natur sind nicht zu unterschätzen. Wir sollten aus der Pandemie lernen, dass die Dinge, die wir oft für selbstverständlich halten, gar nicht selbstverständlich sind. Sie können sich sehr schnell ändern. Wenn wir nicht genügend lernen, können neue Krisen kommen.

Schlagwörter
Autor:
  • Portraitfoto von Agathe Lauber-Gansterer
    Agathe Lauber-Gansterer
Werbung

Neueste Beiträge

| Hirtenhund

Über den viraler Video-Hit vom „Mönch von Lützerath“

| Heiter bis heilig
Anekdote

Bernadette Spitzer erzählt gerne Heiteres aus der Welt der Kirche.

Finger auf Computertastatur
| Die Kirche und ich

Kolumne von Michael Prüller, Kommunikationschef der Erzdiözese Wien