Enzyklika „Rerum novarum“

Die „Mutter“ aller Sozial-Enzykliken zum Tag der Arbeit
Exklusiv nur Online
  • Soziales
Autor:
Alexander Filipovic
Alexander Filipovic ©Privat

Vor 130 Jahren veröffentlichte Papst Leo XIII. die erste Sozialenzyklika unserer Kirche.

Im SONNTAG-Interview erläutert der Wiener Sozialethiker Alexander Filipovic die bleibende Bedeutung dieses päpstlichen Rundschreibens – der Enzyklika – und der Katholischen Soziallehre.

Schon die Anfangsworte der Enzyklika sind wie ein Programmhinweis und eine Lesehilfe: „Rerum novarum“ – „Der Geist der Neuerung“. Gemeint war damit die „Arbeiter-Frage“. Was die bleibende Bedeutung dieser am 15. Mai 1891 erschienenen Enzyklika ist, will der SONNTAG von Univ.-Prof. Alexander Filipovic wissen. Er lehrt seit wenigen Monaten Christliche Sozialethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

Werbung

Was bedeutet die Enzyklika „Rerum novarum“ für Sie als Experten?

ALEXANDER FILIPOVIC: Zentral und bleibend bedeutsam ist die Enzyklika Rerum novarum als Startpunkt einer intensiven kirchlichen Beschäftigung mit brisanten Fragen der Zeit“, sagt Filipovic: „Auch im frühen Christentum, im Mittelalter und dann in der Neuzeit gab es auf allen Ebenen der Gemeinschaft der Gläubigen tätige Fürsorgearbeit, Armenhilfe, Überlegungen zur gerechten politischen Ordnung ausgehend vom christlichen Gottesglauben, Einsatz gegen Ungerechtigkeit und vieles mehr.“ Und: „Mit Rerum novarum gibt Papst Leo XIII. dem sozialen Denken, Lehren und Handeln der Kirche eine explizite Gestalt, wertet es auf. Seit diesem Text ist es selbstverständlich, dass sich Päpste, Synoden und Bischofskonferenzen zu sozialen Fragen differenziert äußern.“

Was hat die Enzyklika „Rerum novarum“ uns heute noch zu sagen? Sind ihre Inhalte überholt oder noch zu verwirklichen?

ALEXANDER FILIPOVIC: Wie alle Sozialenzykliken ist auch Rerum novarum im Kontext ihrer Zeit zu analysieren. Rerum novarum reagiert auf die Soziale Frage des 19. Jahrhunderts, die wegen der Industrialisierung mit der Verelendung der Arbeiter besonders in den Städten schlimmste Folgen hatte. Auch die politischen, kulturellen und sittlichen Folgen der im 19. Jahrhundert stattfindenden „Verwandlung der Welt“ sind Teil dieser Sozialen Frage. Rerum novarum betont das Recht der Arbeiter auf Privateigentum und auf die Bildung von Vereinigungen und befürwortet ausdrücklich Eingriffe des Staates zugunsten der Schwachen und Armen. Wenn man so will, finden sich in Rerum novarum damit erste vorsichtige Spuren der Anerkennung sozialer Menschenrechte durch die Kirche. Insofern auch heute noch, gerade in globaler Hinsicht, die Frage nach sozialer Gerechtigkeit, nach der Situation der Ärmsten und auch nach angemessenen Arbeitsbedingungen bei uns und weltweit alles andere als gelöst sind, bleiben die Inhalte und die Stoßrichtung von Rerum novarum in dieser Hinsicht aktuell. Aber natürlich verändert sich auch die Soziale Frage im Laufe der Zeit, darauf reagieren bis zuletzt Fratelli tutti von Papst Franziskus.

Schlug 1891 gleichsam die Geburtsstunde der Katholischen Soziallehre?

ALEXANDER FILIPOVIC: Ja, das kann man so sagen. Wichtig ist aber, dass die Soziallehre durch das kirchliche Lehramt nur eine Ausprägung dessen ist, was man als das soziale Lehren, Denken und Handeln der Kirche beschreiben kann. Denn neben die Katholische Soziallehre durch das Lehramt treten die Erfahrungen und Äußerungen der Basis (kirchliche Gemeinden, Initiativen, Verbände) und die „Christliche Sozialethik“ als wissenschaftlich-theologisch Disziplin. Diese drei Akteure arbeiten natürlich zusammen, stellen eine plurale Einheit dar, unterscheiden sich aber in Vorgehen und Inhalten. Und zudem gibt es vielfach ökumenische Initiativen in diesem Bereich, vor allem zusammen mit evangelischen und orthodoxen Kirchen. Das soziale Lehren, Denken und Handeln der Kirche ist also vielgestaltig, übrigens auch schon zur Zeit von Rerum novarum. Auch vor der Enzyklika Rerum novarum hat es also bereits in vielen Ländern, auch im Lehramt Auseinandersetzungen mit der Situation der Arbeiter gegeben, etwa im verbandlichen und politischen Sozialkatholizismus in den deutschsprachigen Ländern oder etwa durch den Mainzer Arbeiterbischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler in der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die Kirche kann sich nicht neutral gegenüber gesellschaftlichen und politischen Fragen verhalten.

Wie könnn Sie in wenigen Sätzen die „Katholische Soziallehre“ und ihre Prinzipien erklären?

ALEXANDER FILIPOVIC: Die Katholische Sozialehre in der eben beschriebenen Vielgestaltigkeit hat die Absicht, ein auf den christlichen Glauben gestütztes, aber in pluralen Gesellschaften allgemein kommunikationsfähiges soziales Ethos zu entwickeln und zur Durchsetzung zu verhelfen. Das soziale Ethos kann beschrieben werden als eine Reihe von moralischen Überzeugungen, wie die Gesellschaft und ihre politische Ordnung aussehen soll. Sie ist damit, wie die Sozialenzyklika Mater et Magistra (1961) formuliert, „ein integrierender Bestandteil der christlichen Lehre vom Menschen“ und übrigens auch ein unverzichtbarer Bestandteil der Theologie. Nach innen in die Kirche hinein möchte sie dem sozialen Engagement der Menschen Orientierung und Anregung geben, nach außen in die Gesellschaft hinein hat sie die Absicht, die Ideen von Gerechtigkeit, Menschenwürde und Menschenrechte einzubringen. Kennzeichen der christlichen Soziallehre ist, dass sie nicht auf individuelle Tugenden und moralische Handlungen ausgerichtet ist, sondern auf soziale Strukturen (z.B. Institutionen, Organisationen, Gesetze, Ordnungen). Sie stellt also die Frage nach der Gerechtigkeit sozialer Strukturen. Sie begreift den Menschen als Person (Personprinzip), bringt staatliche Hilfeverpflichtungen und staatliche Zurückhaltung in einen Ausgleich (Subsidiaritätsprinzip) und sieht gemeinschaftliche Zusammenarbeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt als zentral an (Solidaritätsprinzip). Nachhaltigkeit und Schutz der Erde sind inzwischen weitere Elemente der Sozialprinzipien.

Warum ist die soziale Frage seit der Enzyklika „Rerum novarum“ eine Kern-Aufgabe der Kirche?

ALEXANDER FILIPOVIC: Mit Rerum novarum beginnend, setzt sich die Überzeugung durch, dass sich die Kirche ausgehend von der biblischen Offenbarung nicht neutral gegenüber gesellschaftlichen und politischen Fragen verhalten kann. Glaube und Weltverantwortung bilden eine Einheit. Kirche ist Kirche in der Welt, Gläubige und alle anderen Menschen sind Arbeiter, Bürger, politische Subjekte, leben in Familien, haben Angst vor der Zukunft, müssen sich an Gesetze halten, sind Konsumenten, Kinobesucher und Konzertgänger. „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi“, also der Kirche – so lauten ja die Anfangssätze von „Gaudium et spes“, der Pastoralkonstitution des II. Vatikanischen Konzils. Wenn wir in der Nachfolge von Jesus Christus „Salz der Erde“ sein sollen und wollen, müssen wir Christgläubigen zusammen mit allen Menschen uns für umfassende Gerechtigkeit einsetzen.

Hat die Katholische Soziallehre Antworten auf die gegenwärtigen Herausforderungen wie Corona-Pandemie, Klimawandel, Migration, Arbeitslosigkeit, Digitalisierung, ungerechte Verteilung von Ressourcen und Kapital?

ALEXANDER FILIPOVIC: Seit der sozialen Frage im 19. Jahrhundert ist die Dynamik der gesellschaftlichen Veränderungen samt ihrer Probleme rasant gestiegen. Die genannten Herausforderungen sind immens. Ich sehe neben der Umweltfrage und dem Klimawandel vor allem die Technisierung und Digitalisierung der Gesellschaft als neue soziale Frage an. Die Zuordnung von Individuum und Gesellschaft, die Stellung der menschlichen Person, die Beteiligungsmöglichkeiten in Arbeit, Gesellschaft und Politik, die Spaltung von Armen und Reichen, gut Gebildeten und weniger gut Gebildeten, das steht alles im Kontext der digitalen Technisierung – das alles macht eine gerechtigkeitsorientierte Antwort der Kirchen notwendig. Angesichts dieser neuen sozialen Fragen im beginnenden 21. Jahrhundert nimmt auch nochmal die Bedeutung der christlichen Sozialethik zu.

Ich sehe neben der Umweltfrage die Technisierung als neue soziale Frage.

Ein viel strapazierter Begriff ist „Nachhaltigkeit“: Ist in Zeiten der Corona-Krise überhaupt Platz für diesen Aspekt?

ALEXANDER FILIPOVIC: Ja, selbstverständlich. Der Begriff der Nachhaltigkeit, so breit wie er heute benutzt wird, steht für verantwortungsvolles, vorausschauendes Handeln, das negative Auswirkungen des Handelns zu vermeiden sucht, die Lebensbedingungen aller Menschen verbessert, den Eigenwert der Umwelt respektiert und die Ansprüche auch zukünftiger Generationen, also unserer Kinder und Enkel, berücksichtigt. Kurzsichtiges Handeln können wir uns angesichts unserer Probleme überhaupt nicht mehr leisten. Die Politik muss sich genau daran messen lassen.

Autor:
  • Stefan Kronthaler
Werbung

Neueste Beiträge

| Hirtenhund

Über den viraler Video-Hit vom „Mönch von Lützerath“

| Heiter bis heilig
Anekdote

Bernadette Spitzer erzählt gerne Heiteres aus der Welt der Kirche.

Finger auf Computertastatur
| Die Kirche und ich

Kolumne von Michael Prüller, Kommunikationschef der Erzdiözese Wien