Symbole für den Kampf zwischen Gut und Böse

Steinfiguren des Stephansdoms
Exklusiv nur Online
  • Kunst und Kultur
Autor:
Stephansdom Kampf zwischen Gut und Böse
Im Mittelalter galt das Innere des Doms als Abbild des Himmels, des Paradieses. Dieses galt es vor den bösen Einflüssen der Umwelt zu schützen. Deshalb sind die Wasserspeier als wehrhafte raubtierartige Gestalten geschaffen. ©Markus A. Langer
Stephansdom Tierfigur am Westportal
Ein Greif – halb Vogel, halb Löwe – der einen Menschen in seinen Krallen hält. ©Markus A. Langer
Stephansdom Kanzel Treppenlauf
Am oberen Ende des Treppenlaufes der Kanzel sitzt ein steinernes Hündchen, das aufpasst, dass kein Kriechgetier den Prediger erreicht. ©Markus A. Langer
Stephansdom stachelartige Tierkörper
Vorwegnahme des Kubismus eines Pablo Picassos: Zwei stachelartige Tierkörper kommen in einem Kopf zusammen. ©Markus A. Langer
©
Stephansdom Widderkopf
Auf den ersten Blick sieht man einen Widderkopf, unten ein menschliches Wesen mit Gewand und Gürtel. Ganz klein schaut die Nase und Mund des Menschen heraus, der sich gerade den Widderkopf überstülpt. ©Markus A. Langer

In Stein gemeißelte Tiere sind seit jeher ein bedeutender Bestandteil der mittelalterlichen Kirchen, so auch der Domkirche von St. Stephan. Ein kleiner Rundgang mit Dombaumeister Wolfgang Zehetner.

Wenn man den Stephansdom aufmerksam betrachtet, von innen und außen, so fallen an vielen Stellen zahlreiche Steinfiguren auf. Viele von ihnen sind entweder symbolische Fabelwesen – oder tatsächlich reale Abbildungen von existierenden Tieren. Meistens haben diese Figuren eine doppelte Bedeutung, erklärt Wolfgang Zehetner: „eine symbolische und eine praktische.“

Werbung

Symbolische Bedeutung der Wasserspeier

Zum Beispiel die auffälligen Wasserspeier, die auf Dachhöhe nach außen ragen und das Regenwasser abführen. Neben dieser ganz praktischen Aufgabe, haben die mystisch gestalteten Speier aber auch eine symbolische Bedeutung. Zehetner: „Im Mittelalter galt das Innere des Doms als Abbild des Himmels, des Paradieses. Dieses galt es vor den bösen Einflüssen der Umwelt zu schützen. Deshalb sind die Wasserspeier als wehrhafte raubtierartige Gestalten geschaffen. An manchen Stellen sind es naturgetreue Abbildungen von Tieren, wie Hunde oder Stiere, an anderen Stellen aber auch Fabelwesen, Drachen oder löwenartige Tiere.“

Antike Geschichte vom Goldenen Vlies

Auf einen Wasserspeier an der Südfassade des Stephansdom ist Franz Zehetner ist besonders stolz. Auf den ersten Blick sieht man einen Widderkopf, unten ein menschliches Wesen mit Gewand und Gürtel. Ganz klein schaut die Nase und Mund des Menschen heraus, der sich gerade den Widderkopf überstülpt. „Das zeigt meiner Ansicht nach die antike Geschichte vom Goldenen Vlies, von Jason und Medea“, sagt der Dombaumeister. „Der Speier wurde zu der Zeit hergestellt, als der Orden vom Goldenen Vlies nach dem Aussterben der Burgunder Herzöge durch die Hochzeit der Erbin Maria von Burgund mit Kaiser Maximilian I. auf die Habsburger überging.“

Maximilians Vater, Kaiser Friedrich III. hat sich als letzte Ruhestätte im rechten Kirchenschiff ein Hochgrab errichten lassen. Auf ihn sind verschiedene Tiere zu erkennen: eine kleine Kirchenmaus, ein Affe mit menschlicher Gestalt, eine Kröte, ein Fabelwesen mit großen Ohren mit löwenartigem Hinterteil, eine Eule, ein Widder mit menschlichem Antlitz.

Der Zeit voraus

Fasziniert ist Wolfgang Zehetner von dem, was er als Vorwegnahme des Kubismus eines Pablo Picassos bezeichnet, zu sehen im romanischen Teil des Doms, in der Westempore: „Zwei stachelartige Tierkörper kommen in einem Kopf zusammen. Der Kopf schaut den Betrachter von vorne an. Es ist nicht ganz klar, stammen die Augen von einem einzigen Kopf oder von zwei Köpfen in seitlicher Stellung.“

Halb Vogel, halb Löwe

Wenn man vor dem Riesentor, dem großen Eingangstor an der Westseite des Stephansdoms steht, sieht man in einer Nische rechts ein Tier dargestellt, das es in Wirklichkeit nicht gibt. Einen Greif – halb Vogel, halb Löwe – der einen Menschen in seinen Krallen hält. Ebenfalls zu sehen: ein Löwe mit dem Löwenbändiger Samson: „Hier sieht man, wie man sich im Mittelalter einen Löwen vorgestellt hat. Proportionen stimmen nicht ganz, aber doch einigermaßen naturgetreu“, sagt Dombaumeister Zehetner.

Jedes Tier steht für ein böses Wort

Ein Meisterwerk der spätgotischen Plastik ist die Kanzel mitten im Stephansdom. Am Treppenlauf verdeutlichen kämpfende Kröten und Eidechsen den ewigen Kampf alles Menschlichen zwischen Gut und Böse. „Am oberen Ende des Laufes sitzt ein steinernes Hündchen, das aufpasst, dass kein Kriechgetier den Prediger erreicht“, sagt der Dombaumeister. „Jedes Tier steht für ein böses Wort, daran wird der Prediger, der zur Predigt hinaufgeht, erinnert.“

Autor:
  • Porträtfoto von Markus Langer
    Markus A. Langer
Werbung

Neueste Beiträge

| Hirtenhund

Über den viraler Video-Hit vom „Mönch von Lützerath“

| Heiter bis heilig
Anekdote

Bernadette Spitzer erzählt gerne Heiteres aus der Welt der Kirche.

neues Evangeliar
| Kunst und Kultur
Neues Evangeliar

Für die künstlerische Gestaltung des neuen Evangeliars für die Sonn- und Feiertage zeichnet der deutsche Bühnen- und Kostümbildner Christof Cremer verantwortlich. Er lebt und arbeitet in Wien und hat sich u. a. im Bereich der sakralen Kunst einen Namen gemacht. Im Interview mit dem SONNTAG spricht Christof Cremer über die besondere Gestaltung des neuen Buches für die feierliche Liturgie.