Mein Fahrrad trägt mich überall hin

Von Wien zum Nordkap
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Ein Mann mit seinem Fahrrad am Nordkap.
Mit dem Fahrrad bis zum Nordkap. Ganze 3.300 km hat Thomas Glanz hinter sich gebracht. ©privat
3.300 km hinterlassen kaum Spuren an dem Rad.
Bequem und sicher hat dieses Fahrrad den Weg bis zum Nordkap geschafft. ©privat

Im Jahr 2021 macht sich Thomas Glanz auf den Weg zum Nordkap. Nicht mit dem Auto, nicht mit dem Flugzeug, mit Bus oder Bahn, sondern mit dem Rad. Konkret mit einem Fahrrad aus seiner eigenen Werkstatt mit dem klingenden Namen „Glanzrad“ im 2. Wiener Gemeindebezirk.

Das Nordkap in Norwegen. Der Ort fasziniert in seiner Abgeschiedenheit und begeistert mit einer atemberaubenden Aussicht von einer 307 Meter hohen Klippe auf den Arktischen Ozean. Tausende Touristen aus aller Welt finden Jahr für Jahr den Weg hierher. Erstaunlich viele kommen mit dem Fahrrad.
Am 28. Juli 2021 ist Thomas Glanz einer von ihnen. Gestartet ist er am 20. Juni am Schwedenplatz in Wien. 3.300 Kilometer und 39 Tage später steht er mit seinem schwarzen Rad vor dem Globus aus Metall, der so vielen hier als Fotomotiv dient. Ein wenig erschöpft, aber zufrieden mit dem, was er geschafft hat.

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Aufgeben? Niemals!

Eigentlich hatte er so eine Mammuttour nie auf seiner „To-Do“-Liste gehabt. Doch manchmal kommt es anders, als man denkt. Etwa ein Jahr vor seinem Aufbruch zum Nordkap wird bei ihm ein Melanom diagnostiziert. „Wie die Ärzte sagten ,mit ungewissem Ausgang‘“, erzählt Thomas Glanz. „Der Diagnose folgte eine schwierige Zeit mit Therapien und regelmäßigen Checks. Irgendwann in dieser Zeit begann ich mir auch die wirklich unangenehmen Fragen zu stellen. Was machst Du, wenn nicht alles gut wird? Was willst Du Deinen Kindern an Erinnerungen hinterlassen? Was sollen sie mal über ihren Vater sagen?“

Wollte mich nicht bremsen lassen

Die Antworten auf all diese Fragen kristallisieren sich mit Nachdruck heraus: „Ich wollte mich von der Diagnose nicht kleinkriegen lassen. Wollte, dass mich vor allem meine Kinder als aktiven Menschen wahrnehmen. Als jemand, der nicht aufgibt. Der das Leben liebt und sich nicht so schnell – selbst von schlechten Nachrichten – bremsen lässt“, sagt Thomas Glanz. „Und um das zu untermauern, dass ich genau so ein Mensch bin, habe ich beschlossen, mit meinem Rad zum Nordkap zu fahren.“

Ein echtes Abenteuer

Der Weg von Österreich in den hohen Norden, das bemerkt Thomas Glanz schnell, ist beschwerlich – zum einen, was die Topographie betrifft. Aber auch, was das Finden der besten Route betrifft. Von Österreich geht es über Tschechien und Polen. In Danzig steigt er in die Fähre, setzt über nach Schweden, fährt dann über Stockholm, Uppsala und Finnland nach Norwegen. 70 bis 140 Kilometer legt Thomas Glanz jeden Tag zurück.  „Das war schon anstrengend.“

Der Weg war das Ziel

Und die Tour erweist sich auch abgesehen von den geographischen und körperlichen Herausforderungen als echte Aufgabe. „Wenn man so unterwegs ist, hat man unheimlich viel Zeit“, sagt Thomas Glanz. „Ich habe viel über mein Leben nachgedacht. Und ich glaube, mir ist auch erst auf dieser Reise bewusst geworden, wie viel Stress man täglich ausgesetzt ist. Aber je näher ich dem Nordkap kam, desto mehr habe ich diesen Stress abgelegt und bin so richtig zur Ruhe gekommen. Irgendwann auf dem Weg war dann auch mein Zeitgefühl so gut wie weg. Oder anders formuliert: Zeit war nicht mehr wichtig. Für den Moment war der Weg das Ziel“, sagt Thomas Glanz.

Phänomen Polartag

Etwa ab Uppsala, rund eineinhalb Stunden nördlich von Stockholm, erlebt Thomas Glanz das Phänomen Polartag. „Ab da hatte ich praktisch rund um die Uhr Tageslicht. Und so habe ich meinen Rhythmus auch angepasst – bin nicht von 9 Uhr vormittags bis 7 Uhr abends gefahren, sondern von 17 Uhr bis 3 Uhr früh. Da war weniger Verkehr, ich hatte die Straße für mich alleine. Das war richtig schön.“

Das Fahrrad - das ideale Fortbewegungsmittel

Am 28. Juli schließlich steht Thomas Glanz tatsächlich am Nordkap. „Als ich die 3.300km absolviert hatte, war das ein tolles Gefühl“, erinnert er sich. „Dieses ,Ich habe es geschafft und bin gut angekommen.‘ Das war wichtig für mich. Und das Fahrrad war für diese Tour und für mich wirklich das ideale Fortbewegungsmittel. Mein Fahrrad trägt mich echt überall hin.“

Fahrradliebe

Die Leidenschaft fürs Fahrradfahren ist Thomas Glanz bei diesem Satz geradezu ins Gesicht geschrieben. Und sie treibt ihn nicht nur in seinem Privatleben um. Vor einigen Jahren hat er Fahrräder und alles, was mit ihnen zu tun hat, auch zu seinem Beruf gemacht. „Im Grunde bin ich über Umwege zu dem Radgeschäft gekommen“, erzählt er. „Rückwirkend gesehen muss ich sagen: Die Liebe zum Rad war immer schon da. Ich musste nur erst selbst erkennen, wie tief sie geht.“

Mit dem Fahrrad die Stadt erkunden

In Hollabrunn aufgewachsen, wurde das Fahrrad schon in der Kindheit zu einem der wichtigsten Fortbewegungsmittel. Aber nicht nur das. „Ich bin als Kind nicht nur viel herumgefahren, ich habe auch daran herumgeschraubt, wenn etwas nicht gepasst hat.“ 1988 zieht Thomas Glanz mit seinen Eltern nach Wien „und auch da war das Rad mein Ding. Ich kann mich erinnern, dass ich da alle Hauptstraßen abgefahren bin, auch den Gürtel und den Ring oder auch die Donauinsel, um die Stadt richtig kennen zu lernen.“ Als er älter wird, sattelt er dann um – auf ein Moped, später auf ein Auto. „Das Rad hatte ich da tatsächlich ein wenig vergessen.“

Ein Fahrrad wie damals

Nach der Schule beginnt Thomas Glanz ein Wirtschaftsstudium, arbeitet im Bereich Finance und Banking. „Also ganz weit weg von Fahrrädern“, lacht er. „2006 war ich dann in Tokio auf Urlaub. Die U-Bahn dort war extrem teuer. Aber im Hotel konnte man sich Fahrräder ausborgen und das habe ich gemacht und bin in Tokio damit herumgeradelt.“ Der Spaß am Herumradeln in Tokio ist so groß, dass Thomas Glanz auch als er wieder in Wien ist, das Fahrrad in seinen Alltag integriert. „Ich wollte mir dafür ein gutes Fahrrad kaufen, aber das, was ich gesucht habe, so ein ganz schlichtes, klassisches Rad so wie es das früher gegeben hat – das gab es einfach nicht. Und da dachte ich mir: Vielleicht solltest Du selber ein Fahrradgeschäft aufmachen und genau solche Räder anbieten.“

Das Gute und Richtige bewahren

Eine Idee, die Thomas Glanz ab da nicht mehr loslässt. Ein paar Jahre sollte es noch dauern, aber 2014 ist es soweit. Mitten in Wien auf nur 19 m2 eröffnet „Glanzrad“ und von Anfang an wird hier Wert auf Qualität, Design und vor allem auch auf Nachhaltigkeit gelegt. „Das Design und auch die Fertigung unserer Räder entsprechen denen eines klassischen Fahrrads, wie man es von früher her kennt“, erklärt Thomas Glanz. „Ein Design, das sich über Jahrzehnte bewährt hat – das muss man nicht ändern. Für mich hat das auch etwas mit Respekt zu tun. Respekt vor alten Dingen, vor dem, was früher gut und richtig war. Und natürlich auch mit dem Wunsch, dieses Gute und Richtige zu bewahren und weiter anzubieten. Das ist auch so etwas wie meine Lebensphilosophie.“ 

Ein Fahrrad für die Ewigkeit

800 Räder werden bei „Glanzrad“ pro Jahr verkauft. „Viele unserer Räder sind dabei fixfertig“, sagt Thomas Glanz. „Aber wer möchte, kann sich hier auch gerne selber sein Rad zusammenstellen – kann den Rahmen aussuchen, die Farbe, den Sattel, die Felgen. Die Menschen sind so unterschiedlich. Jeder will und braucht etwas Anderes, hat andere Vorlieben. Auch beim Thema Fahrrad. Diesem Wunsch versuchen wir bei Glanzrad entgegenzukommen.“ Die Bauteile für die Räder werden zum überwiegenden Teil in Europa hergestellt. „Unsere gemufften Stahlrahmen werden in einem kleinen Familienbetrieb in Italien gemacht“, erklärt Thomas Glanz. „Bei Patrizia wissen wir, dass wir ausgezeichnete Qualität bekommen.“  „Glanzräder“ seien sozusagen „für die Ewigkeit gebaut“, lacht Thomas Glanz. „Sie sollen halten und lange Freude machen. Und ihre Fahrerinnen und Fahrer vielleicht so wie mich auch bis zum Nordkap tragen.“

Autor:
  • Portraitfoto von Andrea Harringer
    Andrea Harringer
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