Katholische Couleurstudenten im Widerstand

Digitale Erinnerungssteine gegen das Vergessen
Ausgabe Nr. 21
  • History
Autor:
Arthur Lanc
Ein Gerechter unter den Völkern: Dem Arzt Arthur Lanc (1907–1995) wurde 1986 die Yad-Vashem-Medaille für die medizinische Hilfe, die er 1944 ungarischen Juden leistete, verliehen. ©Reflex / APA-Archiv / picturedesk.com; niemalswieder.at
Versteck in der Wiener Annagasse: Die Lehrerin Anna Mathä (1906–1991) beherbergte und versorgte bis Kriegsende zusammen mit ihrer Mutter drei jüdische „U-Boote“ in ihrer Wohnung. ©Florian Sassmann; niemalswieder.at
Markus Kroiher
Im Gedenken an die Opfer: Markus Kroiher präsentierte im österreichischen Parlament das digitale Erinnerungsprojekt. ©Parlamentsdirektion/Arman Rastegar

Ein digitales Projekt hält die Erinnerung an die Opfer und Widerstandskämpfer aus den Reihen der katholischen Couleurstudentinnen und Couleurstudenten wach und vermittelt Erfahrungen und Werte an künftige Generationen.

Nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in der Nacht vom 11. März auf den 12. März 1938 wurden über 740 katholische Couleurstudentinnen und Couleurstudenten in Österreich – so der momentane Kenntnisstand – verfolgt oder betätigten sich aktiv im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die Verfolgung durch die neuen Machthaber konnte von der schlichten Entlassung am Arbeitsplatz bis zur Inhaftierung im Konzentrationslager oder der Ermordung gehen. 85 Jahre danach ist auf Initiative von Markus Kroiher, selbst Couleurstudent, eine Website in Zusammenarbeit von katholischen Studentenverbindungen entstanden, die die Erinnerung an die Opfer und Widerstandskämpfer aus ihren Reihen aufrecht erhalten wollen.

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Wie kamen Sie zu der Idee für dieses digitale Projekt?

Markus Kroiher: Wir leben am Ende der Zeitzeugenschaft. Im Jänner dieses Jahres ist uns mit Herbert Crammer beispielsweise der letzte katholische Couleur-Student, der im Widerstand aktiv tätig war, vorangegangen. Mein Sohn ist achteinhalb Jahre alt und er wird in einer Welt groß werden, in der es keine Zeitzeugen mehr gibt. Er wird nur mehr Geschichte aus Geschichtsbüchern kennenlernen. Es ist ein Riesenunterschied, ob mir einer etwas persönlich erzählt, ich eine Betroffenheit erlebe oder ob ich davon nur in einem Buch lese. Wir haben nun versucht, mit diesem Projekt eben genau dieses Kapitel unserer Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, weil wir genau in diesem Zeitpunkt der Zäsur leben. Vor 85 Jahren war der Einmarsch und es gibt noch vereinzelt Zeitzeugen, aber sie werden weniger. Wir wollten jetzt jene Leidenschaft für die Freiheit Österreichs, welche die Widerstandskämpfer und -kämpferinnen auszeichnet, aus der Vergangenheit in die Gegenwart hinüberretten. So ist uns die Idee gekommen, abgelöst von den physischen und in der Realität gesetzten Erinnerungssteinen, solche sogenannten Stolpersteine in die digitale Welt zu bringen. So können wir Erfahrungen und Werte künftigen Generationen vermitteln.
 

Widerstand

Digitale Stolpersteine

Die Website niemalswieder.at entstand als Kooperation von katholischen Couleurstudentinnen und Couleurstudenten, die die Erinnerung an die Opfer und Widerstandskämpfer aus ihren Reihen aufrecht erhalten wollen.

Gehen wir in die Geschichte zurück. Eine erste Weichenstellung gab es bereits 1933 mit der Machtergreifung Hitlers in Deutschland.

Es gab dereinst einen gesamtdeutschen Cartellverband auf Hochschulebene und eben mit der Machtergreifung Hitlerdeutschlands wurden die deutschen Verbindungen gleichgeschaltet mit dem Reich. Dann haben die österreichischen Studentenverbindungen auf Hochschulebene gesagt: Wir spalten uns ab, wir gründen den Österreichischen Cartellverband auch als Kampfbewegung gegen Hitlerdeutschland. Parallel dazu haben die Mittelschulverbindungen einen eigenen Dachverband, den MKV, gegründet, der ebenfalls von Anfang an als katholischer Verband gegen den Nationalsozialismus konzipiert war. Es war schon 1933 die gleichzeitige Mitgliedschaft bei der NSDAP und einer katholischen Studentenverbindung strikt untersagt. 
 

Warum war für die österreichischen Verbindungen der Nationalsozialismus komplett unvereinbar mit deren Wertebasis?

Im Mittelpunkt stehen die vier Werteprinzipien: religio – der katholische Glaube, patria – Österreich als Heimatland, scientia – Streben nach Wissen und amicitia – die Freundschaft. Gerade die Prinzipien religio und patria sind massiv im Gegensatz zum Nationalsozialismus gestanden.
 

Wie war die Situation fünf Jahre später nach dem Anschluss Österreichs?

Es gibt viele Berichte, dass im März sehr viele Mitglieder von Studentenverbindungen in die Kaserne gegangen sind, sich zu Studenten-Corps bewaffnet haben und bereit waren, Österreich mit der Waffe zu verteidigen. Es kam dann am Abend des 11. März 1938 die Rede von Bundeskanzler Schuschnigg: „Gott schütze Österreich! Wir weichen der Gewalt.“ Damit aber ging der Terror so richtig los. In dieser Nacht wurden Buden, die Vereinslokale der Verbindungen, gestürmt. Drei Mitglieder einer Studentenverbindung wurden von einer Standarte angeschossen. Es kam zu einer Verhaftungswelle, die sich natürlich sehr stark auch gegen katholische Studenten gerichtet hat, weil diese genau in den Jahren davor am vehementesten gegen den Nationalsozialismus gekämpft haben. Ein Mitglied der Mittelschulverbindung Donaumark Wien hat versucht, sich der Verhaftung zu entziehen. Er ist aus dem Fenster abgestürzt und tödlich verunglückt. Man darf nicht vergessen, dass kurze Zeit später beim Prominententransport ins KZ Dachau eine überdurchschnittlich große Anzahl an katholischen Couleur-Studenten war. Hans Karl Zeßner-Spitzenberg war der erste Österreicher, der nach dem Anschluss in Dachau gestorben ist. Es sind in der Folge sehr viele in den Widerstand gegangen. 
 

Welche Beweggründe hatten diese Menschen, in den Widerstand zu gehen?

Das eine war natürlich ein tiefes Aufkommen eines Österreich-Bewusstseins und Freiheitsbewusstseins. Freiheit ist ein Gut, von dem oft unterschätzt wird, wie viel Kraft es Menschen gibt. Ein paar 100 Kilometer weiter im Osten kämpfen gegenwärtig Menschen für ihre Freiheit und sind bereit, ihr Leben gegen eine drohende Unterjochung zu riskieren. Das Gleiche gilt auch für Walter Krajnc, der 1944 exekutiert wurde. Seine letzten Worte waren: „Es lebe Österreich, es lebe die Freiheit!“ Zweitens, ein Christ per se tat sich in diesem System wahrscheinlich sehr schwer. Es gab Menschen, die den Mut hatten, Stärke zeigten, sich dagegen aufzulehnen. Es hat viele gegeben, mehr als man glaubt, die etwas getan haben, zunächst im kleinen Bereich, aber dann zum Äußersten gegangen sind und aktive Widerstandsgruppen aufgebaut haben. Sophie Scholl und ihr Bruder sind im NS-System groß geworden, sie haben irgendwann die Bösartigkeit des Regimes erkannt. Auch in Österreich hat es Menschen gegeben, die diese extreme Bösartigkeit gesehen haben, weil sie hingeschaut haben. 
 

Wie können wir uns diesen Widerstand im Untergrund überhaupt vorstellen? 


Der Widerstand hatte verschiedene Facetten. Es gab Organisationen mit einem relativ hohen Organisationsgrad, wie die aufgeflogene Gruppe rund um Roman Karl Scholz, Karl Lederer und Jakob Kastelic. Einige haben wirklich aktiv überlegt, wie können wir das System stürzen und wie kann es danach weiter gehen. Die Tiroler Widerstandsbewegung unter dem späteren Außenminister Karl Gruber und Ludwig Steiner hat sich sehr aktiv auf den Tag vorbereitet, wenn die Amerikaner vor der Tür stehen. Als es dann so weit war, hat sie die Wehrmachts- und SS-Truppen in Innsbruck entwaffnet und damit die gewaltlose Übergabe der Stadt ermöglicht. In Wehrmachtslazaretten haben entschiedene Gegner des Systems geschaut, wie sie Soldaten von der Front zurückhalten können. Einzelne haben wiederum beispielsweise Flugzettel verteilt.

Andere haben verfolgte Leute versteckt. Die Couleur-Studentin Anna Mathä hat 1938 sofort den Job als Lehrerin verloren, versteckte aber ab 1942 einen ehemaligen Schüler von ihr, der Jude war, und auch zwei jüdische Freundinnen bis 1945 in ihrer Wohnung. Gott sei Dank haben alle überlebt. 

Ein schönes Beispiel ist auch der Arzt Arthur Lanc, ein „Gerechter unter den Völkern“, der zuerst einmal einem jüdischen Flüchtlingstreck mit Medizin und Babykleidung versorgt hat, dann später noch drei Juden zur Flucht verhalf. Es gab den militärischen Widerstand, der leider Gottes natürlich auch immer wieder scheiterte. Karl Biedermann, Alfred Huth und Rudolf Raschke wurden noch in den letzten Kriegstagen am Floridsdorfer Spitz aufgehängt. 

Was sie alle eint, war, dass sie eben nicht nur nicht weggeschaut haben, dass sie nicht nur dagegen waren, sondern alle in ihren Möglichkeiten aktiv zur Tat geschritten sind. 
 

Welche Bedeutung hatte die Rosenkranzfeier vom 7. Oktober 1938?

Kardinal Innitzer hat am Anfang geglaubt, wenn er sich irgendwie mit dem Regime arrangieren kann, rettet er noch seine katholischen Bewegungen. In der Folge hat er erkannt, dass dies falsch war. Es braucht erst einmal unheimlichen Mut und Stärke, sich einfach hinzustellen und in der Predigt, was uns überliefert ist, sinngemäß zu sagen: „Ich habe einen Blödsinn gemacht.“ Er hat ein ganz klares Bekenntnis wider den Nationalsozialismus abgelegt. Es war die einzige Manifestation und Demonstration im NS-Regime gegen das Regime. Durch Mundpropaganda wurde die Botschaft „Freitag, 7. Oktober, 19:30 im Dom“ weitergetragen. Man hat mit 200 Leuten gerechnet, 6.000 waren es dann schlussendlich. Viele Mitglieder der Katholischen Jugend und Jungschar, der katholischen Studentenverbindungen waren dabei. Das ist auch den Nationalsozialisten in Mark und Knochen gefahren. Darum kam es zu einem Sturm auf das Erzbischöfliche Palais. Auch ein späterer Generaldirektor des Styria-Konzerns, Hanns Sassmann, war mit 14 Jahren bei der Rosenkranzfeier und der anschließenden Demonstration anwesend. Das hat den jungen Menschen viel Mut gegeben, wenn der Erzbischof von Wien ganz klar sagt, erstens, es tue ihm leid, aber zweitens, es gebe nur einen Anführer. Das sei aber nicht der Herr aus Berlin, sondern das sei Jesus Christus.  

Autor:
  • Porträtfoto von Markus Langer
    Markus A. Langer
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