Kardinal Schönborn über Zukunft der Kirche

Interview
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©Kathpress/Paul Wuthe

Über sein Verständnis des synodalen Prozesses in der katholischen Kirche hat Kardinal Christoph Schönborn mit verschiedenen kirchlichen und säkularen Medien aus Österreich gesprochen.

"Es ist für mich auch ein schönes Zeichen, dass prominente säkulare und auch kirchliche Medien ein so deutliches Interesse haben an dem, was sich in Rom tut – und es tut sich viel, es ist spannend. Ich denke, heute Vormittag hatten wir einen Einblick in die Entwicklung, die der Heilige Stuhl unter Papst Franziskus nimmt", sagte  Kardinal Schönborn zu Beginn des Interviews mit verschiedenen kirchlichen und säkularen Medien aus Österreich. Der Kardinal besuchte zusammen mit den Medienvertretern  in der letzten Juniwoche mehrere Behörden der vatikanischen Kurie. "Vorweg ein Schlüsselwort von Franziskus: Es geht nicht darum, Räume zu besetzen, sondern Prozesse zu initiieren. Das hat er in ‚Evangelii Gaudium‘ ganz am Anfang seines Pontifikats gesagt. Und das hat er schon mit der Familiensynode vorgezeigt, die in vier Etappen abgelaufen ist. Und jetzt noch einmal deutlicher mit dem synodalen Prozess. Seit 2012 habe ich durch die Wahl in den Synodalen Rat bzw. in den Synodenrat die Möglichkeit, aus der Nähe mitzuerleben, wie sich die Dinge verändert haben. " 

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Was bedeutet das Wort Synodalität? 

Kardinal Christoph Schönborn: Das Wort Synode ist ein griechisches Wort, zusammengesetzt aus ‚hodos‘ - der Weg – und ‚syn-hodos‘ ist so wie Syn-Ergie die gemeinsame Energie, das gemeinsame Wirken meint, ist der ‚syn-hodos‘ der gemeinsame Weg. Dieses Wort ist uralt, es ist ein Ur-Wort der Kirche, natürlich besonders im christlichen Osten, der sehr früh schon ein starkes Bewusstsein entwickelt hat, dass Synodalität die Grundform der Kirche ist. Das Zweite Vatikanum hat dieses Wort nicht oder kaum gebraucht, aber es hat mit dem Bild vom wandernden Gottesvolk diesem Wort sozusagen den Weg gebahnt. Meine Lieblingsdefinition ist ein Psalm-Wort: „Herr, zeige du uns deine Wege“ (Ps 86). Darin sind alle Elemente für mich enthalten, worum es in Synodalität geht. Es geht um ein Suchen, darum, dass wir nicht bereits alles wissen, sondern dass wir zuerst einmal bei dem suchen, der uns den Weg weisen kann. Kurz gesagt: Synodalität ist ein ‚Transzendenz-orientiertes Wort‘ und gleichzeitig ein ganz stark in die Horizontale reichendes Wort. Also Vertikalität und Horizontalität sind darin sehr verbunden. Wir fragen dabei nicht, was der effizienteste Weg ist, sondern ‚Was ist Dein Weg?‘ Es heißt schließlich ‚Dein Wille geschehe‘. Und das Letzte ist das Pluralwort ‚Wege‘. Das ist nicht beliebig, sondern das ist die Erfahrung, dass es viele Wege gibt und dass es darauf ankommt, herauszufinden, welche Wege es sind, die dem Willen Gottes entsprechen. Diese Elemente gehören meines Erachtens wesentlich zur Synodalität. Die Schwierigkeit dabei ist, die beiden Elemente - dass Vertikale und Horizontale - in eine operable und auch wirklich praxisorientierte Verbindung zu bringen.  

Das hört sich an, als wenn der Weg schon das Ziel wäre. Wenn nein – was ist dann das Ziel…? 

Mich haben am Instrumentum laboris vor allem diese Passagen im Basistext beeindruckt, in denen gesagt wird, dass Synodalität etwas mit ‚Incompletézza‘ zu tun hat, mit Unabgeschlossenheit. Das ist eine urbiblische Perspektive insofern, dass hier allen Ideologien ein Riegel vorgeschoben wird, die glauben, dass wir Dinge ein für alle Mal ‚haben‘. Mit dieser Form der ‚Incompletézza‘ zu leben ist schwierig, aber es wird dem Leben gerecht. Wir selber sind auf diesem Weg, sind ein Stück des langen Weges, der hinter und uns noch vor uns liegt. In diesem Sinne würde ich deutlich sagen: Der Weg ist nicht das Ziel. Der Weg ist der Weg; und ein Weg hat normalerweise ein Ziel. Theologisch nennt man das die ‚eschatologische Dimension‘, das heißt eine über diese Zeit hinausreichende Dimension. Und damit ist man natürlich in dem Spannungsfeld, in dem die Kirche ihrer innere Natur nach ist: Sie ist konkrete, sichtbare Gestalt einer Gemeinschaft und trägt gleichzeitig in sich ein Ziel, das über diese Zeit hinausgeht. 

Viele Menschen, die sich beteiligt haben, knüpfen auch hohe Erwartungen an den synodalen Prozess. Wenn am Ende rauskommt, dass das nur ein Weg ist – sind dann nicht die Enttäuschungen vorprogrammiert? Denken wir etwa an die Gruppe der Frauen, die sich erwarten, in der katholischen Kirche eine wichtigere Rolle zu spielen… 

Wenn Sie nur EIN Resultat erwarten, dann kann es Enttäuschungen geben. Wenn Sie ergebnisoffen in diesen Weg gehen, dann kann es auch noch Enttäuschungen geben - aber sich auf den Weg der Synodalität einzulassen bedeutet, sich auf einen Weg einzulassen, in dem es um die Unterscheidung geht: Welchen Weg zeigst du uns? Wenn wir uns von vornherein mit der Gewissheit auf diesen Weg begeben, dass das am Ende herauskommen muss, was ich mir vorstelle, dann kann es eine Enttäuschung werden, ja.  

Gibt es also gar keine Anzeichen, dass mehr dabei herauskommt als ein Hören und Reden? Eine konkrete Entscheidung… 

Natürlich sollen am Ende Entscheidungen herauskommen, Propositionen wie bei der Familiensynode. Da hat es schon sehr klare Erwartungen gegeben, die auch formuliert und abgestimmt wurden. Sie haben alle die Zweidrittelmehrheit erreicht, die Voraussetzung sind ist, dass es als ein Beschluss der Synode betrachtet werden kann, der dann an den Papst weitergegeben wird. Da hat es natürlich sehr konkrete Propositionen, sehr konkrete Formulierungen gegeben, und das wird es sicher diesmal auch geben. Nur warne ich davor, von vornherein zu sagen: Wenn das nicht rauskommt, was ich oder wir oder eine Gruppe sich erwartet…! Das ist dann auch keine ehrliche Synodalität.  

Nun werden ja im Instrumentum laboris auch viele konkrete Fragen angesprochen. Ist das ein Hinweis darauf, dass sich in diesen Fragen und Streitthemen etwas bewegen könnte – oder könnte es sein, dass nachher die Mehrheit entscheidet, bei diesen vor allem europäischen Streitfragen gar nichts ändern zu wollen? 

Das kann sehr wohl sein. Es lohnt sich, ein bisschen hineinzuschauen in die Papiere der ‚Kontinentalen Phase‘. Was sind die großen Themen, die in Asien, in Lateinamerika, in Afrika die Menschen bewegen? Das sind Themen, die bei uns fast vollständig ausgelassen sind. Ich habe im deutschen Synodalen Weg keine einzige wirtschaftliche Frage gesehen, auch keine einzige wirklich soziale Frage; nichts zum Flüchtlingsthema, nichts zur Ökologie… Was ist da passiert? Eine Fokussierung auf die Ämterfrage, die in der Weltkirche in dieser Weise bisher nicht rezipiert ist. Vielleicht kommt das ja noch – dafür müssen wir offen sein, wenn wir ehrlich einen synodalen Weg gehen wollen. Aber ich bin in Kontakt mit einer Mitarbeiterin am südamerikanischen kontinentalen Resultat: Die Fragen, die auch Frauen in Lateinamerika bewegen, sind – so ist zumindest bisher mein Eindruck – ganz andere. Aber sie haben eines gemeinsam: Die Stimme der Frauen! Ja, dringend: wenn es um soziale Gerechtigkeit geht; wenn es um die Familienfragen geht; wenn es um das Machtgefälle geht. Da ist die Frauenfrage ganz essenziell. Aber blockieren wir uns nicht von vornherein – die Ämterfrage ist auf dem Tisch, aber sie ist bei weitem nicht die einzige Frage!  

Die erwähnte Unabgeschlossenheit von Synodalität ist natürlich außerhalb der Kirche sehr schwer vermittelbar. Besteht da nicht die Gefahr, dass die ganze Sache in einer Nabelschau und permanenten Selbstreflexion der Kirche endet und man damit dem eigentlichen Auftrag, der eigentlichen Mission untreu wird?  

Die Gefahr der Nabelschau sehe ich auch. Sie war schon eine Gefahr beim Zweiten Vatikanischen Konzil. Das Konzil hatte es dann geschafft, aus dieser Falle herauszukommen und hat sich den wirklich großen Fragen der Zeit und der Welt gestellt und zum Teil wirklich sehr, sehr weitreichende Antworten gegeben. Und ich hoffe, dass das hier auch so sein wird. Aber der Prozess ist offen – und die Gefahr besteht, dass man bei einer zu großen Selbstbeschäftigung stehen bleibt. Ich habe nicht den Eindruck, dass das in Asien, Afrika und Lateinamerika das Problem ist, weil dort die gesellschaftlichen Probleme so drängend sind, dass man als Kirche gar nicht anders kann, als sich damit auseinanderzusetzen. Wir hier sind schon sehr in Gefahr, uns zu sehr mit uns selber zu beschäftigen. Ich erlaube mir hier eine Kritik, die ich behutsam aber doch deutlich formuliere: Die Europäische Bischofskonferenz, die sogenannte CCEE, in der ich 22 Jahre lang Mitglied war, hat sich mit vielen Themen beschäftigt – aber sie hat es nie geschafft, eine gemeinsame Position der europäischen Bischöfe in der Migrationsfrage zustande zu bringen. Das ist für mich eine schwere Enttäuschung. Warum hat man die Impulse von Franziskus hier nicht aufgegriffen? Also wenn die Synodalität, die Franziskus jetzt verstärkt praktizieren will, nicht zu klaren Worten zu den großen gesellschaftlichen Problemen führt, dann ist sie gescheitert.  

Dennoch werden Menschen hier in Österreich nach Antworten verlangen, was sie hier vor Ort in Österreich tun können und sollen. Wie sie sich einbringen können als KatholikInnen. Themen gibt es ja doch auch hierzulande genug… 

Ja, Gott sei Dank funktioniert die Kirche in erster Linie als Ortskirche. Und das Gemeinde-Prinzip wird auch in Zukunft das Grundmuster der Kirche bleiben. Wie das Konzil sagt: in jeder Gemeinde ist die ganze Kirche präsent. Und wenn ich auf unsere Gemeinden schaue, die zum Teil sehr an Überalterung leiden, gibt es trotzdem ein ganz großes Engagement. Da bin ich zuversichtlich, dass das dieses Miteinander, um das es dem Papst Franziskus geht, auch tatsächlich ortskirchlich gelebt wird. Der Papst hat immer wieder gesagt: Wartet nicht darauf, dass alles von Rom geregelt wird. Ihr habt den Heiligen Geist, also lebt den christlichen Weg! Und das tun ja Gott sei Dank auch viele unserer Gemeinden und Gemeinschaften. 

Natürlich ist es gut und richtig, wenn sich die Kirche zu den großen gesellschaftlichen Themen äußert und sich ChristInnen dort engagieren. Aber es gibt doch auch innerhalb der Kirche viel Überforderung unter den Priestern, enorme pastorale Probleme. Ist es da nicht vermessen, auf die vielen Charismen zu verzichten, die etwa Frauen haben und mitbringen? Braucht es nicht da eine ehrliche Nabelschau, die diese Probleme benennt? 

Ich schaue auf unsere Gemeinden und sehe, was da alles möglich ist: Teilgemeinden einer Pfarre etwa werden bereits von Frauen geleitet. Das ist kirchenrechtlich überall möglich. Eine Pfarre muss von einem Priester geleitet werden. Aber eine Teilgemeinde kann natürlich von Frauen geleitet werden. Und das war eines meiner faszinierendsten Erlebnisse in der letzten Zeit, wie eine bestimmte Gemeinde unserer Diözese mit Letztverantwortung des Pfarrers durch eine sehr gute, engagierte und begabte Gemeindeleiterin geleitet wird. Wir haben die Spitalsseelsorge, die weit über die Hälfte von Frauen betrieben wird. Die Begräbnisleitung in der Erzdiözese Wien wird in zunehmendem Maße von Frauen gemacht. Wir haben bei weitem nicht ausgeschöpft, was möglich ist. Man muss es nur zulassen und wollen.  

Inwiefern spielt der Konflikt des deutschen Synodalen Weges in den synodalen Prozess hinein?  

Ich bin sehr gespannt, wie das ausgehen wird. Es kann durchaus sein, was ja manche Synodalen in Deutschland auch erhoffen, dass es zu einem Pull-Effekt kommt durch den deutschen Synodalen Weg; dass der auch in anderen Ländern sich als attraktiv erweist. Das ist offen. Bisher habe ich nicht den Eindruck, dass das sehr stark der Fall ist und zwar aus dem schon genannten Grund, weil in vielen Teilen der Welt die drängenden Probleme anders gesehen werden. Aber in der Dynamik dieses weltweiten synodalen Prozesses geschieht ja etwas, ein Austausch, ein gemeinsames Unterscheiden, die ‚conversation spiritual‘, wie Franziskus sie nennt, die spirituelle Konversation, das heißt dieses aufeinander Hören und in den Austausch zu kommen. Wer weiß, was in diesen zwei Etappen des synodalen Prozesses jetzt mit dem deutschen Weg passiert…  

Nun hat Rom sehr klare Grenzen aufgezeigt. Könnte man nicht auch sagen, dass der deutsche Synodale Weg im Gesamt des synodalen Prozesses eine wichtige Stimme ist, auf die man hören sollte?  

Ja, es sind von Rom Grenzen benannt worden. Papst Franziskus hat das auch mit einer ironischen Bemerkung gemacht: ‚Ihr habt doch in Deutschland schon eine gute evangelische Kirche. Warum wollt ihr eine zweite?‘ Das war ein lockeres Wort, das in das Ganze auch ein bisschen mehr Humor hineinbringen sollte, der mir persönlich auch fehlt. Ein bisschen mehr Gelöstheit täte uns allen gut. Grenzziehungen sind von Rom vorgenommen worden vor allem vom Dikasterium für die Glaubenslehre und vom Dikasterium für die Bischöfe bezüglich der überlegten synodalen Strukturen - aber sie sind nicht mit Sanktionen verbunden worden, sondern sie sind in der Offenheit einer Debatte eingebracht worden. Wie weit man auch im deutschen Synodalen Weg bereit ist, auch diese anderen Stimmen zu hören und auf sie einzugehen, das wird sich weisen. Wenn es ein dialogisches, synodale Geschehen sein soll, dann wird es notwendig sein, auch auf die anderen zu hören - und zwar gegenseitig. Und das kann durchaus fruchtbar werden. Für mich ist das eben das Wichtige, dass das nicht abgeschlossen ist. Um anderes Beispiel zu nennen: Die Familiensynode von 2014 und 2015 hat zu dem für mich nach wie vor faszinierenden Dokument von Papst Franziskus, ‚Amoris Laetitia‘, geführt. Aber das ist sicher nicht das letzte Wort in der Geschichte des Nachdenkens über Ehe, Familie, Gesellschaft. Natürlich steht nicht alles zur Disposition und nicht alles ist der Veränderung unterworfen. Papst Johannes XXIII. hat in seiner berühmten Eröffnungsrede zum Konzil von dem unwandelbaren Kern und der veränderlichen Gestalt gesprochen. Und das wird auch in Zukunft so sein.  

Muss sich die Kirche in diesen ganzen Fragen denn immer mit einer Geschwindigkeit bewegen oder wäre da auch mehr Ungleichzeitigkeit denkbar? 

Die Ungleichzeitigkeit findet sowieso überall statt – zwischen Land und Stadt, zwischen Wien und den Bundesländern, um ein beliebtes Beispiel zu nennen… Das wird immer so sein. Aber eine Stärke hat die katholische Kirche, die sie hoffentlich nie aufgeben wird: Sie schafft es in dieser großen Spannungsweite auch der verschiedenen Geschwindigkeiten ‚eine‘ zu bleiben. Das ist letztlich auf Christus zurückzuführen und hat auch sehr viel mit dem Petrusamt zu tun, mit dem Amt der Einheit. Das Faszinierende an Rom ist ja, dass man hier die unterschiedlichen Geschwindigkeiten in der Breite der Weltkirche erlebt. Und trotzdem hat man den Eindruck, es ist eine Kirche. Also das müssen wir aushalten. Resilienz nennt man das.  

Was genau wird Ihre Rolle bei der Synode sein? Sie nehmen ja nicht als Stimme Österreichs daran teil… 

Ich brauche meine österreichische Identität, die ich mir mühsam erworben habe als gebürtiger Böhme, nicht aufzugeben in der Synode. Aber ich bin nicht als Delegierter der Österreichischen Bischofskonferenz dabei, sondern als gewähltes Mitglied des Synodenrates. Ich bin bei der Jugendsynode wegen meiner fortgeschrittenen Jugendlichkeit als einer der zwei europäischen Vertreter für den Synodenrat gewählt worden. Meine Aufgabe ist dabei, ganz normales Synodenmitglied zu sein.  

Wird es deutschsprachige Arbeitskreise geben? 

Das kann man im Vorhinein ausschließen. Das wird es nicht geben, weil die Deutschsprachigen einfach eine kleine Minderheit sind. Es gab noch 2014 und 2015 bei der Familiensynode eine deutsche Sprachgruppe. Da haben sich zum Beispiel Bischöfe aus Südosteuropa angeschlossen, aus Osteuropa, die Deutsch besser können als Italienisch. Aber es wird diesmal keine deutsche Sprachgruppe geben, soweit ich weiß.  

Im Instrumentum laboris heißt es an einer Stelle, dass die Kirche eine neue Sprache für die Glaubensvermittlung benötige. Was bedeutet das? 

Sprache ist ein wunderbares Instrument. Ich bin da skeptisch, wenn man das so generell sagt, die Kirche müsse eine andere Sprache haben. Wir alle sind ja als Christen mit Sprache begabt. Wie reden wir über unseren Glauben? Haben wir eine abstrakte, eine angelernte Sprache? – Oder reden wir so, wie wir es selber erleben und leben? Papst Franziskus weist darauf hin: Was macht eine gute Predigt aus? Ein Gedanke, ein Bild, eine Emotion. Denn so hat Jesus gesprochen. Und Bilder gibt es zu allen Zeiten – und auch heute.  

Synodale Prozesse brauchen Zeit. Haben wir diese Zeit denn eigentlich noch? Man denke an die Kirchenaustritte, an den Exodus der Jugend… Haben wir die Zeit noch? 

Ja und nein. Es ist immer zu spät. Und es ist immer Zeit, weil die Kirchenaustritte ein Teil eines großen gesellschaftlichen Vorgangs sind, in dem die Kirche ihren Platz mit ihren Fehlern und ihrem Versagen, aber auch mit ihren Stärken hat. Das Oberste, was bei uns viel zu wenig genannt wird, das ist die Demografie. Die europäische Demografie schlägt jetzt voll zu. Das Jammern darüber, dass es zu wenig Pflegepersonal gibt, zu wenig Lehrpersonal, zu wenig Gastronomiepersonal und zu wenig Kirchenpersonal: Das hat alles mit Demografie zu tun. Da dürfen wir uns nicht in den Sack lügen. Die Zahl der Katholiken wird vermutlich in Wien auf 20 Prozent sinken. Vielleicht wird das durch die Immigration teilweise ausgeglichen. Österreichweit werden wir sicher auf 40 Prozent oder weniger herunter sinken. Das ist so. Das hat nicht primär damit zu tun, dass die Kirche viele Fehler gemacht hat, sondern das ist die gesellschaftliche Entwicklung. Und Institutionen haben nicht mehr diese Bedeutung wie früher. Wir werden durch keine Maßnahmen den Katholikenschwund aufhalten können - auch nicht durch irgendwelche angeblichen, unbedingt notwendigen Reformen. Das wird‘s nicht spielen. Unser Land ist weniger konfessionell geworden – aber deswegen nicht weniger spirituell! Die Volksreligiosität ist nicht tot. Sie ist nicht mehr so omnipräsent – aber sie ist bei weitem nicht tot.  

Es ist also nicht alles verloren… 

Absolut nicht! Ich war ja kürzlich in Saudi-Arabien und im November in Bahrain: Die Welt ist faszinierend lebendig, was die religiösen Fragen betrifft. Mit dem der großen Spannung der Radikalisierung überall – am wenigsten im Moment im Christentum, aber etwa im Buddhismus, in Sri Lanka, dasselbe mit den Hindus in Indien. Bei den Uiguren in China, den Rohingya in Myanmar: Überall ist das religiöse Thema da. Mich hat beeindruckt in Riad die ‚Mekka-Declaration‘, unterschrieben von 1.200 muslimischen Verantwortlichen mit einer ganz klaren Absage an die Gewalt. Und das tun sie nicht, um der Welt zu gefallen, sondern aus Überlebensstrategie. Weil sie merken, das ist eine solche Sackgasse! Also da tut sich so viel in der religiösen Landschaft. Ich finde es einfach spannend, was wir erleben. Unser Schrumpfen beunruhigt mich da nicht. Denn die Kirche hat ein ganz schönes Paket an Sinn-Orientierung. Man nennt das das Evangelium.  

 

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