Jedes Leben im Blick

Hilfe im Südsudan
Ausgabe Nr. 10
  • Soziales
Autor:
Gruppe von Mädchen
Auf der Flucht im eigenen Land: Im Camp Mangathen Eins in Juba leben 14.500 Menschen. Über 800 Menschen mit Behinderungen konnte „Licht für die Welt“ dort bereits unterstützen, im ganzen Südsudan über 8.000. ©Natalie Plhak/Licht für die Welt
Mädchen im Rollstuhl
Die elfjährige Nyebol kann nicht sprechen, aber sie versteht. Durch Training kann sie heute ohne Stützpölster im Rollstuhl sitzen. ©Natalie Plhak/Licht für die Welt
Fußballer mit Augenbinde
Blindenfußball: Damit am Feld alle gleichberechtigt sind, müssen Spieler mit leichtem Sehvermögen Sichtschutz tragen. ©Natalie Plhak/Licht für die Welt

Was bedeutet ein Alltag mit Behinderung in einem der ärmsten Länder der Welt? Die Hilfsorganisation „Licht für die Welt“ setzt sich im konfliktreichen Südsudan für Inklusion ein.

Schweißtropfen stehen der elfjährigen Nyebol auf der Stirn. Es hat fast vierzig Grad an diesem Februartag in der Stadt Juba, wie häufig während der Trockenzeit.

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Nyebol sitzt vor der Wellblech-Hütte ihrer Familie, zwischen hunderten anderen Hütten, zwischen staubigem Erdboden und sengender Sonne. Nyebol sitzt in einem Rollstuhl, dessen Sitzfläche durchhängt, dessen Armlehne defekt ist – und der trotzdem vor allem eines ist: keine Selbstverständlichkeit. Denn das Mädchen lebt mit einer schweren Behinderung in einem Flüchtlingslager in einem der offiziell ärmsten Länder der Welt – im Südsudan.

„Wenn Frieden wäre, wäre es einfacher mit einem Kind wie diesem“, sagt Maria, Nyebols Mutter. Die 56-Jährige hat neben ihrer Tochter in einem vergilbten Plastiksessel Platz genommen. Sechs Kinder hat sie zur Welt gebracht und ihren Mann im Krieg verloren. Seit zehn Jahren lebt sie nun bereits in Lagern in der Hauptstadt. Insgesamt vier Millionen Menschen sind im Südsudan Binnenvertriebene – Flüchtlinge im eigenen Land.

Nyebol ist bereits mit ihrer Behinderung auf die Welt gekommen. „Ihre Familie war damals schon sehr erschöpft“, sagt Sophia Mohammed, Landesdirektorin der Hilfsorganisation „Licht für die Welt“ im Südsudan. „Früher ist das Mädchen den ganzen Tag allein in der überhitzten Hütte herumgelegen. Heute wird Nyebol gut versorgt.“ Mit ihrem Team ist Sophia Mohammed im Großteil des Landes tätig – auch in drei der fünf Flüchtlings-Camps der Hauptstadt. Hier führt „Licht für die Welt“ Therapien durch, leitet Familien dabei an, wie sie ihre beeinträchtigten Kinder bestmöglich unterstützen können, hilft den Müttern dabei, sich etwa mit Seifenproduktion ein kleines Business aufzubauen oder vermittelt in medizinischen Fragen. 

Licht für die Welt im Südsudan

„Licht für die Welt“ setzt sich im Südsudan für Menschen mit Behinderungen ein – in Gesellschaft, Arbeitswelt und Politik. Ein Fokus liegt unter anderem auf inklusiver Bildung und inklusivem Sport. 2021 erschien zudem ein Gebärdensprachenlexikon für das Land. Auch gegen das Nodding Syndrome, eine noch ungeklärte Nickkrankheit bei Kindern, wird gearbeitet. Über 8.000 Menschen mit Behinderungen konnte die Organisation bisher im Südsudan mit ihrer Hilfe erreichen.

Therapie und Überzeugungsarbeit

Seit einiger Zeit kann Nyebol ihren Kopf selbst gerade halten. Und sie kann ganz langsam ein Stück Brot zum Mund führen. „Dahinter stecken jede Menge Übungseinheiten“, sagt Sophia Mohammed. Auch viel Überzeugungsarbeit. Denn es hat gedauert, bis in der Familie ein Bewusstsein für die Bedürfnisse des Mädchens gewachsen ist. Bei so viel Armut im Land wird von Eltern häufig priorisiert: „Kinder mit Behinderungen werden oft vernachlässigt“, sagt Sophia Mohammed, „Schule zum Beispiel ist im Südsudan kostenpflichtig. Da wird oft nur in die gesunden Kinder investiert.“

Wie viele Menschen im Südsudan mit Behinderungen leben – es gibt keine Daten dazu. Fest steht, dass es weit mehr sein müssen als in einem stabilen Land, allein aufgrund der Kriegsverletzten und einer Gesundheitsversorgung, die kaum vorhanden ist.

Kleine Buben ziehen Spielzeugautos hinter sich her. Sie sind aus Plastikflaschen gebastelt, als Räder dienen die Schraubverschlüsse. Musik tönt aus so mancher Hütte. Und zwischen Wellblechwänden und Dächern aus Plastikplanen kann man bei Frauen in bunten Gewändern Zwiebeln kaufen oder getrockneten Fisch. Im Camp, in dem Nyebols Familie lebt, wohnen 14.500 Menschen, nur 4.000 von ihnen offiziell. Von der Regierung kommt für die Vertriebenen keine Unterstützung – es fehlt das Geld. 

Fruchtbar und voller Rohstoffe

Dabei wäre der Südsudan ein reiches Land. Ein Land voll fruchtbarer Gegenden und Erdöl-Reserven. Seit Jahrzehnten aber ist das Gebiet von kriegerischen Konflikten geprägt. 2011 erreichte der Südsudan seine Unabhängigkeit vom Sudan. 2013 bis 2018 herrschte erneut Bürgerkrieg. Auch nach dem Friedensabkommen ist der Grad der Gewalt im Land hoch.

Über oft rumpelige, von Plastikmüll gespickte Wege geht es zu einem Sportplatz im Zentrum der Stadt. Eine Gruppe junger Männer jagt in der Nachmittagshitze einem Ball nach. Flott, gezielt, sicheren Schrittes. Es sind blinde und sehbehinderte Burschen, die miteinander am Fußballfeld stehen. Wer nur leichter sehbehindert ist, trägt Sichtschutz, damit alle gleichberechtigt sind. Orientierung beim Blinden-Fußball bieten Zurufe, sehende Guides und Tormänner. Und ein Ball, der bimmelt. „Wir wollen Menschen mit Behinderungen auch über inklusiven Sport stärken“, sagt Sophia Mohammed, „sie sollen Teilhabe haben, in allen Lebensbereichen.“

„Behinderung bedeutet nicht das Ende“

Wie es sich anfühlt, nicht inkludiert zu sein, weiß der heute 35-jährige Abilo noch genau: Mit acht Jahren hat ihm eine Granate sein Augenlicht weggesprengt. Drei Jahre ist er danach nur zu Hause gesessen. „Du bist für nichts mehr zu gebrauchen“, sagte ihm seine Mutter damals. 

„Ich war verzweifelt“, erzählt Abilo. Bis ihm der Besuch einer Schule für Blinde eine Perspektive gegeben hat. Heute unterrichtet Abilo selbst. Er hat Familie gegründet, einen Uni-Abschluss erreicht und arbeitet für „Licht für die Welt“ im Inklusionsbereich. Als jemand mit Vorbildwirkung ermutigt er Eltern: „Die Behinderung eures Kindes – sie bedeutet nicht das Ende des Lebens.“ 

Autor:
  • Marlene Groihofer
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