Ein Mann ohne Eigenschaften?

Ausgabe Nr. 16
  • Hirtenhund
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©Der SONNTAG

Das Buch „Nichts als die Wahrheit“ von Georg Gänswein sorgt seit Wochen für katholische Erregung.

Bis zu 180.000 Wildgänse fliegen im November aus ihren Brutgebieten in Sibirien nach Europa, vor allem nach Deutschland, um dort zu überwintern, lese ich. Ein Gänserich hat sich offenbar auf dieser Tour verflogen und ist in Österreich aufgeschlagen. Mit dabei hat er sein aktuelles Buch, das er – voller Demut und Bescheidenheit – in jede Kamera hält. OK, ein billiger Wortwitz, gebe ich zu, aber ich weiß mir ehrlich gesagt nicht mehr anders zu helfen angesichts der perfekt geölten PR-Maschine, die Erzbischof Georg Gänswein derzeit durch alle Medien treibt – bis hinein in die ZIB 2.
Dort stand er einem braven Wolf mit Beißhemmungen gegenüber, der ebenso brave Fragen stellte und augenscheinlich wenig Interesse daran hatte, dem Erzbischof auf dem Abstellgleis die größtmögliche mediale Bühne des Landes zu geben.

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„Nichts als die Wahrheit“ heißt das Buch, das seit Wochen für katholische Erregung sorgt. Hat Don Giorgio Papst Franziskus darin etwa kritisiert, weil dieser ihn als Privatsekretär an der Seite Benedikts geparkt hatte? Nein, natürlich nicht. Er fühle sich „in der Hand von Franziskus sehr geborgen“.  Und so weiter. Kurzum: Was der Prinz Harry des Vatikan an medialen Auftritten hinlegte, war so wundervoll, dass man sich unwillkürlich fragt: Was gibt’s an dem auszusetzen? Kann man sich einen netteren Schwiegersohn wünschen? OK, eher unwahrscheinlich, denn am Zölibat rütteln geht für ihn natürlich nicht. Aber als Erzbischof würde er doch eine gute Figur abgeben ...

Der Flügelkampf im Vatikan, die Schlangengrube der gesalbten Häupter – alles also nur „Fake News“? So will es das neue Narrativ des demütigen Don, jenes halbierten Präfekten, der jahrelang als post-päpstlicher Sekretär selbst Kirchenpolitik mit betrieben und verantwortet hat. Alles andere als ein Mann ohne Eigenschaften. Ob es bei ihm gar zum Strippenzieher einer Parallelaktion reicht wie bei Musil? Eines jedenfalls dürfte gewiss sein: Er (und Herder) werden einen guten Schnitt mit seinem Elaborat machen. Eh klar, bei dem Titel. Denn vor 20 Jahren ist schon einmal ein deutschsprachiges Buch mit exakt demselben Titel – „Nichts als die Wahrheit“ – erschienen und zum Bestseller geworden. Die Biografie von Dieter Bohlen. Kein Witz. Und so sehe ich Dieter Gänswein mit versonnenem Blick vor dem Grabe Benedikts summen: „You’re My Heart, You’re My Soul.“ Eine billige Pointe, gebe ich zu – aber wie gesagt: Manchmal helfen nur Kalauer.

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