Die Beziehung zwischen Mann und Frau

Seelenverwandte & Seelenfreunde
Ausgabe Nr. 34
  • Leben
Autor:
Hans-Urs-von-Balthasar-mit-Adrienne-Speyr
Hans-Urs-von-Balthasar-mit-Adrienne-Speyr ©Archiv Hans Urs von Balthasar, Basel
Anton-Strukelj
Anton-Strukelj ©Anton-Strukelj

In unserer Sommer-Serie über „Seelenverwandte & Seelenfreunde“ beleuchten wir die geistliche Freundschaft zwischen Mann und Frau. Ob zwischen Mutter und Sohn, Bruder und Schwester, Ehemann und Ehefrau oder zwischen Personen der Kirchengeschichte, die einen wechselseitigen Einfluss aufeinander ausübten. Welche Beziehung verband Hans Urs von Balthasar, den großen Theologen, mit der Ärztin und Mystikerin Adrienne von Speyr? Eine Spurensuche in der Schweiz des 20. Jahrhunderts.

Sie ist ein musterhaftes Beispiel, die Beziehung zwischen Hans Urs von Balthasar und Adrienne von Speyr. Von Balthasar war einer der ganz großen Theologen des 20. Jahrhunderts, die Ärztin Adrienne von Speyr wiederum war eine große Mystikerin. Anton Štrukelj, emeritierter Professor für Dogmatik in Ljubljana (Slowenien), erläutert im SONNTAG-Gespräch diese Freundschaft.

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Was zeichnet die Beziehung zwischen Hans Urs von Balthasar und Adrienne von Speyr aus?

Anton Štrukelj: Es handelt sich um eine Doppelsendung, wie zum Beispiel auch bei Franziskus und Klara von Assisi oder bei Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz. Die Urgestalt davon bilden Maria und Johannes unter dem Kreuz, die Christus als „Urzelle der Kirche“ zusammenführt. Aus dem gemeinsamen und komplementären Auftrag Hans Urs von Balthasars und Adrienne von Speyrs erwuchsen vor allem die Gründung einer Gemeinschaft und ein umfangreiches theologisches Schrifttum.

Wie gestaltete Hans Urs von Balthasar seine Beziehung zu Adrienne von Speyr?

Anton Štrukelj: Nach ihrer Konversion wurden Adrienne von Speyr viele besondere, ja einmalige Einsichten in die Heilige Schrift und in die Geheimnisse und Vollzüge des christlichen Glaubens geschenkt. Wohl nur ein Theologe, Schriftsteller und Gestalter vom Format Balthasars vermochte diese Quelle zu fassen und an die Kirche weiterzuleiten. In seinem Verlag hat er das erstaunliche Werk Adrienne von Speyrs dann herausgegeben. Er selbst sagt einmal: „Mein Anteil an ihrer Theologie bestand vor allem darin, einen umfassenden theologischen Horizont bereitstellen zu können, um das Neue und Gültige ihrer Aussagen nicht zu verengen, zu verfälschen, sondern ihm den hinreichend weiten Platz einzuräumen, worin sie sich ausfalten kann. Mit einem bloßen Handbuchwissen wäre Adrienne von Speyr nicht aufzufangen gewesen; es bedurfte einer Kenntnis der großen Tradition, um zu verstehen, dass das von ihr vorgetragene Originelle in keinem Widerspruch zu dieser Überlieferung steht“ (von Balthasar, „Prüfet alles, das Gute behaltet“, 88).

Wie gestaltete Adrienne von Speyr ihre Beziehung zu Hans Urs von Balthasar?

Anton Štrukelj: Sie suchte ihn als Seelsorger auf, und er hat ihr die Tür zur Konversion vom protestantischen zum katholischen Glauben geöffnet. Sie sah in ihm, dem Priester und Jünger des heiligen Ignatius, den amtlichen Repräsentanten der Kirche. In einem persönlichen Brief an ihren Beichtvater schreibt sie: „Es gibt Augenblicke, in denen ich klar weiß, dass wir beide wirklich als Instrumente dienen dürfen, ganz dienen, und das bedeutet doch höchstes Glück, wenn auch schmerzhaftes“ (von Balthasar, „Unser Auftrag“, 86).

Warum kann man beide Gestalten, Hans Urs von Balthasar und Adrienne von Speyr, nicht jede für sich, sondern eine nur durch die andere verstehen?

Anton Štrukelj: Hans Urs von Balthasar und Adrienne von Speyr bilden zusammen eine einzige kirchliche Sendung, „zwei Mondhälften“ ähnlich. In „Unser Auftrag“ wird diese gemeinsame Sendung dargestellt. Es ging nicht um ein menschlich „gestaltetes“ Zusammenwirken, sondern um eine vom Himmel geschenkte Gnade für ein tieferes Ziel. Papst Benedikt XVI. sagte in einem Interview, Hans Urs von Balthasar sei undenkbar ohne Adrienne von Speyr. Man könne bei allen wirklich großen theologischen Gestalten zeigen, dass neuen theologischen Aufbrüchen ein prophetischer Durchbruch vorausgehe. Nach ihm gehören Prophetie und Theologie eng zusammen (Internationale Katholische Zeitschrift „Communio“ 1999, 183).

Was verbindet beide als Gründer der Johannesgemeinschaft?

Anton Štrukelj: Die Antwort steckt hier in der Frage: Sie sind verbunden durch die Gründung einer Weltgemeinschaft! Beide leben in einem liebenden und vorbehaltlosen Gehorsam Gott gegenüber, in marianischer Bereitschaft, johanneischer Liebe und ignatianischer kirchlicher Gesinnung (sentire cum Ecclesia), was auch die Kennzeichen der Gemeinschaft sein sollen.

Was können wir von dieser Beziehung zwischen den beiden für heute lernen?

Anton Štrukelj: Ihre Haltung der Verfügbarkeit nach dem Vorbild der „Magd des Herrn“, Transparenz und Gotteskindschaft können für uns in einer Welt des Machens und der Verzweckung eine Bestärkung sein. „Wenn ihr nicht werdet wie dieses Kind“, heißt Balthasars letztes Buch.

Wir lernen durch ihre Theologie und ihre Zusammenarbeit, wie Mann und Frau in ihrer Differenz sich fruchtbar ergänzen für die Arbeit am Reich Gottes, was für eine die Geschlechter nivellierende Zeit ebenfalls zentral ist. Ferner erkennen wir in ihrem schriftlichen Werk einen inneren Zusammenhang von Mysterium und sprachlicher Form, gegen den heutigen Trend zum Gestaltlosen und zum nichtssagenden Wort. Und schließlich spürt, wer sich auf dieses der Kirche geschenkte Werk einlässt, dass die „Pforten des ewigen Lebens“ weit geöffnet sind und der Himmel ganz nahe ist.

Was fasziniert Sie persönlich an dieser Beziehung zwischen Hans Urs von Balthasar und Adrienne von Speyr?

Anton Štrukelj: Die Radikalität des christlichen Lebens in der Nachfolge Christi.

Autor:
  • Stefan Kronthaler
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