Der Mensch und das liebe Vieh

Schöpfung im Klimawandel
Ausgabe Nr. 30
  • Leben
Autor:
Katze und Kuh
Bunte Welt der Tiere: als beliebte Haustiere oder als Hof- und Nutztiere. ©iStock/HMVart & Noerenberg
Martin Lintner
Martin M. Lintner lehrt Moraltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Brixen/Südtirol. ©Konrad Glombik

Kennt die Bibel schon so etwas wie Tierschutz? Wie kann ein vernünftiger Tierschutz in unserer Gesellschaft durchgesetzt werden? Der Südtiroler Moraltheologe Martin M. Lintner gibt Antworten.

Tiere spielen im Leben vieler Menschen eine große Rolle, sei es im bäuerlichen Bereich mit den Hof- und Nutztieren, sei es bei vielen Menschen, für die Haustiere eine soziale Rolle spielen“, sagt der Brixener Moraltheologe P. Martin M. Lintner OSM zum SONNTAG: „Über die Bedeutung der Mensch-Tier-Beziehung im Licht des Glaubens zu reflektieren ist etwas, was bisher zu kurz gekommen ist. Es ist aber immer mehr Menschen ein Bedürfnis.“ Dazu komme, „dass sich unser Lebens- und Konsumstil ebenso wie die Klimaveränderung ganz extrem auf die Lebensbedingungen von Tieren auswirken.“ Lintner: „Da sind einmal die ca. 80 Milliarden Tiere, die weltweit pro Jahr geschlachtet werden – also 10 Mal so viel wie es Menschen gibt, und die oft unter schlechtesten Bedingungen gehalten und getötet werden. Und dann gibt es die vielen Wildtiere, denen wir zunehmend den Lebensraum nehmen. Derzeit erleben wir ein weltweites Massensterben an Tieren und Pflanzen als Folge menschlicher Handlungen und Entscheidungen. All diese Entwicklungen rufen nach einer Tierethik.“

Werbung

Wie wird die Schöpfung zum „Lebensraum Erde“ für Mensch und Tier? Warum bilden Mensch und natürliche Mitwelt wie die Tiere eine Schöpfungsgemeinschaft? 

Wir teilen diese Welt als gemeinsamen Lebensraum nicht nur mit anderen Menschen, sondern auch mit den Tieren und den Pflanzen. Meines Erachtens kommt in der ersten Schöpfungserzählung (Genesis 1) sehr schön zum Ausdruck, dass Gott die Welt erschafft, indem er das Chaos ordnet und damit einen zeitlichen Rhythmus beginnt und Lebensräume schafft, die dann mit Lebewesen besiedelt werden: das Wasser mit den Fischen, die Luft mit den Vögeln und das Land mit den Kriechtieren, dem wilden Vieh, dem Vieh – in der biblischen Sprache sind das die Nutz- und Haustiere – und dem Menschen. Die Landtiere und der Mensch werden am selben Tag erschaffen, ein Hinweis, dass sie eine Gemeinschaft bilden. Evolutionsbiologisch haben wir uns nicht nur als Teil des Lebensbaumes mit seinen vielen Verästelungen des großen Tierreichs entwickelt, sondern wir sind eingebunden in komplexe natürliche Zusammenhänge, die nur funktionieren können, wenn jedes Glied seine Aufgabe wahrnehmen kann, darunter eben auch die nichtmenschlichen Lebewesen von den Bakterien bis zu den Insekten und vieles mehr. 
 

Wie sieht ein christliches Mensch-Tier-Verhältnis aus? 

Ich möchte an die Ethik der Ehrfurcht von Albert Schweitzer erinnern: Wenn wir das Leben deuten als Geschenk Gottes, dann können wir nicht anders, als in jedem Lebewesen etwas von der lebensspendenden Güte und Liebe Gottes zu erkennen. Wie wir Tiere behandeln, darin spiegelt sich auch etwas von unserem Glauben an den Schöpfergott wider. Die Bibel ist da recht klar: Sowohl in der ersten wie in der zweiten Schöpfungserzählung finden wir den Auftrag an den Menschen, für die Tiere Sorge zu tragen. Papst Franziskus stellt in seiner Enzyklika Laudato si’ (2015) klar, dass wir die Bibelstelle Genesis 1,28, derzufolge wir die Erde unterwerfen und über die Tiere herrschen sollen, missverstehen, wenn wir daraus einen Freibrief für Ausbeutung herauslesen. Vielmehr sind uns Fürsorge und Pflege aufgetragen.
 

Hinsichtlich der Tiere sind uns Fürsorge und Pflege aufgetragen ...

Martin Lintner

Milliarden von Tieren werden jährlich weltweit verspeist: Ist es nicht ein Skandal, dass unzählige Tiere u. a. als Produktionsmittel für Fleisch, Milch und Eier gehalten werden?

Ich habe bereits die Zahl von 80 Milliarden Tieren genannt, die jährlich geschlachtet werden, die zig Milliarden Fische sind nicht eingerechnet. Das ist eine extrem hohe Zahl und es ist leicht einsichtig, dass man dem Großteil dieser Tiere keine Haltungsbedingungen und Schlachtvorgänge zugesteht, die den tierethischen  Mindestanforderungen entsprechen. Zudem ist es ein extremes umweltethisches Problem, denn um diese Anzahl an Tieren zu füttern, braucht es derzeit ca.  1/3 der Landoberfläche der Erde. Davon könnte ca. 80 Prozent für die Produktion von pflanzlicher Nahrung für Menschen verwendet werden. Zudem ist es ein Skandal, dass mehr als 1/3 der weltweit für die Fleischproduktion gezüchteten Tiere letztlich als Müll vergeudet wird, weil Tiere an Krankheiten versterben, wegen Seuchen gekeult werden, Schlachtabfälle, die nicht verwertet werden, oder aber weil Fleisch schlecht wird, vor allem in klimatisch heißen Ländern, in denen es nur unzureichende Kühlmöglichkeiten gibt. In der Debatte vergessen wir oft ein weiteres Problem: die Menschen, die in den Schlachtbetrieben arbeiten. Die Arbeit, acht Stunden am Tag oder länger im Akkord Tiere zu töten, gehört zu den belastendsten Tätigkeiten. Beschäftigte in Schlachthöfen – besonders Schlachtende – tragen wegen der permanenten Gewaltausübung gegenüber den Tieren ein erhöhtes Risiko für ungünstige Bewältigungsstrategien wie emotionale Verhärtung und Substanzmissbrauch bis hin zu posttraumatischen Belastungsstörungen. Das sagen übrigens nicht Tierschutzorganisationen, sondern das Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung.

Kennt die Bibel so etwas wie Tierschutz? Wo doch die Tiere „Mitgeschöpfe“ des Menschen sind (Genesis 1,20–25)?

Die Bibel kennt natürlich noch keinen Tierschutz, wie wir ihn heute verstehen. Es wäre falsch, heutige Fragestellungen an die Texte der Bibel heranzutragen, ohne zu berücksichtigen, dass sich die soziokulturellen Kontexte der damaligen hin zu den heutigen Menschen radikal verändert haben. Was die Bibel aber sehr wohl kennt, ist die Ermahnung, mit den Tieren gut und gerecht umzugehen. Die Bibel betont auch die Gemeinsamkeiten zwischen Menschen und Tieren, sie kennt so etwas wie eine tiefe Schicksalsgemeinschaft zwischen Menschen und Tieren, während wir in der abendländischen Tradition zwischen beiden Seiten vielmehr einen tiefen Graben gezogen haben und die Unterschiede viel stärker als die Gemeinsamkeiten betonen. Aus theologischer Sicht müssen wir zudem noch viel intensiver über die Bedeutung nachdenken, dass Gott nach der Sintflut auch mit den Tieren einen Bund geschlossen hat und dass die gesamte nichtmenschliche Schöpfung, also auch die Tiere, in das Heilsgeheimnis Christi eingeschlossen sind.
 

Die Bibel kennt natürlich noch keinen Tierschutz, wie wir ihn heute verstehen.

Martin Lintner

Wie kann ein vernünftiger Tierschutz in unserer Gesellschaft durchgesetzt werden?

Es braucht meines Erachtens ein enges Zusammenspiel zwischen den unterschiedlichen Menschengruppen: von den Bauern über die Betriebe, die tierliche Produkte verarbeiten, bis hin zum Handel, zur Gastronomie und den Konsumentinnen und Konsumenten. Ich denke, es braucht gesetzliche Mindestbestimmungen zum Tierschutz, aber es braucht auch die Bereitschaft aller dieser Gruppen, ihren Beitrag zu leisten, auch freiwillig. Insgesamt kommen wir nicht um eine ganz signifikante Reduktion des Konsums von tierlichen Lebensmitteln herum, nicht nur wegen der Tiere, sondern auch wegen der Auswirkungen der Tierhaltung auf die globale Klimaerwärmung im Kontext der intensiven Landwirtschaft. Diese ist aber nötig, um den derzeitigen Bedarf nach tierlichen Nahrungsmitteln abzudecken.

Zugleich gibt es in unserer Gesellschaft eine emotionale Annäherung an Tiere in der Haustierhaltung. So wird mittlerweile vermehrt zu kirchlichen Tiersegnungen rund um den Gedenktag des hl. Franziskus am 4. Oktober eingeladen.

Ja, das macht irgendwie unser grundlegend ambivalentes Verhältnis zu Tieren deutlich. Die Haustierhaltung zeigt einerseits, dass Tiere für viele Menschen eine wichtige soziale Rolle spielen. Auf der anderen Seite besteht natürlich auch die Gefahr, dass an Tiere Erwartungen gestellt werden, denen nur Menschen, nicht jedoch Tiere, gerecht werden können. Die Tiersegnungen können helfen, dass die christliche Bedeutung der Tier-Mensch-Beziehung zum Ausdruck gebracht wird. In diesem Sinne sind sie zu begrüßen. Allerdings sehe ich hier noch Bedarf, wirklich gute liturgische Vorlagen zu erarbeiten und zur Verfügung zu stellen. 

Autor:
  • Stefan Kronthaler
Werbung

Neueste Beiträge

| Hirtenhund
Hirtenhund

Der Hirtenhund "bellt" über den Kirchenbeitrag.

| Sonntagsjause
Die SONNTAGs-Jause

Was würde Christine Haiden Jesus fragen? "Wie war das wirklich mit Maria Magdalena?" Die profilierte Frauenjournalistin Christine Haiden ist eine Mutmacherin. Die SONNTAGs-Jause zum Weltfrauentag am 8. März.

| Spiritualität
Fastenserie mit Äbtissin Hildegard Brem - Teil 3

FASTENSERIE: Entdecken Sie die Weisheiten von Äbtissin Hildegard Brem zur Kunst des inneren Friedens in einer Welt voller Oberflächlichkeit. Wie tiefe Erfüllung und Frieden aus der inneren Sehnsucht erwachsen.