|
”Dicke Luft“, knurrte Lena, als sie das Gesicht ihres Vaters sah. Die
15-jährige spürte sofort und instinktiv, dass irgendetwas nicht stimmte. Was
war passiert?
Vater Max war wieder einmal frustriert. In solchen Situationen war er
anfangs eher wortkarg, bis es dann plötzlich aus ihm herausbrach. ”Ihr habt
gar keine Zeit mehr“, klagt er plötzlich vorwurfsvoll. Lena und David sahen
einander irritiert an. ”Ja, meine Kritik gilt euch beiden“, sagt Max.
”Entweder seid ihr nicht zu Hause, und wenn ihr dann doch zu Hause seid,
seid ihr unauffindbar und unansprechbar. Und das mitten in den Ferien.“
”Aber wir sind doch da, wenn du etwas von uns willst“, sagte Lena bockig.
”Unser Lukas hat es gut“, sagt sie zu David: ”Der ist jetzt schon in der
Wüste Algeriens und muss sich das alles nicht anhören.“
”Nie“ zu Hause
”Max und ich waren es halt gewohnt, dass ihr immer da seid“, mischt sich
Mutter Mariann in das Gespräch ein: ”Aber jetzt bist du manchmal abends fort
und David wird auch immer wieder von seinen Freunden eingeladen und
übernachtet auswärts. Und wenn es etwas zu besprechen gibt, dann fehlt immer
irgendwer.“
”Es geht eigentlich um ganz praktische Dinge“, erklärt Max: ”Ihr müsst uns
auch verstehen. Wir haben für Mitte August noch ein paar Tage Urlaub
geplant, wollten aber nicht ohne euch entscheiden, an welchen See wir
fahren. Soll es der Wörthersee sein oder der Ossiacher See oder der
Klopeiner See? Gestern abends hätten wir euch beide gerne dazu
befragt.“
”So ein Theater“
”Na super – und weil wir in diesem Augenblick gerade nicht da sind, gleich
so ein Theater!“, wehrt sich Lena. ”Von Theater ist hier keine Rede, und
wenn ihr kein Interesse habt, ist der Urlaub gestrichen“, grollt Max. ”Das
ist typisch, nur weil wir gestern nicht zu Hause waren, streichst du einen
Urlaub, von dem wir noch gar nichts gewusst haben!“, sagt Lena.
”Tun, was wir wollen“
”Der Kurz-Urlaub ist nur ein Beispiel von vielen“, verteidigt sich Max:
”Ihr seid einfach immer weniger zu Hause. Irgendwie paradox: Ihr habt jetzt
Ferien und seid weniger da als sonst. Unglaublich“, ereiferte er sich in der
Hitze des Gefechts wieder.
”Eben deshalb haben wir ja Zeit zu tun, was wir wollen“, sagt Lena – Max
ist endgültig eingeschnappt.
Wieviel Zeit dürfen Eltern einfordern? Dazu Psychotherapeutin Dr. Brigitte EttlMax leidet: Das Familiennest, in das er gemeinsam mit Mariann viele Jahre
lang Kraft und vor allem auch Zeit investiert hat, wird leer.
Die Sommerferien machen ihm diese Entwicklung besonders schmerzlich bewusst.
Die beiden ”Kleinen“ – so wie er sie in seinem Herzen immer noch sieht –
haben jetzt keine schulischen Verpflichtungen, weder Unterricht noch
Hausübungen. Trotzdem sind sie nicht da, wenn er von der Arbeit nach Hause
kommt.
Seine Vorfreude auf einen entspannten Abend mit der Familie wird enttäuscht.
Und die Organisation gemeinsamer Aktivitäten wird schwieriger. Es ist jetzt
an der Zeit, neue Spielregeln aufzustellen. Es geht nicht um Verbote –
Mariann und Max sind froh, dass Lena und David sich mit ihren Freunden gut
verstehen.
Es geht um eine ausgewogene Balance zwischen zuhause und unterwegs sein,
zwischen Familienzeit und FreundInnen-Zeit. Familie gelingt nicht von
selbst, neben etlichen anderen ”Zutaten“ braucht es gemeinsame Zeit für
Aktivitäten und auch deren Planung.
Sicherlich haben Lena und David nichts gegen solche ”Elternabende“, sie
können ja auch mit einem Eis versüßt werden. Doch es ist notwendig, diese
Zeiten im Vorhinein gemeinsam festzulegen. So können dann auch Lena und
David ihre ”Outdoor-Termine“ planen.
Und Max weiß, wann er sich auf seine Kinder freuen kann – und wann er einen
schönen Abend mit Mariann alleine verbringen kann.
Dr. jur. Brigitte Ettl
hat am Wiener Schwedenplatz eine Praxis für Psychotherapie,
Wirtschaftscoaching und Mediation: Tel: 0676/431 40 74, www.brigitte-ettl.at
Diesen Bericht von Stefan Kronthaler lesen Sie auf Seite VIII der aktuellen
Ausgabe von "Der Sonntag" Nr. 31 vom 2. 8. 2009 (erhältlich in Ihrer
Kirche).
31.07.2009 |