Ausgabe Nr. 20 - 20.05.2012
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Serie: „Verlorene Wörter" – Folge 38: „Schimpf"
© Der Rektor der Ruprechtskirche in Wien 1, Joop Roeland, macht sich für die Leserinnen und Leser des „Sonntag" auf die Suche nach „Verlorenen Wörtern".

Folge 38: „Schimpf"

ist kein vergessenes Wort. Nur ein alte Bedeutung dieses Wortes ist vergessen: Scherz, Spaß, Kurzweil. Über „Scherz mit verletzender Absicht“ entwickelte sich die Bedeutung „Hohn“, „Spott“.
Die Deutschstudierenden in Utrecht in den fünfziger Jahren, die vom Studium her sehr wohl um die gutmütige Anfangsbedeutung dieses Wortes wussten, hatten miteinander einen Verein gegründet, den sie mit dem alten Ausdruck „Schimpf und Ernst“ nannten, Kurzweil und Ernst also. Ich war Mitglied dieses Vereins, allerdings kein treues. Weil es dort ziemlich fad war, mit mehr Ernst als Kurzweil. Trotzdem ist es gut, wenn man mit Schimpf eher Kurzweil als Spott meint. Ich meine das auch, weil mir Spott und Hohn leider nicht fremd sind.
Mein Bruder und ich wurden spöttisch „die Fässlein“ genannt, womit kleine Pulverfässer gemeint waren. Weil wir sofort aufbrausten und explodierten. Leider habe ich so viele Menschen im Leben verletzt. Ich habe zwar einiges im Leben gelernt, dennoch denke ich mir: Es wäre besser gewesen, wenn ich altmodischer geschimpft und mit Leuten mehr gelacht hätte.
Joop Roeland

Folge 37: „Grillenfänger"

ist nicht ein Mensch, der hinter den Heuschrecken her ist. Nicht einer, der wie der Prophet Joel von den Heuschrecken fasziniert ist.
Das Wort Grille bedeutet auch „Laune“, und demgemäß bezeichnet das vergessene Wort „Grillenfänger“ einen Menschen, der wunderliche Einfälle hat und sich entsprechend benimmt. So sagt es ein Lexikon und es sagt noch dazu, wie dieses Wort sich als „einsamer Kauz, Sonderling“ weiter entwickelte.
Es wurde immer mehr mit negativer Bedeutung verwendet. Ein Grillenfänger wurde ein Griesgram, ein Murrkopf. Ach, dieser Murrkopf, der einst ein harmloser Mensch mit wunderlichen Einfällen war.
Das Wunderliche ist anscheinend nicht sehr beliebt, sondern dem negativen Vorurteil anheim gegeben. Was ist das für ein Leben, das uns von Seifenblasenmachern zu Briefmarkensammlern, von Purzelmännchen zu Würdenträgern, von Nachtschwärmern zu Frühaufstehern macht?
„Wer hält den Glanz des Kindes verborgen, tief in mir?“, so schrieb der Priester-Dichter Jacques Scheurs vor vielen Jahren. Der Glanz des Kindes in uns: Es ist Zeit, diesen Glanz wieder aufleuchten zu lassen und den eingeschlafenen Grillenfänger aufzuwecken.
Joop Roeland

Folge 36: „Box"

So nannte man nicht die Mailbox, sondern die einfache, kastenförmige Kamera, mit der in meiner Jugend photographiert wurde.
Auch das Wort Kodak ist aus jener Zeit. Es war ein frei erfundenes Wort für ein neues Lichtbildgerät, eine kleine Handkamera mit Rollfilm. Der Erfinder dieses Geräts, ein gewisser G. Eastman, hat sich das 1888 so ausgedacht. Nun wird das Wort als Handelsmarke für Photozubehör verwendet.
Viele neue Möglichkeiten des Photographierens sind entstanden. Die Technik hat sich verfeinert und neue Namen bekommen.
Dann und wann schaue ich die alten Lichtbilder an, die mein Vater mit seiner Kodak machte. In Alben sind sie alle sehr sorgfältig gegeben, diese Photos mit ihren Rändelungen. Alle aus der Familie, auch die Verstorbenen sind wieder da. Ihr Lächeln ist jung geblieben. Sie schauen gegen das Sonnenlicht, wie das technisch notwendig war. Auch der Sommer von damals ist jung geblieben, vom Krieg und Hungerwinter hat man noch nichts gewusst.
Sicher, moderne Techniker haben vieles entwickelt, was über das Wissen von Herrn Eastman hinausgeht. Aber er konnte etwas, was man verlernt hat: die Seelen der Menschen in Lichtbildern festlegen.
Joop Roeland

Folge 35: „Grammophon"

ist ein Wort, das nicht mehr verwendet wird. Unsereiner ist noch aufgewachsen mit Schallplatten, später mit Singles, Langspielplatten und dem lästigen Wechsel von Nadeln.
In alten Wirtshäusern findet man gelegentlich noch eine Jukebox mit Plattenwechsler, wo solche Singles verwendet werden – einen „Wurlitzer“. Für einen geringen Geldeinwurf hört man dann „Monja“ oder „Deine Liebe gibt es nur einmal für mich“. Und gratis viel Nostalgie dazu.
Das erste Grammophon, die erste Schallplatte, waren ein großes Ereignis. Mein Vater schrieb mir darüber feierlich einen Brief: „Indem ich Dir schreibe, schallt die Stimme von Joop de Knecht durch das Wohnzimmer“. (Joop de Knecht war ein inzwischen auch schon vergessener Popsänger).
Eine Familie, reicher als wir, zu der ich oft kam, verfügte viel früher über ein solches Gerät. Hier musste ich sehr viele Opern hören. Außerdem verwendete mein junger Stadtgenosse das Grammophon als Waffe gegen seine Eltern, die sehr patriotisch waren. Er wusste, dass sie, wenn sie die Nationalhymne hörten, aufstanden. So wechselte er seine Opernarien mit der Nationalhymne ab und lachte.
Joop Roeland

Folge 34: „Sprüche"

Nicht nur Wörter, auch Redensarten können aussterben.
Wenn ich meine niederländische Heimat, wo ich schon 35 Jahre nicht mehr wohne, besuche, verwende ich manchmal Sprüche, die von meinen Neffen und Nichten kaum noch verstanden und sicher nicht mehr verwendet werden: „Eine Tasse Trost“ für eine Tasse Kaffee. „Einen schiefen Schlittschuh laufen“ für ein lockeres Leben führen. Meine Neffen und Nichten lachen sich krumm über den Onkel aus Wien.
Ähnlich vergessen ist wohl der Spruch: „Nägel bei niedrigem Wasser suchen“. Für mich eine Redensart, auch wohl deswegen unvergesslich, weil ich zu diesem Ausdruck bei der mündlichen Matura Niederländisch passen musste. Zwar konnte ich erklären: „kleinlich sein“, aber die Herkunft des Ausdrucks wusste ich nicht.
Der prüfende Lehrer erklärte geduldig: von den Schiffswerften! Dort haben die knausrigsten Leute bei niedrigem Wasser noch die letzten schon verloren geglaubten Nägel gesucht.
Es ist ein Spruch, der diese Kleinlichkeit nicht gutheißt. Er ruft damit auf zu Großzügigkeit, so wie der Wind über das Wasser weht, die Wolken über die Nordsee treibt, dorthin, wo das Meer an die Unendlichkeit grenzt.
Joop Roeland

Folge 33: „Imprimatur"

Dieser lateinische Ausdruck, auf der ersten Seite eines Buches, bedeutete, dass die kirchliche Obrigkeit gegen das vorliegende Werk nichts einzuwenden habe.
Es werde gedruckt! hieß es, und es folgte der Name des kirchlichen Sachverständigen.
Auch die Ähnliches bedeutenden Wörter „Evulgetur" oder „Nihil obstat" liest man selten. Sie werden nicht mehr als Empfehlung empfunden und von den Verlagen gemieden.
Für Jugendlektüre gab es ähnliche kirchliche Beurteilungen, wie etwa die Begutachtung der Prüfungskommission für römische (=katholische) Jugendlektüre. Als Kinder mieden wir solche Bücher. Es galt das Vorurteil, dass sie fad seien. Heidnische Bücher waren uns lieber.
Später, als ich nach dem Theologiestudium anfing, Germanistik zu studieren, erhielt ich aus Rom die Erlaubnis, vieles zu lesen, was die Prüfungskommission nicht hätte durchgehen lassen. Eine „Einlasskarte" ins Land der Dichter, wie man sie in den Dünen meiner niederländischen Heimat fürs Brombeerpflücken brauchte. Eine solche Einlasskarte musste in Rom angefragt werden.
Seitdem habe ich Ehrfurcht für das Land der Dichter. Es ist nicht harmlos und nicht selbstverständlich, dass man die richtigen Wege findet.
Joop Roeland

Folge 32: „Jurajäger"

ist der Name eines relativ kleinen jungen Dinosauriers (75 cm). Er hat den Namen posthum bekommen, nachdem auch seine ganze Familie schon längst ausgestorben war. Deswegen wird dieses Wort Jurajäger wohl keinen großen Siegeszug antreten, auch nicht in der feierlichen Form „Juravenator starki".
Er hat denjenigen, die das 150 Millionen Jahre alte Fossil 1998 aus dem Kalkstein ausgegraben haben, einiges an Sorgen bereitet. Nach dem Stand der Forschung hätte der kleine Saurier gefiedert sein müssen, was er aber nicht war. Das hat dem Tier wohl auch selbst Sorgen bereitet. Das mag der Grund sein, denke ich, dass er so jung gestorben ist: aus Ärger und Scham über seine armselige Existenz.
Wie sehr ist unsereiner ihm ähnlich. Wir wollen nicht unbedingt einen großen Namen haben. Aber ein paar Federn hätten wir schon gerne, ein paar Dinge an uns, an die man sich erinnern wird.
Vielleicht haben wir doch Glück, wie der kleine Saurier. Vielleicht werden wir doch eine Spur hinterlassen, wie die verstorbene Dichterin Hilde Domin für das eigene Leben erhoffte: „Ich gehe vorüber –/aber ich lasse vielleicht/ den kleinen Ton meiner Stimme,/ mein Lachen und meine Tränen...“
Joop Roeland

Folge 31: „Rendezvous"

ist ein Wort, das junge Leute verstehen, aber selbst kaum benützen. Das Jugendwort heißt „date“, ist amerikanische Umgangssprache und wird in Nachmittagsfernsehserien in jedem zweiten Satz verwendet. Das ist einer der Gründe der Eintönigkeit dieser Serien.
Auch das Gegenteil gilt: Die ältere Generation kann mit dem Wort „date“ nichts anfangen. Beim niederländischen Priesterkreis in Wien, einem Kreis vorwiegend älterer Priester, wurde nach der Bekanntheit des Wortes „date“ gefragt. Die meisten Kollegen mussten passen. Erst als das Wort „date“ mit „Rendezvous“ übersetzt wurde, wusste man Bescheid.
Der Duden übersetzt „date“ mit „Verabredung, Treffen“, Rendezvous wird als „Verabredung von Verliebten“ übersetzt. Beide Wörter haben nach meinem Gefühl eine leicht erotische Färbung. Rendezvous wird laut Duden noch anders verwendet: auch als Bezeichnung für Begegnung von Raumfahrzeugen im Weltall. Auch hier spricht man von Rendezvous.
Das überrascht. Und wir? Begegnung ist wieder zu lernen. Menschen sind einsame Raumschiffe in der Weite des Universums. Manchmal geschieht es doch: Ein Durstiger findet einen Regenmacher, ein Schwermütiger einen Possenreißer.
Joop Roeland

Folge 30: „Eremit"

Eremiten waren einmal gefragt. Englische Lords mieteten manchmal einen Eremiten für ihren Garten als Statussymbol.
Heute ist die Gattung nicht mehr interessant. Ich gehöre einem Orden an, der mehrere Jahrhunderte selbstbewusst das Wort „Eremit“ in seinem Namen führte. Augustiner-Eremiten nannten wir uns. Nun nennt sich der Orden „Brüder des Hl. Augustinus“ oder auch „Orden der Augustiner“. Was natürlich auch nett ist, aber die Eremiten gehen mir ab.
Amerikanisches Drängen hat dazu geführt. Eremit hatte hauptsächlich eine historische Bedeutung. Amerikaner konnten damit wenig anfangen.
Tatsächlich: Eremiten, Einsiedler haben in unserer modernen Welt kaum einen Platz. Das Wort steht auf verlorenem Posten.
Mir tut es Leid um dieses Wort. Es ist schön, in der Wüste der Großstadt ein schauender Einzelgänger zu sein. Die Stadt ist ein Ort der Einsamkeit, wo man unerreichbar ist, wenn man will.
Zu den Scheußlichkeiten der Neuzeit, die man Errungenschaften nennt, gehört das Handy. Besonders grotesk ist die Situation, wo zwei miteinander spazieren und jeder telefoniert irgendwo anders hin. Wer allein ohne dieses Gerät durch die Straßen geht, ist ein Stadteremit geworden.
Joop Roeland

Folge 29: „Recke"

ist ein mittelhochdeutsches Wort, mit dem man einen Helden bezeichnete. Es ist ein seltenes, archaisierendes Wort geworden: Weil Helden selten und archaisch geworden sind.
Als der deutsche Naziterror 1940 meine Heimat überrollte, beschloss mein 11-jähriger Bruder eine patriotische Gruppe zu gründen; eine Truppe junger Helden, angehender Widerstandskämpfer. Auch ich wurde zum Widerstand eingeladen.
Wir schafften eine Heldentat: Beim Einmarsch der deutschen Wehrmacht wollten wir es denen zeigen! Wir stellten uns mit dem Rücken zu den Einmarschierenden auf. Wir meinten, das würde denen reichen! Beschämt über so viel Geringschätzung würden sie sich umdrehen und von Haarlem nach Berlin zurückmarschieren.
Allerdings hatte unser Heldentum seine Grenzen. Schlau gestalteten wir unsere Demo so, dass man sie auch als einen Schaufensterbummel interpretieren konnte.
So ist es oft mit dem Heldentum: ein Schwanken zwischen Mut und Anpassung, zwischen großem Gerede und kleinlautem Tun. Kein Wunder, dass auch das Wort Recke seinen Glanz verlor und zu Landstreicher herabsank.
Auch aus mir wurde leider so ein heruntergekommener Held, ein Landstreicher des Lebens.
Joop Roeland

Folge 28: „Gassenhauer"

„Gassenhauer" ist ein unüblich gewordenes Wort für das, was in Jugendsendungen „Hit“, „Tophit“ oder im Musikantenstadlmilieu „Schlager“ genannt wird.
Gassenhauer, so erklärt das Lexikon über die Geschichte der Wörter, bedeutet eigentlich „Pflastertreter“. Hauen war ein Kraftwort für gehen. Bald meinte man dann mit dem Wort auch die von Nachtbummlern gestampften Tänze mit ihren Weisen.
Carmen triviale, sagte ein Gelehrter vornehm: triviales Lied. Solchen auf dem Pflaster stampfenden, triviale Lieder singenden Tänzern begegnet man selten. Wahrscheinlich am ehesten bei Fußballmatches.
Nun, wir haben das Pflaster des Lebens betreten. Manche sind durch die Straßen gestampft, die meisten waren wohl Leisetreter. Sackgassen und Zukunftsstraßen waren das, wo wir als Nachtbummler und Tagesausflügler gegangen sind.
An mancher Straßenecke haben wir ein Lied gehört oder eines gesungen. Oft war es ein triviales Lied. Immer, wenn wir es hören, macht das Herz eine Zeitreise und ist wieder an jener Ecke der Begegnung oder des Abschiedes.
Der Gassenhauer lässt uns wieder lachen oder macht einsam. Nichts ist gänzlich weggewischt.
Joop Roeland

Folge 27: „Antichambrieren"

ist ein seltenes feierliches Wort für Warten: „Warten, bis man zugelassen wird“, erklärt ein Lexikon. Obwohl das für viele Situationen des Lebens gilt, wird man vieles Warten nicht so benennen. Zum Beispiel nicht das Warten in der Blauen Zone im Allgemeinen Krankenhaus Wien.
Antichambrieren ist eher das Warten im Vorzimmer eines Fürsten.
In einem Wiener Kaffeehaus ist der Ober oft ein Fürst. Der Kaffeehausbesucher ist sein Bittsteller, der antichambriert. Man darf bestellen. Man darf bezahlen. Das Trinkgeld nimmt er gnädig entgegen.
Nicht jeder Ober in Wien ist so. Ich kenne einen, der gute Nacht sagt, als ob er es ehrlich so meint. Und nicht jeder Kellner ist ein Oberkellner.
Es gibt den Hilfskellner, der den ganzen Tag herumkommandiert wird.
Es gibt die Serviererin, die Namenlose, die nur mit „Fräulein“ gerufen wird. Eile wird von ihr erwartet, den ganzen Tag. Nun ist ihr Dienst fast zu Ende. Sie verspürt eine große Müdigkeit und „wartet" auf die Sperrstunde.
Auch das Leben eines Menschen grenzt an eine Zukunft, die auf ihn wartet.
Ich für mich bin nicht neugierig auf ein buddhistisches Nirwana. Mir genügt ein ganz gewöhnlicher katholischer Himmel.
Und nun antichambriert man im Vorzimmer: auf dieser Erde. Bis man zugelassen wird.
Joop Roeland

Folge 26: „Gnade"

Dieses Wort ist uns zwar bekannt, aber kein wesentlicher Teil des modernen Sprachschatzes mehr. Ein Wort wie Profitmaximierung ist geläufiger. Aber nun ist dieses Wort seit kurzem wieder im Wiener ”Bermuda-Dreieck“ Umgangssprache geworden, wenn auch in negativer Verwendung. Hier wurde unter dem wenig einladenden Namen ”Gnadenlos“ ein Ensemble von vier Kellerbars eröffnet. Tatsächlich, eine Bar ist kein Kaffeehaus, kein Zufluchtsort. Wie ängstliche Maulwürfe fliehen Menschen in solche unterirdische Verstecke.

Das Wort Gnade macht Menschen heute ratlos. Dabei ist es doch ein zartes Wort, das die Umarmung Gottes andeutet. Irische Glaubensboten haben das eingeführt als Übersetzung für das kirchenlateinische ”gratia“.

Sie nutzten ein altes Wort, das eine andere, weltliche Bedeutung hatte: sich neigen. ”Die sunne gie zu gnaden“ ist eine mittelhochdeutsche Redensart: Die Sonne neigt sich.

Gnade: ein zartes Wort voller Erbarmen.
Zu mir kommt öfters einer, der bescheidenste aller Menschen, die ich kenne. Er will nichts anderes als einen Segen. Dann, nach den heiligen Worten, lacht er glücklich. Als ein Mensch ”im Zustand der Gnade“. Die Bar Gnadenlos wird er wohl nicht besuchen.

Folge 25: „Fähre"

Das Wort Fähre ist nicht verloren gegangen, aber man braucht es kaum noch: Fähren, mit denen man über einen Fluss geführt wird, gibt es immer weniger.
Ich wohnte einige Jahre in einer Kleinstadt am Ufer eines Flusses. Dort gab es eine Fähre, die viel benutzt wurde. Auch von mir, wenn ich mit dem Fahrrad an der anderen Seite des Flusses weiterfahren wollte. Ich liebte die langsamen Fahrten auf dieser Fähre, mit dem Blick auf die Weite der Polderlandschaft. Nur durch die Kraft des Wassers wurde die Fähre auf die andere Seite hinübergezogen.
Einmal, so wurde erzählt, gab es bei der Anlegestelle an der Stadtseite eine große Aufregung. Es war in der Kriegszeit. Der Naziterror hatte das Land überrollt und besetzt. Die deutsche Besatzung war zutiefst verhasst. –
Wie immer saßen bei dieser Anlegestelle ein paar Leute. Sie sprachen wohl über die miserable Situation des Landes. Auf einmal näherte sich ein unbekanntes deutsches Fahrzeug, das vor dem Fluss nicht Halt machte, sondern ins Wasser hineinfuhr. Es war ein Amphibienpanzer, aber die Zuschauer wussten das nicht. Sie waren total erschrocken. „Es sind Menschen darin!“ war der Aufschrei.
Die verhassten Feinde: Auf einmal galten sie als Menschen.
Joop Roeland

Folge 24: „Flegeljahre"

Damit wird gemeint, so teilt ein Lexikon mit, „die Übergangszeit, in der sich Halbwüchsige formlos benehmen.“ Dieses formlose Benehmen ist für Leute, die diese Phase schon hinter sich haben, nicht immer erfreulich. Allerdings sind die Flegeljahre auch für die Betroffenen nicht immer leicht. Sie sind voller Zukunftssorgen und Prüfungsängste, und so toll ist der immer laut eingeforderte „Spaß“ in der Freizeit nun auch wieder nicht.
Für die Leute meiner Generation, die die Flegeljahre in der Kriegszeit erlebten, sind diese Jahre als Flegeljahre unauffällig vorbeigegangen. Das Flegelhafte galt eher als heldenhaft: zum Beispiel die Verhöhnung eines Nazilehrers, der ein Lobgedicht zum Geburtstag Adolf Hitlers veröffentlicht hatte. Der Direktor mahnte seine Schüler, aber bestrafte sie nicht.
Nun stieß ich bei meinen Nachforschungen über das Wort Flegeljahre auf das Wort „Flegeltage". Das ist ein gutes Wort für alle, die die Flegeljahre versäumt haben. Sie sollten einmal im Monat einen Flegeltag einlegen, wo sie, sich formlos benehmend, keine Bilanzen, sondern Gedichte lesen.
Joop Roeland

Am vergangenen Wochenende (7.5.) gratulierte in der Wiener Ruprechtskirche eine festliche Schar Joop Roeland zum 75. Geburtstag.

Folge 23: „Frauenzimmer"

Anfänglich bedeutete dieses Wort, was man beim ersten Hören denkt: Frauengemach, z. B.: in der Lutherbibel. Daraus entwickelte sich die Andeutung für die „Gesamtheit der Frauen im Gemach“ und schließlich, an Stelle einer Sammelbedeutung, die Frau als Einzelwesen. Was zum Teil verworfen wird zugunsten von „Weibsperson“.
Nun, ich denke, beide verlorenen Wörter, Frauenzimmer und Weibsperson, gehen den Frauen heute nicht sehr ab. Viele Frauen haben uns einen behutsamen Umgang mit der Sprache beigebracht, wenn auch mit einigen sprachlichen Scheußlichkeiten verbunden.
Lange habe ich geglaubt, dass „Fräulein“ eine besonders nette, höfliche Anredeform sei, bis ein Mädchen schnippisch fragte, ob ich mit „Männlein“ angeredet werden möchte.
Die Sprache der Frauen ist nicht nur eine Sache der Grammatik. Mehrere Jahre unterrichtete ich in einem Schultyp, wo es für Mädchen in der sonst koedukativen Schule eine eigene Ausbildung gab. Dort habe ich ein wenig von der Sprache dieser jungen Frauen gelernt. Manchmal war das eine Welt voller Tränen und verwundeter Herzen, manchmal aber auch eine sanfte Welt mit Mondlicht und Zukunftsmusik.
Joop Roeland

Folge 22: „Salzamt"

ist ein witziges Wiener Wort, für ein Amt, wo einmal das Salz verwaltet wurde, aber das es jetzt nicht mehr gibt. Dorthin schickt man Leute, deren Beschwerden man nicht hören will. Allen Klagenden und Jammernden wird geraten, sich an dieses Amt zu wenden, am besten am Nimmerleinstag.
Verfügte auch die Kirche über ein solches Salzamt? Auf jeden Fall wurde der schöne Salzritus bei der Taufe leider abgeschafft. Mir geht dieser Ritus ab. Den Täuflingen auch: Erstaunt und zufrieden schmeckten sie dieses „Salz der Weisheit“. Besonders in der Wiener Ruprechtskirche, wo ich verantwortlich bin, war dieser Ritus sinnvoll, war sie doch einmal die Kirche der Salzzunft.
Vieles in den Straßen- und Brückennamen erinnert noch daran, wie man das Salz aus Salzburg hierhergeführt hat. Ein Restaurant, der Kirche gegenüber, nennt sich noch Salzamt. Aber ein richtiges Salzamt gibt es nicht mehr. Ein verlorenes Amt, Salzamt ist kein echtes Wort mehr.
Geblieben ist die Möglichkeit, am Strand der Nordsee spazieren zu gehen. Das ist eine der schönsten Sachen im Leben. Wie ein Täufling spürt man den Geruch des Salzes im Wind. Es schmeckt nach Zukunft.
Joop Roeland

Folge 21: „Vergelt’s Gott!"

Dieser Wunsch wird noch manchmal bei einer Geldsammlung geäußert. Für den fallweise kargen Spender ist zu hoffen, dass Gott diesen Wunsch nicht allzu wörtlich nimmt. Außerdem wird dieses Wort von einer älteren Generation nach der Predigt gesprochen, als Antwort auf die Worte des geweihten Redners.
Viel Dialog ist das nicht.
Es hat in meiner Heimat schon Versuche zum Dialog gegeben, z.B. sogenannte „Dialogpredigten“. Zwei Priester reden miteinander zu einem bestimmten Thema und vertreten gegensätzliche Standpunkte. „Zwei-Kanzel-Gespräch“ hieß das dort.
Lange hat diese Gattung nicht gehalten. Schlechte Erfahrungen brachte auch das „Predigtgespräch“. Hier findet statt einer Auslegung eine gemeinsame Plauderei zum Text statt. Gerade wenn das Gespräch einigermaßen in Fluss kommt, muss man es aus Zeitgründen abbrechen.
Ja, der Dialog in der Kirche hält sich in Grenzen. Allerdings ist er nicht so eingeschränkt wie beim Standesamt. Dort können Brautleute überhaupt auf die Ansprache verzichten. Die Kirche war schon klug, diese Möglichkeit gar nicht anzubieten.
Joop Roeland

Link zu den ersten 20 Folgen

Zum Dokument mit den 20 weiteren, bereits erschienenen Folgen der Serie „Verlorene Wörter" von Joop Roeland finden Sie unter diesem Link.



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