 Der Aufbau der ”Kapistran-Kanzel“ am Wiener Stephansdom erinnert an das Wirken des Heiligen auch in Österreich.
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Anfang des 15. Jh. waren in Italien die uns heute vertrauten Schlussworte
des ”Gegrüßet seist du, Maria“: – jetzt und in der Stunde unseres
Todes – in Gebrauch gekommen. Bei uns fanden sie besonders durch das
Wirken des hl. Johannes von Capestrano Eingang und Verbreitung. An seine
aufrüttelnden (und langen) Predigten 1451 erinnert die Kapistrankanzel an
der Nordseite unseres Domes. Wer war dieser Mann, eine prägende Gestalt der
Kirche in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts?
Bekehrung im Kerker
Geboren wurde er 1386 im kleinen Abruzzendorf Capestrano als Sohn eines
eingewanderten Barons; er studierte in Perugia Rechte und wurde dort
26jährig zum Bürgermeister gewählt. Bei den folgenden Städtekämpfen geriet
er in Gefangenschaft. In der strengen Kerkerhaft erlebte er seine
persönliche Bekehrung. Er ließ seine Ehe annullieren und trat 1415 nach
seiner mit einer hohen Geldsumme erkauften Freilassung in den
Franziskanerorden ein, empfing die Priesterweihe, war als Volksmissionar
tätig und sorgte für die Ausbreitung seines Ordens (nach der strengeren
Ausrichtung der Observanten). Der Papst ernannte ihn zu seinem Legaten mit
Wirksamkeit in Böhmen, in Deutschland, den Niederlanden, Polen. 1456 starb
er in Ilok in Ungarn, kurz nach der Entscheidungsschlacht von Belgrad, bei
der er entscheidend zum Sieg des christlichen Heeres über die Türken
beitrug.
Für Gott verfügbar
Die zwei Schlussworte des ”Gegrüßet seist du, Maria“ will ich zur
Charakterisierung seines Lebens heranziehen, den Blick auf den Tod als
Durchgang, als Wandlung hinein ins ewige Lebens und den Blick für die
Anforderungen der Gegenwart, des Jetzt und Heute.
Seine Bekehrung in der Gefangenschaft veränderte grundlegend sein Leben,
gab diesem ein Ziel und eine Ausrichtung. Diese Prüfung, diese Krise, hatte
eine wesentliche Kurskorrektur zur Folge. Er erkannte den ”Platz“, wo Gott
ihn haben wollte und bejahte ihn. Prüfungen und Krisen als Möglichkeiten
sehen, sein Leben neu aus- bzw. einzurichten, Bisheriges zu lassen und frei
zu sein für Neues, ist keine selbstverständliche und leichte Sache, das
erfordert Mut und Stärke.
Die Tatsache, dass er sich ganz und ohne Vorbehalte Gott zur Verfügung
stellte (”Dein Wille geschehe an mir und durch mich“) öffnete ihm den Blick
für die Nöte seiner Zeit, für die Gefährdungen der Christen von innen und
außen. Sein Einsatz lässt sich umschreiben mit: verkünden, ermutigen,
ermahnen, verbinden, versöhnen und stärken.
Zielstrebig und bewegt
Wer bei seinen Einsatz im Heute und Jetzt ein Ziel vor Augen hat und sein
Wirken darauf hin ausrichtet, wird sich vor zwei Fehlhaltungen hüten:
Dem planlosen Hin- und Herhüpfen ebenso wie dem resignierten Sitzenbleiben
mit der klagenden Begründung: Was kann ich da schon dagegen oder dafür tun.
Dazu fällt mir ein Wort ein, das Kaiser Marc Aurel in seinen
Selbstbetrachtungen niederschrieb: ”Dein Mangel an Begabung reicht völlig
hin, dich selbst zu bessern.“
Auf Johannes von Capestrano trifft die Bezeichnung ”zielstrebiger, bewegter
Mann“ voll und ganz zu. Seine tiefe Gottesbeziehung, sein Vertrauen, reifte
im Zulassen, Hergeben und Annehmen der göttlichen Führung. Seine Liebe und
sein Einsatz galt seiner Kirche, einer Kirche, die von außer her gefährdet
war, aber auch im Inneren einer Reform dingend bedurfte. Für zielstrebige,
bewegte Männer böte sich heute ein weites Wirkungsfeld.
Der Autor
Msgr. Franz Wilfinger
ist Pfarrer und Geistlicher Assistent der Katholischen Männerbewegung für
die Stadt Wien.
Diesen Bericht lesen Sie auf Seite 9 der aktuellen Ausgabe von "Der Sonntag"
Nr. 43 vom 26. 10. 2008 (erhältlich in Ihrer Kirche).
24.10.2008 |