 Es bei sich selbst auszuhalten ist eine Gabe, die man üben
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Der Mönch Evagrius Ponticus (4. Jahrhundert) schildert die Akedia
recht humorvoll. Da ist ein Mönch in seiner Zelle und liest Bibel. Dann
schimpft er, dass das Licht nicht hell genug ist. Außerdem ist er schläfrig.
Er nimmt die Bibel als Kissen. Aber er schläft nicht gut darauf, weil es
hart ist. Er steht auf, schaut zum Fenster heraus, ob nicht ein Mitbruder
kommt, um ihn zu besuchen. Dann beschwert er sich über die hartherzigen
Mitbrüder.
Er geht wieder in seine Zelle, doch dann regt er sich auf, dass sie überall
feucht ist. Schließlich juckt ihn sein Mönchskleid, das er anhat. Er möchte
am liebsten aus der Haut fahren. Schuld sind immer die andern.
Als ich diese Beschreibung aus dem 4. Jahrhundert mal vor einer Gruppe
vorlas, meinte eine Frau, das sei die genaue Beschreibung ihres Mannes, wenn
es neblig ist. Dann ist er auch unausstehlich. Er liest Zeitung, schimpft
über den Inhalt. Er geht hinaus. Aber da regt ihn das Wetter auf. Er geht in
die Küche, schaut zu, was die Frau kocht, hat da überall etwas auszusetzen.
Unfähig für den Augenblick.
Akedia ist die Unfähigkeit, im Augenblick zu sein. Immer möchte man woanders
sein. Man hat weder Lust zum Beten noch zum Arbeiten, ja nicht einmal zum
Nichtstun. Das, was gerade ist, ist immer schlecht. Aber wenn man etwas
anderes tut, ist man auch nicht zufrieden.
Die Mönche sagen, dass der Dämon der Akedia die Seele des Menschen
auseinanderreißt. Er hat keine Mitte mehr. Er ist nicht bei sich. Die Mönche
nennen diesen Dämon auch den Mittagsdämon, weil er gerade um die Essenszeit
auftaucht.
Symbolisch könnte man sagen, es ist der Dämon der Lebensmitte. Da geraten
viele Menschen auch aus dem Lot. Sie sind unzufrieden mit ihrem Leben,
wissen aber nicht, wo es hin soll. Sie finden keinen Ort, an dem sie ganz
präsent sind, einverstanden mit sich und ihrem Leben. Sie laufen vor sich
selbst davon und klagen die Welt an, dass sie ihnen nicht das bietet, was
sie wünschen. Aber letztlich wissen sie gar nicht, was sie wünschen. Denn
jeder erfüllte Wunsch enttäuscht sie.
Die Mönche raten als Weg aus der Akedia, sich eine klare Ordnung zu geben,
den Tag gut zu strukturieren, ihn mit einem Ritual zu beginnen und zu
beenden, sich Zeiten für das Gebet und für die Arbeit, für das Gespräch und
für die Stille zu setzen. Weil die Seele nicht in Ordnung ist, braucht sie
eine äußere Ordnung. Indem man sich an die äußere Ordnung hält, kommt auch
die Seele wieder in Ordnung.
Es bei sich selbst aushalten.
Ein anderer Rat, den die Mönche geben, ist: Bleib in deiner Zelle. Du
brauchst gar nicht zu beten. Aber halte es mal aus bei dir. Und halte deine
Unruhe Gott hin.
Blaise Pascal meinte im 17. Jahrhundert, dass es deshalb so schlecht um den
”modernen“ Menschen (im 17. Jahrhundert) stehe, weil keiner mehr
allein in seinem Zimmer bleiben könne.
Heute sind auch viele Menschen unfähig, es bei sich auszuhalten. Wir können
es nur bei uns aushalten, wenn wir aufhören, uns zu bewerten. Wir lassen
einfach hochkommen, was ist, und besprechen es mit Gott. Wenn die Unruhe uns
zu zerreißen droht, befragen wir die Unruhe, was sie uns sagen möchte.
Die Unruhe weist immer auf unerledigte Probleme hin.
Vielleicht zeigt sie uns, dass wir uns noch nicht ausgesöhnt haben mit
unserer Vergangenheit, mit den Verletzungen unserer Lebensgeschichte, oder
dass wir uns noch nicht innerlich gelöst haben von den Illusionen, die wir
uns vom Leben gemacht haben. Die Akedia wird geheilt, wenn wir es bei uns
selbst aushalten. Weil es Gott bei uns aushält, deshalb können auch wir bei
uns bleiben, auch bei dem, was uns an uns ärgert.
Von Gott angenommen.
Die frühen Kirchenväter sprechen davon, dass jeder von Geburt an einen Engel
hat. Ein zehnjähriges Mädchen fragte mich einmal, ob der Engel wirklich bei
ihr bleibe, auch wenn sie immer wieder böse ist. Als ich ihr es bejahte,
ging sie getröstet weg.
Das Mädchen hatte andere Botschaften gehört: ”Du bist unmöglich. Bei dir
hält es keiner aus.“ Diese Botschaften haben das Mädchen daran gehindert,
bei sich zu bleiben. Es war in Gefahr, seine Personmitte zu verlieren,
innerlich auseinanderzufallen.
Da ist es wichtig, dass der Engel es bei mir aushält, auch wenn ich mich
selber nicht aushalten kann. Der Engel, der bei mir bleibt, ermöglicht es
mir, bei mir zu bleiben und mich selber anzunehmen. Ich brauche mich nicht
zu verurteilen, wenn der Engel mich nicht verurteilt, wenn Gott mich nicht
verurteilt. Ich kann mich selbst annehmen, weil ich von Gott ganz und gar
angenommen bin.
P. Anselm Grün
Ende der Reihe
Diesen Bericht lesen Sie auf der letzten Seite der aktuellen Ausgabe des
"Sonntag" Nr. 15 vom 12. 4. 2009 (erhältlich in Ihrer
Kirche).
10.04.2009 |