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Um die Forderung nach den sozialen Rechten bzw. den Arbeitsbedingungen, die
Gesundheit, Sicherheit und Würde garantieren, zu erfüllen, hat die
Europäische Union noch einen weiten Weg vor sich. Im Wesentlichen war/ist
die Ausrichtung in Brüssel auf die Interessen der Wirtschaft und des
Binnenmarktes konzentriert.
Soll das ”Friedensprojekt Europa“ tatsächlich auch gelingen, muss es aus
dem derzeitigen Schatten einer in erster Linie Wirtschaftsunion heraus
treten und sich zu einem sozialen Europa entwickeln. Dazu bedarf es eines
starken Europäischen Parlaments, das sich schon bisher oft als ein wichtiges
Korrektiv zu ausschließlich marktorientierten (z. B. Verbesserung der
Wettbewerbsfähigkeit) Gesetzesvorschlägen der Kommission erwiesen hat. So
ist es dem EU-Parlament (unter Mitwirkung gewerkschaftlicher, aber auch
zivilgesellschaftlicher Initiativen) zu verdanken, dass in den
Dienstleistungsrichtlinien das so genannte Herkunftslandprinzip verhindert
werden konnte, das zu Sozialdumping und unlauteren Wettbewerb zwischen den
Nationalstaaten geführt hätte.
Die soziale Ungleichheit zwischen den Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen
nimmt sowohl auf EU-Ebene als auch in den Nationalstaaten zu.
Verschärfte Situation der Arbeitnehmer
Vom ethischen Anspruch, dass Arbeit sowohl der Existenzsicherung als auch
der persönlichen Reifung und Weiterentwicklung des Menschen dienen soll,
sind wir weit entfernt. Die soziale Situation der Arbeitnehmer und
Arbeitnehmerinnen hat sich in den vergangenen Jahren verschlechtert
(verfestigte Arbeitslosigkeit, Jugendarbeitslosigkeit, zunehmende Armut) und
wird durch die Finanz- und Wirtschaftskrise dramatisch verschärft.
Besonders bei den Arbeitsbedingungen vollzieht sich ein gravierender
Wandel: U.a. führt die ständig steigende Zahl atypischer Arbeitsverhältnisse
(geringfügige Beschäftigung, befristete Anstellungen, Leiharbeit oder
Zeitarbeit) zu Einkommensunterschieden innerhalb der Arbeitnehmer und
Arbeitnehmerinnen. Erwerbsarbeit schützt immer weniger vor Armutsgefährdung
bzw. tatsächlicher Armut; auf immer mehr Erwerbstätige trifft
zwischenzeitlich die Einschätzung ”working poor“ zu.
Einkommensnachteil und weniger Schutz
Unregelmäßige Beschäftigung bringt aber nicht nur Einkommensnachteile mit
sich, sondern sie ist oft auch mit reduziertem sozial- und
arbeitsrechtlichen Schutz verbunden: Mitbestimmungsrechte, Kündigungsschutz,
Sozialversicherungsschutz oder das Recht auf Mutterschutz sind selten
Selbstverständlichkeit.
Vereinbarkeit von Beruf und Familie
Zunehmende Flexibilisierung und Regelmäßigkeiten der Arbeitszeiten, die
kaum Rücksicht nehmen auf die Lebenssituationen von Menschen, vor allem aber
atypische Arbeitsverhältnisse mit ihren Unsicherheiten belasten
Lebensplanungen in beinahe unverantwortlicher Weise. Eine Familie zu gründen
heißt auch, Verantwortung für das soziale Umfeld zu übernehmen. Ist das
möglich, wenn nicht einmal die eigene Existenz zumindest absehbar
zukunftsweisend gesichert ist?
Christa Ellbogen
Christa Ellbogen
ist Stv.-Bundesvorsitzende der Kath. Arbeitnehmer/innen Bewegung Österreich
und Sprecherin des Forums ”Arbeit, Wirtschaft & Soziales“.
Diesen Bericht lesen Sie auf Seite 3 der aktuellen Ausgabe von "Der Sonntag"
Nr. 23 vom 7. 6. 2009 (erhältlich in Ihrer Kirche).
05.06.2009 |