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Zu Beginn des neuen Kirchenjahres begrüße ich Sie alle herzlich. Mit diesem Hirtenbrief möchte ich Sie alle gewissermaßen besuchen kommen, um unsere Verbundenheit im Glauben und die Gemeinschaft der Liebe auszudrücken und zu stärken.
Zugleich möchte ich nach diesen für die Kirche und für viele Einzelne schwierigen Sommermonaten Sie zur Hoffnung ermutigen, zu der uns Christus allen Grund gibt. Wir sollen ja, so sagt der Apostel Petrus, "stets bereit sein, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt", die uns erfüllt (1 Pertr 3,15).
Welche Hoffnung erfüllt uns? Monstranz des Stephansdomes.
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Der Advent ist Zeit der Hoffnung. Voll Sehnsucht wartete das Volk Gottes des Alten Bundes auf das Kommen des Erlösers. Wir bereiten uns auf Weihnachten vor, das Fest seiner ersten Ankunft in der Armut des Kindes im Stall von Bethlehem. Der Advent ist aber auch die Zeit der sehnsüchtigen Ausschau nach seinem letzten Kommen "mit großer Macht und Herrlichkeit", wie Jesus es heute im Evangelium verheißt. "Dein Reich komme", so beten wir täglich in der Hoffnung, dass Sein Reich der Gerechtigkeit und Liebe komme, in dem es keinen Tod, kein Leid und keine Not mehr geben wird.
Zwischen dem ersten und dem letzten Kommen Christi gibt es ein weiteres, und von diesem soll heute die Rede sein: Vom Kommen Christi in der Eucharistie!
Der Heilige Vater hat ein "Jahr der Eucharistie" ausgerufen, das von Oktober 2004 bis Oktober 2005 dauern soll. Manche Gemeinden stöhnen, wenn "schon wieder" ein neues Thema vorgegeben wird zumal, wenn es kurzfristig geschieht. Papst Johannes Paul II. sagt, er erwarte nicht, dass die Diözesen (und ich ergänze: auch die Pfarren) ihre
Pastoralprogramme unterbrechen. Er wolle vielmehr, dass unsere pastoralen Wege "eine Akzentuierung der eucharistischen Dimension erfahren, die dem ganzen christlichen Leben zu eigen ist" (Apost. Schreiben "Mane nobiscum, Domine" vom 7. 10. 2004, Nr. 5).
Auch mir geht es in diesem Hirtenbrief nicht um neue Aktionen, sondern um die Einladung, das "Geheimnis des Glaubens", das "Quelle und Höhepunkt" unseres kirchlichen Lebens ist, bewusster zu bedenken und zu vollziehen. Damit wir in unserer Diözese das "Jahr der Eucharistie" mit geistlichem Gewinn erleben, schlage ich vier besondere "Aufmerksamkeiten" vor, die ich im Folgenden als Anregungen und Bitten an alle kurz formuliere. Sicher gibt es noch viele andere Aspekte der Eucharistie, die wir hervorheben könnten.
1. Ich bitte, dass wir uns alle um eine bewusste und gläubige Vorbereitung auf die Kommunion bemühen. Es ist erfreulich, dass heute viele die heilige Kommunion empfangen. Das war nicht immer so. Kommt dabei aber nicht gelegentlich die innere und äußere Vorbereitung zu kurz? Bin ich mir bewusst, dass ich Christus selber empfange, wenn ich zum "Der Leib Christi" mein "Amen" spreche? Wann war ich das letzte Mal beichten? Ist es mir ein Bedürfnis, Jesus mit einem bereiten und offenen Herzen aufzunehmen, wenn er zu mir kommt?
Ich muss kurz die Geschichte der kleinen Klara erzählen, das fünfte von acht Kindern einer befreundeten Familie: Die Mutter kommt von der Kommunion in die Bank zurück. Klara, 4 Jahre, lehnt sich an ihre Brust und sagt: "Jetzt ist Jesus bei dir, da möchte ich ihm nahe sein." Die Mutter bittet darauf den Pfarrer, ob die kleine Klara nicht zur Frühkommunion gehen könnte. Der Pfarrer fragt Klara: "Willst du, dass Jesus zu dir kommt?" Worauf Klara antwortet: "Nein, Jesus will zu mir kommen!"
Aus Kindermund hören wir die tiefsten Wahrheiten in größter Einfachheit: Jesus selber will zu uns kommen. Diesen "Advent", dieses Kommen gilt es vorzubereiten, persönlich und gemeinsam. Daher habe ich angeregt, dass, mit Unterstützung des Pastoralamtes, in der nächsten Zeit Bilanz gezogen wird, wie es uns in der Stadt und am Land mit der Vorbereitung der Ersten Heiligen Kommunion geht, wo sich Mühen und Schwierigkeiten, Chancen und
gute Wege zeigen.
2. Sie kennen alle mein Herzensanliegen: Die offene Kirche! Vor sieben Jahren habe ich, mit Hilfe des Bauamtes, eine Rundfrage über den Stand der Offenhaltung unserer Kirchen gestartet. Ich danke allen Gemeinden und Gemeinschaften, die sich – oft schon seit eh und je – um die Öffnung ihrer Kirchen bemühen. Im eucharistischen Jahr bitte ich nochmals in diesem Anliegen. Ich sage es ganz einfach: Stellt euch vor: Jesus ist da – und die Tür ist verschlossen! Können wir das dulden? In einer Zeit, in der so viele Menschen in wachsender seelischer Not sind, müssen wir alles daransetzen, dass viele möglichst ungehindert zu dem kommen können, der in der Eucharistie geheimnisvoll und wirklich da ist. Unser Bauamt und das Diözesankonservatoriat sind bereit, beratend und unterstützend für eventuell notwendige Sicherungsmaßnahmen zur Verfügung zu stehen. Bitte helfen wir alle zusammen, damit unsere Kirche wirklich eine offene Kirche ist.
3. Ich sehe mit Freude, dass an vielen Orten die eucharistische Anbetung zunimmt. In meinen jüngeren Jahren war öfters zu hören, Jesus habe doch gesagt: "Nehmt und esset …". Die Eucharistie sei das Gastmahl Christi. Wieso dann Jesus in der Eucharistie "aussetzen" und anbeten? Ich nehme wahr, dass heute mehr und mehr Menschen Sehnsucht haben, im stillen Gebet bei Christus zu sein, Ihm alle Sorgen anzuvertrauen und sich Seiner heilenden und liebenden Gegenwart auszusetzen. Ich darf Sie alle ermutigen, diese Möglichkeit zu nutzen und anderen zu eröffnen. Auch hier gilt: Jesus will wirklich zu uns kommen und bei uns sein. Und wie sehr brauchen wir gerade jetzt Seine Kraft!
4. Von Herzen danke ich allen, die sich im Dienst an Notleidenden aller Art einsetzen. Unsere Pfarrcaritas leistet oft Hervorragendes. Darüber wird in den Medien weniger berichtet als über Skandale. Aber vor Gott zählt nicht, was "man" über uns sagt, sondern was wir unserem Nächsten getan haben. Deshalb lade ich Sie alle ein, im "Jahr der Eucharistie" besonders auf den inneren Zusammenhang von
Caritas und Eucharistie zu achten. Der Hl. Johannes Chrysostomus (4. Jh.) sagt in einer Predigt:
"Willst du den Leib des Herrn ehren? Vernachlässige ihn nicht, wenn er unbekleidet ist. Ehre ihn nicht hier im Heiligtum mit Seidenstoffen, um ihn dann draußen zu vernachlässigen, wo er Kälte und Nacktheit erleidet. Jener, der gesagt hat: "Dies ist mein Leib", ist der gleiche, der gesagt hat: "Ihr habt mich hungrig gesehen und mir nichts zu essen gegeben", und "Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan" […] Was nützt es, wenn der eucharistische Tisch überreich mit goldenen Kelchen bedeckt ist, während er Hunger leidet? Beginne damit, den Hungrigen zu sättigen, dann verziere den Altar mit dem, was übrig bleibt."
(zitiert in Papst Johannes Paul II., Ecclesia de Eucharistia Nr. 20; Hl.Johannes Chrysostomus, Homilie über das Matthäusevangelium 50, 3-4: PG 58,508-509).
In dieser Zeit, in der die Nöte schneller wachsen als die Wirtschaft, sind wir als Christen besonders herausgefordert. Christus in der Eucharistie will uns die Kraft geben, Ihm auch in den Notleidenden zu begegnen und zu dienen.
Liebe Brüder und Schwestern! Diese vier "Aufmerksamkeiten" empfehle ich uns allen für die kommenden Monate. Schon heute darf ich Sie alle herzlich zu einem festlichen eucharistischen Gottesdienst für den 1. Oktober 2005 einladen, zum Abschluss der drei "Jahre der Bibel" und des "Jahres der Eucharistie". Vom Tisch des Wortes Gottes und der Eucharistie gestärkt, können wir unseren Pilgerweg weitergehen und viele einladen, mitzukommen, damit wir alle einmal heimfinden ans Ziel unserer Pilgerschaft.
Einen gesegneten Advent wünscht Ihnen allen
Ihr
Christoph Kardinal
Schönborn
11.11.2004 |