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"Abendland in Christenhand": so wirbt zur Zeit eine politische
Gruppierung in Österreich für die Europawahl. Es ist nicht üblich,
dass wir Bischöfe zu Wahldebatten Stellung nehmen. Zu Recht, denn
die Zeit, da Priester und Bischöfe Wahlempfehlungen für bestimmte
Parteien und gegen andere abgegeben haben, ist vorbei, und das ist
gut so. Das Konzil lehrt uns, dass in politischen Angelegenheiten
die Gläubigen nach eigenem Wissen und Gewissen in Freiheit ihre Wahl
treffen sollen. Tatsächlich gibt es heute in allen wahlwerbenden
Parteien aktive Christen, und das ist auch recht so, solange die
Parteien im Rahmen der Verfassung und der Menschenwürde sind.
Wie Kardinal König immer wieder betont hat, geht es in der Haltung
der Kirchenleitung gegenüber den politischen Parteien nicht um eine
"neutrale" Äquidistanz, also sozusagen allen gegenüber gleich offen
und gleich distanziert zu sein. Vielmehr sagte Kardinal König immer
wieder: Die politischen Parteien selber bestimmen ihre Nähe oder
Distanz zum christlichen Glauben, zur Kirche. Aufgabe der Bischöfe,
der Priester und der Kirchenleitung ist es, vor allem die leitenden
Prinzipien in Erinnerung zu rufen, die christlichen Grundwerte
einzumahnen und notfalls auch einzufordern. Das sehe ich auch heute
als meine Aufgabe. Ausgangspunkt dafür kann nur das Evangelium, die
Lehre, die Botschaft und die Person Jesu Christi sein. Auf Ihn zu
blicken, lade ich Sie heute ein, um in der gegenwärtigen Debatte den
politischen Gebrauch von Worten wie "Abendland in Christenhand" oder
von christlichen Kernsymbolen wie dem Kreuz vom Glauben her zu
beleuchten. Ich lade Sie ein, mit mir einfach auf das Evangelium zu
hören.
Da steht eines fest: Jesus Christus hat seinen Gläubigen einen
weltweiten Missionsauftrag gegeben. Er hat sie "in die ganze Welt"
geschickt und ihnen den Auftrag gegeben, allen Geschöpfen das
Evangelium zu verkünden. Hätten die Christen diese Aufgabe nicht
ernst genommen, dann gäbe es heute im "Abendland" kein Christentum
und auch nicht in den vier anderen Kontinenten. Von seinem Gründer
her ist das Christentum missionarisch. Daran erinnert uns das
Evangelium von heute.
"Missionarisch" - das hat bei vielen heute eine schlechte Presse.
Das klingt nach "Zwangsbeglückung" und weckt alte Vorurteile gegen
das Christentum. Sollten wir nicht besser auf Mission verzichten und
stattdessen auf Dialog setzen? Mission oder Dialog - ist das
wirklich die Wahl?
Eines ist sicher: auch andere Religionen sind "missionarisch". Der
Islam breitet sich weltweit aktiv aus. Alle Menschen sollen sich
Allah unterwerfen, nach der Lehre und den Gesetzen des Koran. Aber
auch andere Religionen "missionieren", auch wenn sie es nicht so
nennen. So wächst der Buddhismus in Europa. "Missionarisch" sind
auch manche Atheisten. Sie werben etwa in England oder in Spanien
auf Autobussen öffentlich für Atheismus und gegen jede Form von
Religion.
"Mission" kann intolerant sein, wenn sie mit Zwang und Gewalt
vorgeht. Jesu Methode war das sicher nicht, auch wenn wir Christen
uns nicht immer an Jesu Weg orientiert haben. Jesus will keinen
Zwang, sondern spricht die Herzen und die Vernunft an. Er lädt zum
Glauben ein. Zum Dienen. Zur Selbstlosigkeit. Sein Kreuz ist alles
andere als ein Machtsymbol. Es ist das Zeichen einer Liebe, die bis
zum Letzten geht.
Wir Christen haben das Kreuz sicher auch als Machtsymbol gebraucht
und missbraucht. Wenn wir es auch heute in der Öffentlichkeit sehen
und behalten wollen, so geht es uns vor allem darum, im Kreuz ein
Zeichen der Liebe zu sehen, die Gewalt nicht mit Gewalt, Hass nicht
mit Hass beantwortet, sondern Hass und Feindschaft durch Hingabe und
Verzeihen überwindet. Deshalb schmerzt es uns, wenn das große
Zeichen der Versöhnung von anderen abgelehnt wird, wenn in manchen
Ländern das Zeichen des Kreuzes nicht toleriert wird.
Gilt es nicht, gerade in unserer Zeit, in der menschenverachtendes
Gedankengut oder Gedankenungut sich wieder ausbreitet, das Zeichen
des Kreuzes als das Zeichen der Versöhnung, der Sühne, der
Feindesliebe anzusehen? Die ausgespannten Arme Jesu am Kreuz sind
das Zeichen einer alle Menschen annehmenden und an sich ziehenden
Liebe. Dieses Zeichen darf daher auch nicht politisch missbraucht
werden, quasi als Kampfsymbol gegen andere Religionen, gegen andere
Menschen.
Ja, ich wünsche mir ein Europa, das vom Christentum geprägt ist,
aber von einem Christentum, das an Jesus Christus maß nimmt. Ich
wünsche mir, dass die Seligpreisungen Jesu (selig die Armen, die
Barmherzigen, die Friedensstifter, selig, die nach Gerechtigkeit
hungern und dürsten) wirklich tiefer das Leben Europas prägen. Ich
wünsche mir das, weil ich überzeugt bin, dass der Weg Jesu ein Weg
ist, auf dem eine Gesellschaft menschenfreundlicher und
menschenwürdiger wird und es auch bleibt.
Aber der Weg Jesu, "das Christentum", wird in Europa nur lebendig
bleiben und wieder lebendig werden, wenn es in den Herzen lebt.
Papst Johannes XXIII. hat das Zweite Vatikanische Konzil vor 50
Jahren einberufen und sich von ihm "ein neues Pfingsten" erhofft.
Ich lade zur Zeit die ganze Erzdiözese Wien zu einem Weg ein, der
unseren Glauben von innen her, aus der Freundschaft mit Jesus, aus
der Kraft des Heiligen Geistes, erneuern soll. Wir nennen diesen
Vorgang "Apostelgeschichte 2010", weil die Geschichte von den
Anfängen der Kirche auch heute weitergeschrieben wird.
Die Kirche geht freilich diesen Weg Jesu Christi nicht alleine. Es
ist gut und wichtig, dass es gesellschaftliche Kräfte, auch
politische Parteien gibt, die sich für humane und christliche Werte
einsetzen. Hier gibt es immer wieder zwischen Kirche und
gesellschaftlichen Gruppen "gemeinsame Wegstücke". Denn nur im
Miteinander werden wir die schwierigen Zeiten, die vor uns liegen,
meistern können. Dazu gehört vor allem ein intensives Bemühen um die
Familie, die das sicherste und grundlegende soziale Netz darstellt.
Dazu gehört ein aktiver, kreativer Schutz des Lebens, des
ungeborenen, des behinderten, des kranken, des alten und auch des
sterbenden Lebens.
Dazu gehört für uns unabdingbar ein vom Christentum inspirierter
Umgang mit den Fremden. Den Verfolgten, denen wir, wenn sie wirklich
bedroht sind, Aufnahme gewähren müssen. Den Immigranten, die wir bei
unserer niedrigen Geburtenzahl brauchen, um auch unser Sozialsystem
erhalten zu können. Zwei Hinweise in diesem Zusammenhang: Solange so
viele ungeborene Kinder bei uns nicht zum Leben kommen können, wird
diese "Wunde" unser Land belasten. Helfen wir zusammen, dass Kinder
leben dürfen. Und: Ich habe seit Wochen die Regierung gebeten,
nehmen wir doch wenigstens einige irakische Christen auf. Ich finde
es erschütternd, dass Österreich nicht dazu bereit ist.
Ja, ich wünsche mir ein Abendland, das wirklich aus den christlichen
Werten lebt. Das erfordert aber vor allem einen tiefen christlichen
Glauben. Jesus lädt dazu ein. Der Glauben rettet, sagt er. Denn ohne
das Vertrauen auf Gott, ohne den Glauben an ihn, sind wir
orientierungslos, "rettungslos".
Meine Frage ist nicht, ob das Abendland in Christenhand bleibt,
sondern ob es Christus im Herzen hat. Ein glaubensloses Abendland,
das ist zu fürchten. "Wer nicht glaubt, wird verdammt werden" - ein
sehr hartes, ein ernstes Wort Jesu. Wir können das Kapital des
christlichen Glaubens in Europa verspielen. Wir können das Ziel und
den Sinn unseres Lebens verfehlen. Jesu Ruf an uns ist deshalb:
"Glaubt an Gott und glaubt an mich". Glauben wir an seine Liebe -
und vertrauen wir auf seine Liebe. Amen.
22.05.2009 |