![]()
|
Liebe katholische Christen in Österreich,
Brüder und Schwestern im Glauben!
Zwei Monate nach dem Besuch von Papst Benedikt XVI. in Österreich und
seiner Reise als Pilger nach Mariazell haben wir Bischöfe eine Pilgerfahrt
in das Heilige Land unternommen. Hier – am Ursprung des Christentums – haben
wir gebetet; wir haben bei unserer hier abgehaltenen Herbstkonferenz über
Impulse aus dem Besuch des Heiligen Vaters und über den weiteren Weg der
Kirche in Österreich inmitten unserer Weltkirche nachgedacht. Und wir haben
auch in vielen Begegnungen unsere Solidarität mit den Christen des Heiligen
Landes in ihrer schwierigen Situation zum Ausdruck gebracht.
"Auf Christus schauen“, das war das Leitwort des päpstlichen Besuches
in Österreich. In Nazareth, Betlehem, Jerusalem und in der diese Städte
umgebenden Landschaft haben wir versucht, diesen Auftrag tiefer zu erfassen.
Über diesen Boden ist ja Jesus als Kind und als Mann von Nazareth gegangen.
Hier hat er die Apostel berufen, hat die Feste der Menschen mitgefeiert, hat
Wunden von Leib und Seele geheilt, hat unerhörte, Mund und Herz öffnende
Worte gesagt und dann wieder in der Einsamkeit gebetet. Hier hat er mit den
Jüngern das letzte Abendmahl gefeiert, hier war sein Kreuz aufgerichtet, und
hier befand sich sein leeres Grab. Und schließlich wurde zu Pfingsten hier
der Heilige Geist über die Urgemeinde ausgegossen.
In Galiläa hat der auferstandene Christus die Jünger in die Welt und
in ihre Geschichte hinein gesendet, das Evangelium zu verkünden und zu
taufen. Und er hat ihnen und der ganzen Kirche ein großes Versprechen mit
auf den Weg gegeben. Es lautet: ”Siehe, ich bleibe bei euch alle Tage bis
zur Vollendung der Weltzeit.“
Hier in Galiläa, nahe dem Ort, wo Jesus die unvergänglichen Worte der
Bergpredigt gesprochen hat, schreiben wir diesen Brief nach Österreich. Wir
tun es im Vertrauen, dass Jesus Christus der Kirche auch in unserem Land auf
dem Weg in die Zukunft beistehen wird, wie er es bisher getan hat.
Liebe Christen! Wenn wir realistisch, aber auch hoffnungsvoll auf die
Kirche und die Zivilgesellschaft in Österreich blicken, dann sehen wir
vieles, das uns Freude macht. Wir sehen aber auch vieles, das uns Sorgen
bereiten muss. Die Gesellschaft ist in einem raschen Wandel begriffen. Es
gibt in ihr viel Kreativität und Kraft für tragfähig Neues. Andererseits ist
aber viel bewährt Tragendes von Aushöhlung und Zerfall bedroht. Dies
betrifft besonders Familie und Ehe, die Solidarität mit den noch Ungeborenen
und mit kranken alten Menschen und den Mut zu mehr Kindern.
Auch in unserer Kirche gibt es beides. Es gibt sehr viele lebendige
ältere und junge Christen und christliche Gemeinschaften, insbesondere auch
Pfarrgemeinden. Andererseits gibt es einen großen Mangel an Glaubenswissen
und wenig religiöse Ergriffenheit bei vielen Getauften. Und es gibt eine
Versuchung zur Resignation bei nicht wenigen ernsthaften Christen. Dies auch
bei Priestern und Ordensleuten angesichts von Schwächen in manchen Bereichen
des kirchlichen Lebens. Die Gründe dafür sind zahlreich. Wir sollten uns
davor hüten, einige der Hauptursachen voneinander zu trennen und
gegeneinander auszuspielen. So ist der Rückgang der Teilnahme am
Sonntagsgottesdienst keineswegs nur auf den Mangel an Priestern
zurückzuführen.
Als Bischöfe stehen wir inmitten dieser Spannungen. Wir dürfen ihnen
nicht ausweichen und wollen sie nicht kleinreden. Wir sind aber davon
überzeugt, dass wir in der Kirche Österreichs tiefer graben und auch tiefer
denken müssen, als dies jetzt oft vorgeschlagen wird. Erst dann werden die
Quellen unseres Glaubens wieder reichlicher fließen können. Viel mehr
Christen werden das Evangelium dann als wirklich frohmachende, wenn auch
nicht bequeme Botschaft entdecken. Dann wird auch die Zahl jener Christen
zunehmen, die ihre Berufung zu einem entschiedenen, tapferen und fröhlichen
Christsein annehmen, ob nun als Laienchristen oder als Priester, Diakone,
Ordensleute. Sie alle und besonders die als Pastoralassistentinnen und
-assistenten, im Religionsunterricht, in den Pfarrgemeinderäten oder im
Laienapostolat tätigen Männer und Frauen bitten wir um ihr missionarisches
Glaubenszeugnis. Ein Blick auf die lebendige Kirche in anderen Ländern, wo
es viel weniger Strukturen und finanzielle Mittel gibt, könnte uns
ermutigen, die Chancen zu nützen, die uns in Österreich gegeben sind.
Im Heiligen Land konnten wir Bischöfe auch jungen Christen aus vielen
Ländern begegnen, die uns das Zeugnis eines fröhlichen Glaubens gegeben
haben. Manche haben eine Bekehrung erlebt und sind unterwegs zu einem
geistlichen Beruf. Im Blick auf sie grüßen wir besonders die jungen Christen
unserer Diözesen und wir grüßen alle Katholiken in Österreich vom Berg der
Seligpreisungen in Galiläa. In Galiläa hat Jesus die Jünger berufen und dort
hat er von ihnen nach seiner Auferstehung Abschied genommen. ”Er geht euch
voraus nach Galiläa“, hatte der Engel den Jüngern zu Ostern am leeren Grab
Christi gesagt. Das ist auch ein Wort an uns alle. Christus geht uns voraus
auf dem Pilgerweg unseres Lebens und Glaubens. Wir sind gerufen, Ihm
nachzufolgen, indem wir auf Ihn schauen, auf Sein Wort hören und Ihn anderen
Menschen zeigen. Das wird zu großem Segen sein. Diesen Segen wünschen wir
Ihnen allen.
Die Bischöfe Österreichs
Mittwoch, 7. November 2007,
am Berg der Seligpreisungen in Galiläa
Diesen Brief der Österreichischen Bischöfe finden Sie auf den Seiten 2 und 3
der aktuellen Ausgabe des „Sonntag" Nr. 46 vom 18. November (erhältlich u.a. in Ihrer Pfarre).