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Wenn wir im Alltag behaupten, jemand sei schuldig, dann meinen wir, dass er
unverantwortlich gehandelt hat: Er hat seine Verantwortung in einer
bestimmten Situation nicht wahrgenommen. Dabei setzen wir eine gewisse
Einsicht in Gut und Böse, Recht und Unrecht und einen freien Entschluss
voraus. Deshalb können Kinder nur teilweise für ihre Taten zur Rechenschaft
gezogen werden.
Der Begriff Sünde unterscheidet sich insofern von Schuld, als er einen
wichtigen Aspekt noch hinzufügt: die religiös-personale Dimension. Alles,
was wir denken und tun, hat auch Auswirkungen auf unser Verhältnis zu Gott.
Im Kern jedes Handelns drückt sich aus, ob wir Gottes Liebe annehmen und
ihn, uns selbst und die anderen Menschen lieben.
Schuldgefühle:
Wie damit umgehen?
Meist beschäftigen uns aber nicht theoretische Überlegungen zu Schuld und
Sünde, sondern die eigenen Schuldgefühle. Da ist es erst einmal wichtig zu
erkennen, was denn überhaupt falsch gelaufen ist. Hierzu dient vor allem
Selbstreflexion, aber auch das Gespräch mit Freunden oder einem Seelsorger.
Es ist nach dem Kern des Fehlverhaltens zu suchen, damit es nicht bei
diffusen Schuldgefühlen bleibt oder gar oft falsche Schuldkomplexe erzeugt
werden. So muss z.B. ein viel beschäftigter Elternteil erst einmal erkennen,
dass die Gereiztheit und Ungeduld im alltäglichen Familienleben nur die
”Spitze eines Eisberges“ darstellt. Was verbirgt sich in Wirklichkeit
darunter? Sehr oft die Tatsache, dass man die eigene Karriere über alles
stellt und damit das Liebesgebot der Familie gegenüber vernachlässigt. Das
reflektierte Schuldbewusstsein mündet in einen realistischen Blick auf den
Kern der eigenen Verfehlungen und macht Platz für Reue, Wiedergutmachung und
Annahme der Vergebung durch Gott.
Vergebliches Mühen?
Doch ist nicht alles Mühen vergeblich, weil wir nie perfekt sein können?
Die menschliche Erfahrung zeigt uns, dass wir eine gewisse Neigung zum Bösen
haben. Auch wenn wir wissen, was gut ist, wählen wir trotzdem oft das
Gegenteil. Die persönliche Wahl wird zusätzlich durch die gesellschaftlichen
Umstände erschwert, weil wir um Gutes zu bewirken oft auch das Böse in Kauf
nehmen müssen.
So ist es die Erfahrung vieler in Wirtschaft und Politik, die sich um
Gerechtigkeit bemühen, dass sie sich scheinbar nur dann durchsetzen können,
wenn sie selber ”hart“ vorgehen. Seinen Weg zu gehen und dennoch auch im
Sinne einer christlichen Nächstenliebe seinen Konkurrenten gegenüber zu
handeln, ist eine enorme Herausforderung, die wohl nie perfekt zu bewältigen
ist. Und doch liegt es in der eigenen Verantwortung, dies immer wieder (neu)
zu versuchen. Die seelsorgliche Begleitung, die Feier der Liturgie, der
Bußgottesdienst und vor allem das Beichtgespräch können dabei wesentliche
Hilfe sein.
Ratzinger und Paulus
”Niemand hat die Möglichkeit, an einem perfekten ,Punkt Null‘ anzufangen
und sein Gutes in völliger Freiheit zu entwickeln“ (Ratzinger, Einführung in
das Christentum). Wir dürfen aber darauf vertrauen, dass die Liebe Gottes
größer als unsere Sünde ist, wie der Apostel Paulus verkündet: ”Gott aber
hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist,
als wir noch Sünder waren“ (Röm 5,8).
Marco Klein
Studierende schreiben für den ”Sonntag“
Theologiestudierende schreiben für Leserinnen und Leser des ”Sonntag“: Die
Serie über das Sakrament der Umkehr und Versöhnung entsteht in
Zusammenarbeit mit dem Institut für Moraltheologie an der
Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.
»www.univie.ac.at/ktf«
Diesen Bericht lesen Sie auf Seite 7 der aktuellen Ausgabe von "Der
Sonntag" Nr. 11 vom 15. 3. 2009 (erhältlich in Ihrer Kirche).