”Lasst euch mit Gott versöhnen!“ (1 Kor 5,20b)Liebe Beichtende!
Liebe Beichtmuffel!
Zum Thema ”Beichten in einer sündenlosen Zeit?“ haben wir – eine Gruppe
Theologiestudierender an der Universität Wien – versucht, Fragen und
Antworten zu finden zu einem zeitgemäßen Umgang mit Buße, Beichte und
Versöhnung.
Wir möchten Sie nun ganz herzlich einladen, uns bei unserer Annäherung an
das Thema ”Beichten“ (”Vom Kennen und Erkennen zum Bekennen“ und ”Vom
Vergeben und Verzeihen zum Versöhnen“) in den kommenden Wochen der
Fastenzeit, der österlichen Bußzeit zu begleiten.
Institut für Moraltheologie der Uni Wien:
Univ. Prof. Dr. Sigrid Müller und
Univ.-Ass. Mag. Slavomir Dlugoš (vorne Mitte)
mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Seminars.
Was soll ich denn beichten?Was soll ich denn beichten? Gibt es überhaupt noch ein Bewusstsein von
Sünde? Beeinflussen gesellschaftliche Strukturen und individuelle
Lebensvorstellungen unser Verständnis von Schuld, Schuldgefühlen und
Schuldverstrickung?
Derzeit erleben wir einerseits eine Zerrissenheit des Menschen zwischen
Sinnsuche und Sinnleere und andererseits Widersprüche zeitgeistiger und
kirchlicher Realität. Wir begegnen dabei sowohl dem Phänomen (halb-) leerer
Kirchen und (halb-) leerer Beichtstühle als auch einem steigenden Interesse
an Religiösem und Spirituellem im Allgemeinen und an christlicher Theologie
und christlicher Literatur im Besonderen.
Der Begriff der Sünde und die Beichte werden heutzutage immer mehr
tabuisiert und belächelt. Schuld wird häufig nicht erkannt, sondern eher
geleugnet. Dies liegt wohl daran, dass die Freiheit und die Verantwortung
des Menschen geleugnet werden und so die Wahrnehmung der eigenen,
persönlichen Schuld und der Sünde vor Gott behindert wird.
Selbstrechtfertigung und Fremdanklage sind demnach gängige Muster
öffentlicher Kommunikation in Talk-Shows, wo private Dinge ausgebreitet
werden, die eher einer vertraulichen Aussprache zuzuordnen wären.
Selbsterkenntnis ist Chance
Die Selbstbesinnung könnte zu einem Nachdenken über unser Tun und unser
Unterlassen, unsere Verfehlungen und unsere Versäumnisse führen. Einen
Schritt getan zu haben, den man ungeschehen machen möchte, ohne es zu
können, gehört zu den bestürzenden und schmerzenden Erfahrungen des Lebens.
In einer solchen Selbsterkenntnis liegt aber auch die Chance, unsere
Verantwortung für uns selbst, für unsere Mitmenschen und vor Gott zu
erkennen. Um mit Johannes Paul II. zu sprechen, ist ”die persönliche Umkehr
der notwendige Weg zur Eintracht unter den Menschen“, denn ”Ausschluss
Gottes, Bruch mit Gott, Ungehorsam gegen Gott: das war und ist die Sünde in
der ganzen Menschheitsgeschichte“.
Im Gewissen hat der Mensch ein Bewusstsein und Mitwissen um sich selbst.
Das Gewissen ruft uns zur Liebe (Gottes- und Nächstenliebe) und zum Tun des
Guten und zur Unterlassung des Bösen an.
Somit ist die Beichte ein Gebet, in dem ich mein Gewissen erforsche und
meine persönliche, einmalige und von mir zu verantwortende Schuld vor dem
barmherzigen Gott bekenne.
Wer beichtet, sollte das Empfinden haben: Das bin jetzt wirklich ich.
Die Beichte, das Sakrament der Buße und Versöhnung, kann – im Sinne eines
Alltags-Sakramentes – dann als Bereicherung in unser Leben hinein genommen
werden, wenn unser Schuldbekenntnis zu einem Glaubensbekenntnis wird.
Thomas Pfandler
Diesen Bericht lesen Sie auf Seite 7 der aktuellen Ausgabe von "Der Sonntag"
Nr. 09 vom 1. 3. 2009 (erhältlich in Ihrer Kirche).
27.02.2009 |