Folge 24: "Lustwandeln"Das ist das Wort, das nicht einmal mehr die Besucher des Lusthauses, dieses Restaurants im Wiener Prater, verwenden. Spazieren sagen wir, besonders wenn der Weg uns durch die Natur führt.
Als eine alte Dame mit zwei Stöcken mich besuchte, meinte ich zuerst, sie sei gehbehindert, und wollte behilflich sein. Das war leider beleidigend. Was sie machte, war ”Nordic Walking“, ein neuer Sport, ein modernes Lustwandeln.
Der erste Spaziergänger, den ich kenne, ist Sokrates.
In ”Phaidros“ beschreibt Platon Sokrates’ ”Gang draußen vor der Mauer“. Phaidros wundert sich, weil Sokrates alles außerhalb der Mauern von Athen so fremd ist: ”Ich glaube, du gehst überhaupt nicht aus der Mauer hinaus.“ Sokrates gibt das zu. Er meint, in der Natur könne man nichts lernen. ”Nun wollen die Fluren und die Bäume mich nichts lehren, wohl aber in der Stadt die Menschen.“
Ein Lustwandler war er wohl nicht. Und auch kein guter
Grüner – der alte Sokrates. Eher ein Stadtschlenderer.
Gerne wäre ich einmal mit ihm durch die Straßen von Wien gegangen.
Folge 23: "Muckefuck"Als ”dünner Kaffee, Kornkaffee“ erklärt ein Lexikon dieses vergessene, ironische Wort. Es wurde wohl aus dem Französischen gebildet: ”mocca faux“, falscher Mokka!
Vor einem falschen Kaffee braucht man sich in Wien nicht zu fürchten. Wenn etwas echt ist in Wien, so ist es der Kaffee. Die Kaffeekantate von Johann Sebastian Bach (1732) setzt sich auf fröhliche Weise mit der damaligen Verbreitung des Kaffeetrinkens auseinander. Bach selbst war ein eifriger Kaffeetrinker.
Besungen wird der Leipziger Herr Schlendrian, der seine Tochter Lieschen von der Gewohnheit des täglichen Kaffeetrinkens abzubringen versucht. Leider teile ich mit Lieschen den heruntergekommenen Charakter. Auch das Muckefucktrinken hat mich nicht auf den guten Weg gebracht.
Man bekommt jenen Ersatz vor allem in klösterlichen Häusern und Rehabzentren. Einmal in einem solchen Zentrum fand ich bald dort einen Arzt, der gleichfalls an den Muckefuck nicht glaubte und mir bereitwillig den Gutschein für einen normalen Kaffee ausstellte. Ach Lieschen! Dein Vater Schlendrian versuchte dich mit der Aussicht auf eine Ehe vom Kaffee abzuhalten. Jener Arzt wäre ein guter Verlobter für dich gewesen.
Folge 22: "Leichenschmaus"ist ein scheußliches Wort, das glücklicherweise immer mehr verloren geht. Wörter wie Begräbnismahl, Totenmahl sind schöner. Schön ist auch – abgesehen von der Bezeichnung – der Brauch an sich.
Noch einmal setzen sich Familie, Nachbarn und Freunde beim Essen zum Gedenken zusammen. Es ist auch ein erster Schritt der Trauerbewältigung. Dazu gibt es dann kleine dörfliche Traditionen, z. B.: was gegessen wird.
Einmal ging ich nach einem niederösterreichischen Dorfbegräbnis mit dem Pfarrer zurück in die Sakristei. Mit gefalteten Händen sagte der Pfarrer ”Schon wieder Schweinsbraten.“ Es war kein Gebet, es war ein Seufzer. Etwas überrascht fragte ich, was er meine. In 14 Tagen habe er sieben Beerdigungen geleitet und siebenmal an einem Totenmahl teilgenommen, siebenmal mit Schweinsbraten, wie es der Brauch war. Nun reichte es ihm. Ich empfand für den Pfarrer großen Respekt. Weil er treu sein Amt versah, auch wenn es in die Niederungen des Daseins führte.
In der Wortgeographie gibt es Gegenden, wo man Begräbnis sagt, andere, wo es Beerdigung heißt. Ein Pfarrer kann es sich nicht aussuchen. Er hat zu essen, was auf den Tisch kommt, auch auf den Tisch des Wortes.
Folge 21: "Heilig"In den sechziger, siebziger Jahren war das Wort heilig in unserer Sprache ein verpöntes. Räume, auch Kirchenräume, durften nicht ”heilig“ sein.
Mehrzweckräume waren gewünscht. In Schiedam, in der Nähe von Rotterdam, wurde eine Kirche nach dem Modell einer Fabrikhalle gebaut in der Annahme, dass die dort in Fabrikhallen arbeitenden Menschen sich in einer solchen Kirche wohl besonders zu Hause fühlen würden. Auch im damaligen studentischen Milieu gab es solche Trends. Der berechtigte Ruf nach Gleichheit (der Rassen z. B.) schlug leicht in ein Verlangen nach einer allgemeinen Banalität um. Ja nicht heilig durfte die Messe sein. Nur politisch. Heilig habe keine politische Aussagekraft. ”Was suchen Sie hier in diesem wallenden Gewand?“, fragte man einen verdatterten Studentenseelsorger am Anfang der Messe. Nur fernöstliche Heiligkeit wurde geduldet. Für einen buddhistischen Gebetsteppich beanspruchte man schon jene Unberührbarkeit, die man für eine Kapelle nicht gelten ließ. Unsere Sehnsucht will mehr als die Banalität des Alltags. Am Alltag haftet so viel Schmutz und Staub. Unser Herz sucht das Heilige.
Wer an der Vision des Heiligen festhält, bewahrt sich eine innere Lauterkeit.
Folge 20: „Lobpreis"In Rom gab es im November 2004 einen internationalen Kongress aller Orden. Der englische Dominikaner Timothy Radcliffe erzählte der Versammlung von einem jungen Mann in Rotterdam, der den Kontakt mit den Dominikanern suchte. In einem Brief erklärte er, weswegen:
Weil er dort Worte sprechen konnte, die es daheim nicht mehr gab. Es waren Worte wie „Ehre sei Gott“ und „heilig“, Worte des Lobes und der Weisheit.
Tatsächlich: Worte, die sich verbeugen vor dem Geheimnis
Gottes sind selten geworden, sind fast verlorene Wörter geworden. In meiner Mittelschülerzeit haben die Augustinerpatres uns dazu angehalten, dass wir unsere Schularbeiten, Klassenarbeiten usw. mit der Abkürzung „AMDG" überschreiben sollten: ad maiorem dei gloriam – zur größeren Ehre Gottes. Das taten wir. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir darüber Witze gemacht haben, obwohl Witze für diese Abkürzung leicht zu erfinden gewesen wären. Es war uns ernst dabei. So wie dem jungen Rotterdamer, der in seinem Brief schrieb, dass er einen Ort brauchte, wo er die Worte „Ehre sei Gott“ und „heilig“ mit anderen teilen konnte.
Joop Roeland
Folge 19: „Hochwürden"Immer, wenn ich so angeredet werde, trifft mich das wie eine Ohrfeige. Weil man das Gefühl hat, kein Mensch, sondern nur eine Funktion zu sein, eben eine Amtsperson. Natürlich hat der, der so redet, es meistens gut gemeint. Er will in der Regel den Respekt vor dem Amt zum Ausdruck bringen. Jeder, der einmal an einen Bischof einen Brief schreiben musste, kennt dieses Problem. Soll er „Exzellenz“ schreiben aus Respekt vor dem Amt? Soll er „sehr geehrter Herr Bischof“ schreiben, was sich schon menschlicher, freundlicher anhört? In meiner Jugend war das System der Anredeform viel komplizierter. Der Adressat konnte in verschiedenen Abstufungen geehrt oder wohlgeboren sein. Auch hochwürdig hatte Möglichkeiten der Nuancierung. Modernen Menschen ist das alles fremd geworden. Hochwürden ist ein fast verlorenes Wort – worüber unsereiner sich eher freut. Mir ist die Herzlichkeit lieber als der Respekt. Seit kurzem ist der deutschen Sprache doch eine gute Mitte von Freundlichkeit und Respekt gelungen. Seit der Reform der Rechtschreibreform darf man „Du" wieder mit großem Anfangsbuchstaben schreiben. Ist das nicht eine hochachtungsvolle und herzliche Brücke zum anderen Menschen? Joop Roeland
Folge 18: „Männertreu"Männertreu heißt eine Blume. Streicht man mit der Hand über den wild wachsenden „Männertreu“, fallen seine blauen Blütenblätter ab. Daher komme der Name, sagt der Volksmund. Vielleicht hatte auch die Botanikerin, die für die unstabile Pflanze diese ironischen Bezeichnung übernahm, schlechte Erfahrungen mit Männertreue. Solche schlechten Erfahrungen haben viele Menschen. Das wird es wohl in allen Zeiten gegeben haben. Die traurige Spezialität unserer Zeit ist aber die leichtherzige selbstverständliche Art, wie Untreue wahrgenommen wird. Doch die Tränen der Betroffenen sind nicht witzig.
Es gibt auch das Gegenteil, selbst in unserer Zeit: berührende Treue von Menschen. Über den Tod hinaus. – Seit vielen Jahren schon feiere ich mit einer kleinen Gruppe von Menschen eine Seelenmesse für eine Verstorbene. Sie hatte eine leitende Funktion in einem bekannten Wiener Restaurant-Hotel. Arbeitskollegen und Freunde erinnern sich an sie und beten jedes Jahr für sie in einer Treue, die stärker ist als der Tod.
Der „wild wachsende Männertreu" steht heute unter Naturschutz. Tatsächlich. Die Treue von Menschen ist vielleicht ebenso selten, aber kostbar und wider allen Spott zu schützen.
Folge 17: „Blaustrumpf"Blaustrumpf war ein Spottname für Damen, deren schöngeistiger Kreis sich etwa 1750 im Londoner Haus der Lady Montague versammelte. Anstatt der sonst üblichen schwarzen Seidenstrümpfe trugen die Damen blaue Wollgarnstrümpfe. Weshalb Admiral Boscawen diesen Damenkranz als „the blue stocking society“ verspottete. Als „gelehrtes Frauenzimmer“ mit negativem Beigeschmack wäre das Wort zu verstehen. Ich vermute, dass feministisch denkende Menschen dieses Wort nicht sehr schätzen. Allerdings, bekämpfen muss man es nicht mehr. Es ist schon von alleine untergegangen. Vom feministischem Umgang mit der Sprache habe ich viel an Sorgfalt gelernt, gerade im Bereich der religiösen Sprache. Aber es gibt hier auch Ansätze, die nicht ausgereift sind. Dass man Gott mit unbeschwertem Übergehen aller Grammatik einfach zur Frau erklärt, ist wohl zu wenig durchdacht.
Der Kompromiss, der Gott dann als „Vater und Mutter“ benennt, führt eher ins Alltägliche: Gott als langjähriges Ehepaar, das nun zur Goldenen Hochzeit von den Kindern eine Reise nach Rom bekommen hat. Wir sollten uns an die alten biblischen Bilder und Namen erinnern: Feuer, Sturmwind, oder auch: „Ich werde da sein.“
Folge 16: „Backfisch"Ein Backfisch heißt heute Teenager. Die einstmalige Backfischkultur, wie sie in den Mädchenbüchern meiner Schwester beschrieben wurde, erschöpfte sich nach meiner Erinnerung in Kichern. Auch meine Schwester Tineke war einmal so ein kichernder Backfisch, der bei Besinnungstagen mit kichernden Altersgenossen aus dem Liederbuch „Die serafinische Brummfliege“ Kirchenlieder zu singen hatte. Tineke wurde eine kluge junge Frau, eine Meisterin der
Interpretation moderner Lyrik, wozu sie sowohl Bauern als auch Theologiestudenten anleitete. Als Lehrerin war sie nicht nur eine inspirierende Gestalt für die damaligen „Teenagerinnnen“, sondern auch mich, ihren Arbeitskollegen, lehrte sie, wie man das schafft: eine Gruppe beim Ofen frierender Mädchen in eine normale Unterrichtsstunde
hinüberzuführen.
Dies alles auf eine heitere Art – auch als ihr junges Leben immer mehr von Krankheit gezeichnet wurde. In ihrer kleiner gewordenen Welt fand sie immer einen neuen Sinn und etwas zum Lachen. Es war die Fröhlichkeit, die sie als Backfisch in der Schule des Lachens gelernt hatte. In der
Heiterkeit hat sie sich zuhause gefühlt wie ein Fisch im Wasser.
Folge 15: „Alt"Dieses Wort wird bald zu den verlorenen Wörtern gehören. Viele wollen das Wort „alt“ nicht mehr hören oder sagen. Das Altenheim ist ein Seniorenheim geworden. Alte Menschen sind nicht mehr alt, sondern „älter“.
Eine kluge Frau, die ich kenne, nennt sich aber ungeniert
„alte Frau“. Dabei stößt sie immer wieder auf Widerstand.
„Sie sind doch nicht alt, Sie doch nicht!“, „Man ist nur so alt, wie man sich fühlt!“, heißt es dann. Die kluge Frau findet das beleidigend, als ob man mit dem Alter etwas zu verbergen habe. Nun wird sie bald als alte Frau promovieren. Das Thema der Dissertation: „Forever young? (Für immer jung?) – Die unsichtbare alte Frau.“
Sie erzählt über ihre Erfahrungen: Wie man als alte Frau in ein Kaffeehaus kommt und einfach nicht wahrgenommen wird. Die Bedienung ist nicht bösartig, aber das Auge ist nur auf Jugend geschult.
Manchmal gibt es doch ein einfühlsames Wort. Beispielsweise bei einer Aidshilfe-Konferenz in Deutschland, wo Leute, die Angst haben, alt zu werden, daran erinnert wurden, dass viele aidskranke Menschen sich darüber freuen würden.
Folge 14: „Augentrost"„Augentrost" ist ein liebliches Wort, das wenig verwendet wird, weil wir mehr mit angestrengten Augen vor dem Computerschirm sitzen als durch Wiesen spazieren gehen. „Augentrost“ ist eine Wiesenblume. Vielleicht mag diese Wiesenblume Ihnen etwas ordinär vorkommen. Dennoch hat diese gewöhnliche Blume auch einen gehobenen Sonntagsnamen: Euphrasia. Ach, Euphrasia! Man meint, du bist eine Art Krankenschwester für kranke Augen. Man glaubt an deine Heilkraft, weil sich der dunkle Fleck in deiner Blütenmitte der menschlichen Pupille verglich.
Schwester Euphrasia!
Allerdings hat diese heilende Schwester auch eine Nachtseite in ihrer Seele. Mein Lexikon berichtet auch: Als Halbschmarotzer, der den Graswuchs schädigt, führt Euphrasia Scheltnamen wie „Heuschelm", „Milchdieb", „Wiesenwolf",
„Nonne" oder „Schmarotzerin", ach, Augentrost mit deinem Doppelleben.
Wir werden durch Wiesen gehen und uns die Augen trösten lassen, du Augenweide! Wir werden den Wind durch das Gras streichen hören, und auch unsere Ohren werden getröstet sein, du Ohrenschmaus!
Folge 13: „Hagestolz"„Hagestolz"ist ein Wort, das viele jüngere Menschen kaum noch kennen: Ein Hagestolz ist ein „Junggeselle“, allerdings meistens einer, der eher nicht mehr so jung ist.
Es ist ursprünglich ein germanisches Rechtswort und bedeutet
„Hagbesitzer“. Damit stand es im Gegensatz zum Hofbesitzer, dem ältesten Sohn, dem Erben. Der Hagbesitzer verfügte nur über ein eingefriedetes Grundstück, einen „Hag“, zu klein, um darauf einen eigenen Haushalt zu gründen. „Single“ ist das heutige Wort dazu – das auch einmal eine andere Bedeutung hatte: eine kleine Schallplatte.
Auch der Single heute hat oft einen kleinen Lebensbereich. Wohnung, Arbeitsplatz, Kino, Lieblingsbar, begehbare Garderobe, Supermarkt und Handy frieden diesen Bereich ein. Das ist sein „Hag“. Viele, aber nicht alle, haben diese Lebensform frei gewählt.
Nun steht der Hagestolz am Fenster in der unerträglichen Sommerhitze seiner Dachwohnung. Er schaut auf die Wolken und hört die Geräusche der Stadt. Seine Einsamkeit nennt er „Freiheit“, seine Langeweile „Sorgenlosigkeit“. Manchmal wünscht er sich doch, dass die Sorgen des Alltags bei ihm vor der Tür stünden wie Kinder, die aus der Schule gekommen sind.
Folge 12: „Lichtspiele"Das Wort „Lichtspiele" ist eine vergessene Bezeichnung für Filme. Es ist ein spielerisches, heiteres Wort für unsere bewegten und bewegenden Bilder. Die Orte, wo diese Bilder gezeigt wurden, nannte man „Lichtspielhaus“. Geblieben ist nur der Name. Und er bleibt schön: Das Haus, wo das Licht spielen darf. Unsere Erde ist ein Lichtspielhaus. Die Mönche haben in ihren Hymnen die Lichtspiele unserer Erde besungen: das aufsteigende Sonnenlicht, die Glut des Mittags, das vergehende Tageslicht „an der Schwelle des Abends“.
Die Glühbirne hat den Übergang zwischen Tag und Nacht unüberschaubarer gemacht. Das feierliche, mit einem Segensgebet verbundene „Lucernar“ (der Lichtsegen) ist uns fremd geworden. Wer wird schon beim Lichtschalter ein Segensgebet sprechen? Ganz fremd ist die Erfahrung der Finsternis, der Nachtangst, uns nun auch wieder nicht. Auch die Seele des Menschen kennt ihre Lichtspiele, ihre Sonnenaufgänge, ihre klaren Mittagsstunden. Und ihre Finsternisse, ihre Nachtseiten. „Ich bin auf der finsteren Seite der Straße“, singt ein trauriger Bob Dylan. Kein Elektriker kann da weiterhelfen. An der Schwelle eines solchen Abends der Seele mag es gut sein, sich an den alten Lichtruf zu erinnern: Christus, das Licht!
Folge 11: „Dampflok"Wirkliche Reisen sind nur Reisen mit einem Zug. Alles andere ist schlechter Ersatz. Mit einem Flugzeug reist man nicht wirklich. Fliegen ist nur Warten, Aufsteigen und Landen – und kompliziertes Essen dazwischen. Autofahren ist nur ein Kartenlesen ungeübter Pfadfinder, die nicht den Pfad, sondern die Abkürzung finden wollen. Echtes Reisen geschieht mit der Eisenbahn mit einer Dampflokomotive. Viele amerikanische Kinder sind aufgewachsen mit der Geschichte einer kleinen Lokomotive, die mühsam den Berg hinauffährt. „Ich weiß, du kannst es!“ ermutigt sich die kleine Lok immer wieder. Als die Maschine es tatsächlich geschafft hat, meint sie voller Stolz: „Ich wusste, du kannst es.“
Auch Menschen können für andere eine Art Dampflok sein. So habe ich das einmal beim Bergsteigen erfahren. An und für sich halte ich Bergsteigen eher für überflüssig. Als Flachländer freue ich mich, dass ich schon unten bin. Ich erinnere mich an einen Tiroler, der am Kieneck herumging wie unsereiner im Stadtpark. Mitleidend half er mir und trug auch meinen Rucksack. Eine gütige Dampflok.
Es ist schön, wenn Menschen auf der Lebensreise füreinander Dampflok sind.
Folge 10: „Demut"Das Wort Demut geht auf die älteste Missionssprache in den germanischen Ländern zurück. Althochdeutsch: dio-muoti: gebildet aus dem Wort dio, Knecht, Diener und muot, Gesinnung: „Die Gesinnung des Dienenden“: das ist natürlich eine Gesinnung, die heute nicht sehr gefragt ist. Zu unseren Kriterien für die oberen Zehntausend wird selten Demut, die Gesinnung eines Dienenden angeführt. Ich habe im Leben viele demütige Menschen kennengelernt, an die ich mich mit großem Respekt erinnere. Im Augustinerorden, dem ich angehöre, waren das vor allem die Brüder. Ein Bruder im Kloster hat heute eine ganz andere Motivation und einen anderen Platz als in früheren Jahren. Heute werden viele Brüder, weil sie bewusst nicht Priester werden, sondern der Gemeinschaft verbunden sein wollen. Früher wurden oft jene Bruder, die die Priesterausbildung nicht schafften. Und so denke ich an Bruder Remigius, der für die Schulglocke zuständig war. Und an Bruder Pius, der in den Chemiestunden Laborgehilfe war. Nun wird Bruder Remigius im Himmel wohl die Gebetsstunden einläuten und Bruder Pius im himmlischen Labor mitmischen, dort wo die Blitze geschmiedet werden.
Folge 9: „Weisheit"Weisheit ist heute nicht sehr gefragt. Menschen wollen „Information“, Infos. Aber Weisheit? Sie wird alten Leuten zugebilligt, aber wenn man selbst 74 Jahre alt ist, weiß man, dass die Leute nicht Schlange stehen, um sich eine Portion Altersweisheit abzuholen.
Vor kurzem musste ich zum Tod eines sehr verdienten Österreichers eine Predigt halten. Er war ein Pflanzenzüchter. Als junger Mensch dachte er nach der Matura darüber nach, was er studieren und beruflich machen wolle. Gegen die Tradition seiner philosophisch orientierten Familie entschied er sich, „etwas Nützliches“ zu machen und entschloss sich zum Pflanzenzüchten. Er wollte dazu noch den Rat eines weisen Mannes, konkret vom berühmten Philosophen Wittgenstein, mit dem sein Vater sehr verbunden war. So fuhr er mit dem Fahrrad nach Norwegen, wo Wittgenstein in jener Zeit lebte, und holte dessen Segen zu seiner Lebensplanung. Der Segen hielt ein ganzes Leben. Viele nützliche Getreidesorten gehen auf seine Arbeit zurück. Sein Name war Prof. Dr. Hermann Hänsel. Ende des vergangen Jahres 2005 wurde er beerdigt. Sein weiser Umgang mit der Natur ist über den Tod hinaus ein Segen geblieben. Joop Roeland
Folge 8: Ein „Leo"Ein Leo ist ein Wiener Ausdruck für Kirchenasyl, ein Zufluchtsort, so genannt nach dem mittelalterlichen Fürsten, der dieses Recht eingeführt hat. Als Kirchenasyl gilt es nicht mehr, obwohl so mancher Asylbewerber es gut gebrauchen könnte. Asylbewerber sind nicht sehr beliebt. Auch bei Christen nicht. Einmal hat ein Einbrecher in der Wiener Ruprechtskirche, wo ich verantwortlich bin, Asyl gesucht. Vorher hatte er in einer Botschaft eingebrochen. Da Botschaften polizeilich meist gut überwacht sind, war das nicht sehr schlau. Die Polizei war schnell hinter ihm her. Ich kam gerade zur Kirche für die Abendmesse. „In der Sakristei ist ein Arbeiter“, sagte mir der Mesner begeistert, denn es war ein alter Traum, dass sich in der Ruprechtskirche nicht nur Studenten treffen sollten. Leider stellte sich dann bald heraus, dass seine Arbeit nicht sehr gewünscht war. Die Polizei hatte die Kirche bald umstellt, ging aber nicht hinein. Eine der Kleinen Schwestern
Jesu brachte den jungen Einbrecher dann dazu, sich der
Polizei zu stellen. Wie wird es in seinem Leben weitergegangen sein? Ob er nach seiner Gefangenenhausstrafe in Klagenfurt einen Zufluchtsort gefunden hat? Joop Roeland
Folge 7: „Erzählen"Erzählen ist kein verlorenes Wort. Zwar gibt es leider Familien, wo das Fernsehen die Gute-Nacht-Geschichte der Eltern ersetzt, aber es gibt auch erzählende Eltern.
Dennoch ist das Erzählen seltener geworden. Selten auf die Art, wie ich sie einmal in Südtirol erlebte, wo sich am Abend der Bauer hinsetzte und uns aus seinem Leben erzählte. Gespannt hörten wir alle zu. Das gibt es heute nicht mehr so oft.
Die Worte des Erzählens sind verloren gegangen. In der vergangenen Adventzeit erlebte ich ein schönes Erzählen im Wiener Aids-Hilfe-Haus. HIV-Patienten sind Menschen, die durch die Ängste und Tiefen des Lebens gegangen sind. Das hat sie reif gemacht. Im Aids-Hilfe-Haus habe ich wie schon viele Jahre aus meinen Geschichten vorgelesen. Selten habe ich für Leute gelesen, die so aufmerksam waren.
Am Ende des Abends erzählte mir ein Mädchen, dass ihre Mutter zu Weihnachten komme. Nach vielen Jahren. Nicht immer haben Eltern ein verständnisvolles Verhältnis zu ihren aidskranken Kindern. Das Mädchen hatte vor, ihrer Mutter eine Geschichte jenes Abends zu erzählen.
Nun wird die Mutter gekommen sein. Ich denke, sie hatten sich viel zu erzählen.
Joop Roeland
Folge 6: „Selig"Das alte Wort „selig" hat heute einen süßlichen Beigeschmack bekommen. In meiner niederländischen Heimat wurde dieses Wort zum Beispiel bei gutschmeckenden Süßspeisen verwendet. Allerdings galt es bei uns halbwüchsigen Knaben als Mädchenwort. Wegen dieses Beigeschmacks wohl hat man in einer modernen Bibelübersetzung, die die Worte Jesu zeitgemäß auszubessern versucht, in den Seligpreisungen Jesu das Wort „selig“ in „glücklich“ geändert.
Es hat seine ursprüngliche Aussagekraft verloren. Wichtig war es in dem Ausdruck „ewige Seligkeit“, die uns von manchem Prediger als erstrebenswert dargestellt wurde, mit der wir es trotzdem nicht eilig hatten. Ich meine, auch so mancher Prediger nicht. Eine schöne Verwendung hat dieses Wort in dem Anhang „selig“ bei dem Namen eines Verstorbenen: mein Vater selig. Hier war es eine Abkürzung für „selig(en Andenkens).“
In meiner Heimat wurde das Wort „selig“ auch oft beim Wünschen verwendet: Statt „Prosit Neujahr“ sagt die ältere Generation niederländischer Katholiken noch immer „Zalig Nieuwjaar!“ und sie will dieses „selig“ nicht durch „prosit“ oder „glücklich“ ersetzen“. So wünsche auch ich Ihnen ein „Zalig Nieuwjaar!“
Joop Roeland
Folge 5: „Heiland"Ein Höhepunkt germanischer Dichtung ist ein Epos, das Leben und Leiden Christi beschreibt. Es ist in altsächsischer Sprache geschrieben, entstanden zwischen 822 und 840. Der Autor dieses virtuosen Meisterwerks ist unbekannt. In seiner Darstellung ist Christus ein germanischer König, seine Jünger eine germanische Gefolgsschar.
Ort der Handlung ist in der Beschreibung nicht mehr das
römisch-jüdische Palästina, sondern das karolingische Sachsen. Der erste Herausgeber dieses Textes nannte das Werk Heliand. Heliand – das ist: Heiland. Allerdings haben wir das Gefühl, dass das Wort „Heiland“ sein Ablaufdatum schon überschritten hat. Es wird wenig verwendet, Jugendlichen ist es eher fremd. Aber als Heliand, in diesem Altsächsischen hört sich das Wort Heiland auf einmal unverbrauchter an. Tatsächlich ist es ein schönes Wort: Heliand, Heiland, der Heilende. Das ist doch die verborgene Sehnsucht so vieler Menschen, in den Verletzungen des Lebens einen Heilanden zu finden. Jesus der Heiland: das wäre nicht mehr ins Germanische sondern in unsere Zeit zu übersetzen.
Und die Heilmittel? Bei unseren Medikamenten findet man immer einen Beipackzettel, der uns oft angst und bang macht. Sogar die einfachsten Mittel können schlimme Folgen haben: Zittern, Konzentrationsverlust, Debilität überhaupt. Beim Heiland schaut das anders aus. Im Beipackzettel über die Folgen der Gnade steht unter anderem: Freude und Friede des Herzens. Joop Roeland
Folge 4: „Himmelstau"Tau ist in den Städten selten
geworden. Und falls es den Tau dort am frühen Morgen doch gibt, wird er kaum von uns
wahrgenommen. Sprühwagen ersetzen den Tau. In unseren
Adventlliedern jedoch gibt es keine Sprühwagen, sondern einen Tau, der vom Himmel kommt: „Tauet, Himmel, den
Gerechten, Wolken, regnet ihn herab!“
Dieser Tau legt sich über die Herzen der Menschen, als Frühlingsfrische, als Tagesanfang.
Gibt es Orte, wo der Tau nicht hinkommt, nicht einmal der Sprühwagen? Solche Orte gibt es. Die U-Bahn zum Beispiel: Frühlingsfrische ist hier nicht vorhanden, sondern Klimaanlage. Tagesanfang heißt hier: Menschen, die dumpf zur Arbeit gehen und grantig die U-Bahnzeitung lesen. Und mit ihrem Handy telefonieren. Was telefonieren sie? Ich versuche immer mitzuhören und meine: Es zahlt sich nicht aus. Dieses
Billigangebot der Worte könnte man sich ersparen. Kein Wunder, dass die Unternehmen vielstündige Gratisangebote machen. Es zahlt sich nicht aus.
Wie würde Morgentau in der
U-Bahn ausschauen? Wie ein fröhliches Aufwachen von Menschen, die Gedichte in ihre Handys sagen, lautere Worte, die vom Himmel tauen wie Gnade.
Joop Roeland
Folge 3: „Ehrfurcht"Etymologie ist die Wissenschaft darüber, wie die Wörter geboren werden. Das Wort "Ehrfurcht" zum Beispiel. In der deutschen Sprache ist es erst spät auf die Welt gekommen, wo man das Wort gebildet hat, um das lateinische „reverentia" wiederzugeben. Darum geht es bei Ehrfurcht: Reverenz, Achtung. Die Seele verbeugt sich. Das hat mit Furcht nichts zu tun, obwohl wir das aus dem Wort Ehrfurcht zu Unrecht heraushören. Darum wurde es ein ungeliebtes, ein verlorenes Wort. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, wo die Ehrfurcht noch nicht verloren war. In meiner niederländischen Heimat wurden die Eltern, die Lehrer, auch Gott mit Sie angeredet. Das war kein Ausdruck der Furcht, kein Angstwort.
Ich habe eine ganze Sammlung von Personen im Gedächtnis, die ich mit großer Ehrfurcht verehre. Mit Titeln und Auszeichnungen hat das nichts zu tun, eher mit der Integrität ihrer Person. Pater Hulsbos etwa, bei dem wir als Studenten lernten, das Neue Testament zu verstehen. Er lebte, was er lehrte. Als er schwer krank und dem Tod nahe war, wollte er, dass die Studenten ihm Paulus-Texte vorlasen. Den gewünschten Text nannte er aus dem Gedächtnis genau. Er hörte zu. Um ihn war Friede. Mit Ehrfurcht haben seine Studenten das wahrgenommen. Joop Roeland
Folge 2: „Wächter"An der niederländischen Nordseeküste gibt es einen Seedamm, der aus drei Deichen zusammengesetzt ist. Das ist notwendig, weil die Dünen dort nicht ausreichend sind. Diese drei hintereinanderliegenden Deiche haben jeweils einen Namen. Zuerst der, der direkt am Wasser liegt: das ist der Wächter. Dann folgt der Schläfer, der schon weniger bedroht ist. Schließlich der Träumer, der am wenigsten zu tun hat.
„Wächter“ ist auch ein Adventswort: „,Wachet auf‘, ruft uns die Stimme“, heißt es in einem Adventslied.
Und der da ruft, ist ein „Wächter sehr hoch auf der Zinne“.
Der Adventwächter ist ein fröhlicher Wächter, der singt und Freude verheißt.
Die Wächter sind selten geworden. Statt Wächter gibt es Überwachungskameras. Statt Mesnern haben Kirchen Alarmanlagen. Aber ein Wächter, einer, der wie in alter Zeit Ausschau hält?
Die Wächter sind selten geworden, besonders die fröhlichen. Die wenigen modernen Wächter, die kirchlichen und weltlichen, mahnen uns. Sie singen nicht mehr. Sie achten eher auf die Gefahren.
Deswegen ist auch der dritte Deich wichtig: der Träumer. Wenn der Wächter ernsthaft Bedrohung im Auge hält, so kann der Träumer Tröstliches träumen.
Joop Roeland
Folge 1: „Verkünden"Verkünden ist ein Wort, das andeutet, wie eine Botschaft andere Menschen erreicht. Ich komme aus jener vergangenen Zeit, wo Menschen einander Briefe geschrieben haben. Die Zeit der Briefe ist schon lang vorbei. E-Mails werden verschickt. Die Spiritualität unserer Zeit ist eine E-Mail-Spiritualität: Über ein E-Mail kann man nicht verkünden. Da gibt es nur Information und Plaudereien. Verkünden ist eine feierliche Ansage.
Als im Mai 1945 Friede war, war das natürlich auch in meiner Heimat, den Niederlanden, ein großes Ereignis. Mein Vater erfuhr davon, als er mit meiner kleinen Schwester frühmorgens unterwegs war und bei den handgeschriebenen Mitteilungen, die es damals statt Zeitungen gab, diese Friedensnachricht las. Er ging sofort nach Hause zurück und verkündete feierlich: „Es ist Friede!“ – Zuvor hatte er meine Schwester gemahnt, dass sie nichts sagen dürfe. Er selbst würde das berichten. Verkünden ist auch ein Adventswort. Kündet, verkündet allen in der Not, heißt es in einem bekannten Adventslied. Engel verkünden. Sie schicken kein E-Mail. Oder haben Sie schon einmal von einem Engel ein E-Mail bekommen? Ich meine, in der Adventszeit ist das Verkünden wieder zu lernen.
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