|
Frage: In der Kirche ist sehr viel vom Dienen die Rede, auch wenn
offen oder verdeckt geherrscht wird. Wie ist das mit dem Christsein und dem
Herrschen?
Antwort: Der Umgang mit Macht ist eine große Herausforderung für jede
Gesellschaft. Macht verführt zu Machtmissbrauch. Macht korrumpiert, absolute
Macht korrumpiert absolut, sagte Lord Acton.
Vor diesem Hintergrund zeigt Jesus eine christliche Alternative auf: ”Ihr
wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre
Macht über die Menschen missbrauchen.
Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will,
der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll eurer
Sklave sein“ (Mt 20,25). Und gleich darauf: ”Denn auch der Menschensohn ist
nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen“ (Mt 20,28). Eine
Welt ohne Machtmissbrauch ist so eine der großen Visionen des Christentums.
Das aber ist etwas ganz anderes, als wenn im kirchlichen Jargon Christen
recht unterschiedslos zum Dienen ermahnt werden, dieses also zu einem
Zentralwert geworden ist. Dienen kann in einer Ego-Gesellschaft ein durchaus
großartiges Gegenprogramm sein. Doch wenn sich die Ermahnung zum Dienst an
die Schwächeren (besonders auch die Frauen) und nicht an jene richtet, die
Macht haben, wird sie selbst zum Herrschaftsinstrument, zu einer
manipulativen Formel, die gesundes Selbstbewusstsein verhindert und zu einer
recht unangenehmen Duckmäuserei führen kann. Es geht nicht mehr um eine
Umkehr der Werte, wie im Evangelium, sondern um die Stabilisierung von
Macht.
Es braucht Unterscheidung: Folge ich in Freiheit dem Vorbild Jesu – oder
lasse ich mich von anderen in eine falsche Haltung der Unterwerfung
hineinmanipulieren, die mich unfrei und frustriert macht?
Und als Gegenprobe: Kann ich, wenn es notwendig ist, am rechten Ort und zur
rechten Zeit auch Kritik anbringen?
Univ.-Prof. Mag. Dr. Ingeborg Gabriel
ist Vorstand des Institutes für Sozialethik, Theol. Fakultät, Uni
Wien.
Diesen Bericht lesen Sie auf Seite 18 der aktuellen Ausgabe von "Der
Sonntag" Nr. 41 vom 12. 10. 2008 (erhältlich in Ihrer Kirche).
10.10.2008 |