„Ich will diesen Blick nicht vergessen”

Hochwasser in Pakistan: Die Wienerin Claudia Villani, derzeit Helferin im Lepraspital der Ordensfrau und Ärztin Ruth Pfau in Karachi, berichtet erschütternde Details aus dem Katastrophengebiet.
 Flucht aus Basera nahe der Stadt Muzaffargarh, Provinz Punjab.
|
|
Satelliten-Aufnahmen der amerikanischen Weltraumbehörde NASA lassen die enormen Ausmaße der Flutkatastrophe in Pakistan erkennen: Etwa ein Fünftel des Landes ist unter Wasser, das entspricht der Fläche von Italien. Millionen Menschen sind obdachlos.
Das unermessliche Leid der Betroffenen zeigt sich freilich nur in unmittelbarer Begegnung mit den Menschen: „Gestern habe ich eine Frau getroffen, die ihr Baby nicht fest genug halten konnte, als die Sturzflut kam”, berichtet Claudia Villani via E-Mail aus der süd-
pakistanischen Hafenstadt Karachi: „Das Kind wurde augenblicklich vom Wasser verschluckt. In den Augen der Mutter ist noch immer dieses furchtbare Entsetzen zu sehen. Ich will diesen Blick nicht vergessen.”
Claudia Villani arbeitet zurzeit im Marie-Adelaide-Leprosy-Centre (MALC) in Karachi, das von der deutschen Ordensfrau und Ärztin Ruth Pfau gegründet wurde und geleitet wird.
„Pakistan scheint im wahrsten Sinne des Wortes unterzugehen. Tausende, Abertausende erreichen täglich Karachi. Im Laufe der nächsten Zeit rechnen wir mit 10 Millionen Menschen.” Karachi selbst hat über 12 Millionen Einwohner.
 Aggression der Verzweiflung bei der Verteilung von Hilfsgütern – hier in Sukkur, 350 Kilometer nordöstlich von Karachi.
|
|
„Gestern bei einer Essensausgabe in einem Camp (wir sind mit Reis und riesigen Töpfen gekommen) wollte jeder der Erste sein. Chaos, fast Gewalt. [...] Sie hatten alle seit Tagen nichts gegessen und hatten panische Angst, dass nicht genug da sei. Ich habe dann auf Sindhi (ihre Sprache in diesem Camp) ausrufen lassen: Es bekommen alle etwas! Sofort ist Ruhe eingekehrt.”
Für Villani beeindruckend: „Noch nie habe ich so existenzielles Teilen wie hier in den Dörfern erlebt. Sie kennen einander nicht einmal, sprechen manchmal nicht einmal dieselbe Sprache. Und doch ist es selbstverständlich, dass sie Menschen Herberge geben. Oft bis zu 20 Obdachlosen in einem Raum. Hauptsache, ein Dach über dem Kopf. Wenn sie Nahrung haben, teilen sie auch diese. Sie haben nur kaum noch welche. Wie lange kann das gut gehen? Wir müssen mehr Nahrung einkaufen können.”
Durch die Vernichtung der Ernte seien die Preise für Grundnahrungsmittel um 400 Prozent gestiegen. „Ich habe mich noch extra erkundigt und nachgerechnet, ob diese unfassliche Zahl auch wirklich stimmt. Ja, es ist so.”
Die einfachsten Dinge werden zum Problem: „Die Frauen in den Camps würden so gerne einmal ihr Gewand auswaschen. Ich verstehe nicht gleich, was sie meinen. Das können sie doch tun! Nein, das können sie nicht: weil sie nicht wissen, was sie in der Zwischenzeit anziehen sollen. [...] Sie sind wirklich mit nichts geflüchtet. Nur das Wichtigste und Wertvollste in ihrem Leben, ihre Kinder und ihre Alten versuchten sie zu retten. In mir ist unendlich viel Traurigkeit.”
Villanis Dank an alle Helfenden aus Österreich: „Eure gelebte Solidarität ist uns allen große Hilfe. Wir kaufen Nahrungsmittel, Wasser, Zelte ...” – Und ihr Appell: „Bitte mobilisiert alle gemeinsamen Kräfte in Euren Aktivitäten! Und hört nicht auf, uns in unserer Verzweiflung die Hand zu halten, wir brauchen Euch sehr!”
(red)
Drucken
Fenster schließen