 Die Freiheitsstatue vor New York ist der Inbegriff von „Freiheit”.
|
|
Sie sprechen am 10. März über „Spiritualität als dialogische Herausforderung”. Was heißt Spiritualität heutzutage, wo doch fast alles und jede/r „spirituell” ist?
Beck: Der Begriff „Spiritualität” ist schwer zu fassen und wird uneinheitlich gebraucht.
Deswegen sage ich gleich, was er christlicherseits heißen könnte: Das Christentum ist eine Befreiungs- und Erlösungsreligion. Der Mensch soll frei werden von falschen Abhängigkeiten und Ängsten sowie erlöst werden aus seinen Verstrickungen, damit er frei wird, seinen eigenen Lebensweg, seine Berufung, Wahrheit und Identität zu finden.
Befreiung und Erlösung finden also schon anfanghaft in dieser Welt statt, nicht erst im Jenseits. Gott will den Mensch groß machen und nicht klein, er will dem Menschen Raum schaffen und nicht nehmen, er ist nicht Widersacher des Menschen, sondern derjenige, der den Menschen in seine eigentliche Größe hineinführen will.
Aus dem Menschen soll das Bild herausgeholt werden, das in ihm steckt. Das ist in tiefstem Sinn Bildung: Herzensbildung, Geistbildung, Menschwerdung.
Dazu muss der Mensch sich diesem Gott anvertrauen. Dann findet er, wonach er sich im Tiefsten sehnt: Anerkennung, Angenommensein, Geliebtwerden, Freiheit, Einheit, Stimmigkeit, Frieden, Glück, Fülle des Lebens.
Christliche Spiritualität heißt: sich Gott überlassen, um sich selbst zu finden und auch dem anderen dazu zu verhelfen.
 DDr. Matthias Beck ist Universitätsprofessor am Institut für Moraltheologie.
|
|
Das trinitarische Gottesbild (Vater-Sohn-Heiliger Geist) hat als Beziehungsgeschehen weitreichende Konsequenzen: Was hat Politik mit der Dreifaltigkeit zu tun?
Beck: Wir haben von der Befreiung und Freiheit des Menschen gesprochen. Freiheit meint nicht nur innere Befreiung, sondern auch äußere. Freiheit heißt nicht Beliebigkeit, sondern Ant-Wort geben auf den An-Spruch des Lebens.
Darin besteht die Verantwortung des Menschen gegenüber der Welt, Gott, der eigenen Biographie, dem anderen, der Gesellschaft. Es geht dabei um die innere Freiheit, aber auch um die äußere: Wahlfreiheit, Meinungsfreiheit, Gewissensfreiheit.
Diese Freiheiten sollen die Menschenrechte garantieren, und eine Staatsform soll sie ermöglichen. Wenn der Mensch aus christlicher Sicht erst in der Anbindung an Gott zu seiner letzten Einheit und Freiheit gelangt, dann muss auch Gott ganz frei sein. Er darf nichts müssen.
Ein liebender Gott müsste sich aber ein Liebesgegenüber schaffen (den Menschen), um diesen zu lieben, es sei denn, er wäre schon in sich selbst ein Beziehungsgeschehen. Von daher macht es Sinn, von Gott anzunehmen, dass er dieses Beziehungsgeschehen in sich selbst schon ist, im Liebesgeschehen von Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Nur wenn er in sich selbst genug ist und nichts braucht, ist er frei, die Welt zu schaffen. Nur wenn Gott frei ist, kann auch der Mensch frei werden. Um zu dieser Freiheit zu finden, braucht der Mensch auch äußerlich politische Rahmenbedingungen und Bildung. In Demokratien findet er diese weithin.
Beim „Dialog” Gott – Mensch geht es auch darum, den Willen Gottes zu tun („Dein Wille geschehe”). Was „bringt” es, den Willen Gottes zu erfüllen?
Beck: Es bringt das Leben in seiner ganzen Fülle. Es ist fast grotesk: Den Willen eines anderen (des Chefs, der Ehefrau, der Eltern) zu tun, ist immer ein Stück „Freiheitsberaubung”. Bei Gott ist es genau umgekehrt: Den Willen Gottes zu tun, führt zur Freiheit und zur Erfüllung der tiefsten Sehnsucht.
Ignatius von Loyola hat das in seinen Exerzitien so zusammengefasst: Überall dort, wo der Mensch mit dem Willen Gottes übereinstimmt, findet er seinen inneren Frieden, seine Freude und Stimmigkeit, überall dort, wo er herausfällt, gerät er in Unruhe, Angst, Zerrissenheit.
„Nur wenige Menschen ahnen, was Gott aus ihnen machen würde, wenn sie ihn nur ließen” ist einer seiner Leitsätze. Religion in diesem Sinne führt zu einer höheren Sensibilität für den Alltag, für sich selbst und den anderen, zur besseren Integration der Kräfte und zu besseren Entscheidungen.
(red)
04.03.2010 |