Ausgabe Nr. 37 - 12.09.2010
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„Eine kopernikanische Wende”
Wie politisch können und sollen die Laien sein? Der Kirchenhistoriker Maximilian Liebmann über die notwendige Umsetzung der Lehren des Konzils über die Laien.

© kathbild.at/Rupprecht
„Die Mitverantwortung der Laien muss weiterentwickelt werden”, betont Liebmann.

Wie politisch muss/soll/kann die Kirche sein, wie politisch jede/r Getaufte?

Liebmann: Die Kirche soll sich in öffentliche Fragen einmengen, „weil sie ja schließlich auch ihrer sittlichen Überzeugung, ihrer Ethik Raum geben muss, zu bewerten, zu beurteilen, Meinungen auszusprechen. Aber sie soll es nicht tun im Dienste einer politischen Gruppe.”

Diese offizielle Erklärung der SPÖ im Parlament am 12. Juli 1960 kann als Magna Charta für politisches Engagement der Kirche und als Richtschnur ihrer Mitglieder gelten.

Zu bedenken ist aber, dass pastoral etikettierte Anweisungen eminent politisch sein können, wofür Theodor Kardinal Innitzers Pastoralanweisung vom 15. März 1938 ein Paradebeispiel ist: „Seelsorger und Gläubige stellen sich restlos hinter den großen deutschen Staat und seinen Führer ... Alleinige Berufsaufgabe des Priesters ist die Seelsorge ... Der Seelsorger muss sich deshalb von jeder Politik fern halten und soll der Entwicklung der Dinge mit Vertrauen entgegensehen.”

Was sagt das II. Vatikanum über das Apostolat der Laien? Sind die konziliaren Vorgaben hierzulande umgesetzt worden?


Liebmann: Die Theologie des Laienapostolats des II. Vatikanums gleicht einer kopernikanischen Wende gegenüber der in Österreich seit 1933 gelehrten und praktizierten.

Galten bis zum Konzil die Berufung und Sendung der Laien durch den hierarchischen Führer als konstitutives Element, lehrt uns das Konzil: „Durch die Taufe dem mystischen Leib Christi eingegliedert und durch die Firmung mit der Kraft des Heiligen Geistes gestärkt, werden sie vom Herrn selbst mit dem Apostolat betraut.”

Was die Umsetzung dieser konziliaren Vorgaben betrifft, stehen wir erst am Anfang. Die Installierung von Räten auf verschiedenen Ebenen und synodale Beschlüsse können nur der erste Wurf gewesen sein.

© Privat
Dr. Maximilian Liebmann ist emeritierter Universitätsprofessor für Kirchengeschichte.

In den 50er Jahren gab es zwischen Otto Mauer und P. Karl Rahner SJ einen Disput:
KA und/oder Katholische Verbände?

Liebmann:
Der KA-Disput zwischen dem faszinierenden Prediger und KA-Strategen Otto Mauer und dem staubtrockenen Prediger sowie charismatischem Dogmatiker Karl Rahner Anfang der 50er Jahre wurde kaum wahrgenommen. Er spielte sich weniger auf der Kanzel, wohl aber auf literarischer Ebene ab. Wofür Mauer die bahnbrechenden Monatshefte „Wort und Wahrheit” zur Verfügung standen, während Karl Rahner seine Thesen in der exklusiven Jesuitenzeitschrift „Der Große Entschluß” veröffentlichte.

Msgr. Otto Mauer überstrahlte vieles und viele und gab in katholisch-progressiven Kreisen schlechthin den Ton an. Karl Rahner, von Franz Kardinal König zu seinem Konzilsberater bestellt, stieg zum Fixstern wissenschaftlicher Theologie auf.

Umso wichtiger erscheint es, in Erinnerung zu rufen, was damals Karl Rahner bei seinem Disput mit Otto Mauer prophetisch meinte bzw. voraussah. Pastoral bzw. kirchenpolitisch gesehen, verdankt die AKV („Arbeitsgemeinschaft Katholischer Verbände”) den Jesuitentheologen, wie Alois Kubischock und Karl Rahner, ihre Existenz, d. h. ihre Genehmigung durch die Bischofskonferenz.

Was ist mit dem Apostolat jener, die nicht in der KA sind?


Liebmann:
Hatte fußend auf der konziliaren Laientheologie Bischof und Konzilsvater Josef Schoiswohl 1966 die essentielle Frage aufgeworfen: „Es erhebt sich darum die Frage nach dem Apostolat jener, die nicht in der KA sind, und denen es deswegen oft abgesprochen wird”, so hat nach dem römisch-kurialen Unverständnis der Anliegen des Kirchenvolks-Begehrens der Linzer Bischof Aichern 1998 gefordert, die Mitverantwortung der Laien weiterzuentwickeln und Kardinal Schönborn im Sommer 2009 die „Stunde der Laien” ausgerufen; so ist der Tag überfällig, ernsthaft zu überlegen, wie die Kirche Österreichs diesen Anliegen und Forderungen gerecht werden kann.

Bei der Weiterentwicklung der Mitverantwortung der Laien haben die Theologinnen und Theologen vom Biblikum über Dogmatik bis zur Christlichen Soziallehre, vom Kirchenrecht bis zur Kirchengeschichte ihren Beitrag zu leisten. Die Pastoral allein ist überfordert.

(red)

25.02.2010
Buchtipp

© Privat

Maximilian Liebmann: „Heil Hitler – Pastoral bedingt. Vom Politischen Katholizismus zum Pastoralkatholizismus”,
182 S., Böhlau Verlag 2009,
€ 24,90

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