 Zur Zeit der Apostelgeschichte waren die Christen oft eine kleine Minderheit.
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Was gehört zum Missionarisch-Sein im Sinne der Apostelgeschichte dazu? Was sind solche Essentials?
Stowasser: Zunächst ist Mission keine Einbahnstraße, sondern Begegnung. Apostelgeschichte 10 schildert ein Geben und Nehmen. Der Jude Petrus begegnet dem Heiden Cornelius, zunächst hat dieser ihm etwas zu sagen. Petrus lernt von Cornelius, nicht nur umgekehrt.
Damit die Botschaft des Evangeliums (als der höhere Wert) dem Haus des Cornelius verkündet werden kann, muss Petrus eigene religiöse Überzeugungen und Gewohnheiten ablegen. Er muss im wahrsten Sinn des Wortes durch fremde Türen gehen (10,28).
Mission verändert auch Kirche selbst und ist keine einseitige Belehrung der Völker.
Mission ist sodann Erschließen des Evangeliums. Die Predigt Petri beschränkt sich dabei erkennbar auf das Wesentliche: Der paradoxe Glaube an den Gekreuzigten und Auferweckten rettet den Menschen, stellt ihn jedoch auch vor die Herausforderung des gelebten Glaubens: Vergebung der Sünden – der Auferstandene als endzeitlicher Richter (10,42f) signalisiert diese beiden Grundpfeiler.
Das Handeln bildet eine dritte Dimension von Mission, nämlich als Zeugnis für die Kraft des Evangeliums. Dazu gehört soziales Engagement, wie es Lk durch sein Bild des Teilens und der täglichen Ausspeisungen in der Urgemeinde einfordert (2,43ff). Dazu gehört weiters die umfassend heilende Macht des Evangeliums.
Die Wundererzählungen von Petrus und Paulus bilden Anlass zum Glauben, thematisieren aber auch den Wettstreit mit anderen (8,9ff; 19,11ff). Mission fand im Umfeld wundertätiger Konkurrenz statt.
Übersetzt ins Heute bedeutet das: Das Evangelium wird nicht auf eine religiöse Seite reduziert, sondern erfasst ganzheitlich-heilend alle Dimensionen menschlicher Existenz bis hin zur gesellschaftlich-politischen. So steht Mission im Spannungsfeld von werbendem Geben und lernendem Empfangen.
 Univ.-Prof. Dr. Martin Stowasser lehrt am Institut für neutestamentliche Bibelwissenschaft der Uni Wien.
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Es fällt auf, dass in der Apostelgeschichte Visionen und Träume immer wieder Aus- löser für Unvorhersehbares sind: Was heißt das für uns heute?
Stowasser: Traum und Vision signalisieren das Eingreifen Gottes (10,28)/seines Geistes (11,12). Lk verteidigt die Öffnung der judenchristlichen Kirche für Heiden gegen den Vorwurf, ein menschlicher Willkürakt gewesen zu sein. Die strikte Weigerung des Petrus, mit Unreinem in Berührung zu kommen (als Nahrung oder in Person von Heiden), und sein vom Geist geleiteter Lernprozess begründen diese umstrittene Weichenstellung.
Übertragen ins Heute sticht die Freiheit und Ungebundenheit des Wirkens von Gottes Geist ins Auge. Seine Domestizierung bzw. seine manchmal exklusive Beanspruchung durch das kirchliche Amt erweisen sich als Verkürzung im Blick auf die Mehrdimensionalität der Apg.
Gerade Petrus, im 1. Teil der Apg Hauptfigur und Leiter der Jerusalemer Urgemeinde, verwendet Lk als Beispiel dafür, dass Gott Werte, die durch Überlieferung wie Praxis als zentral, ja unantastbar gelten, beiseite schiebt, um den Zugang zur Heilsbotschaft zu ermöglichen.
Als Konkretisierung kann man an den Reformstau der nachkonziliaren Zeit denken, wo sich Kirche in zahlreichen Elementen ihrer Tradition selbst im Weg steht, statt das Evangelium als froh machende – und das heißt auch widerständige – Botschaft zu vermitteln.
Was bedeutet die Aussage des Petrus – „Mir aber hat Gott gezeigt, dass man keinen Menschen unheilig oder unrein nennen darf” (Apg 10,28) – für die Haltung der Mission?
Stowasser: „Unheilig” und „unrein” sind religiöse Schlüsselbegriffe. In 1 Makk 1,62 bezeichnen sie religiöse Werte, für die man das Martyrium zu erleiden bereit war. Jetzt schenkt Gott „Unreinen” seinen Geist (10,44f)!
Petrus muss in Apg 10 seine religiöse Identität weiterentwickeln, der lk Paulus unterhält sich in Diktion stoischer Philosophen mit den Menschen am Areopag, um sie an den biblischen Gottesglauben heranzuführen (Apg 17).
Im Horizont von Mission fordert die Infragestellung von Tabus („unheilig” bzw. „unrein”) die innerkirchliche Diskussion um eine Hierarchie der Werte und den Mut zu Neuem. Dies benötigt die Einbindung aller zum Diskurs bereiten und kompetenten Gruppen: engagierte Laien, ausgebildete Theologen, Ordensleute und Kleriker.
(red)
11.03.2010 |