 Bei der ersten Diözesanversammlung wurde die Kraft des Lebenszeugnisses hervorgehoben.
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Meine Überlegungen verstehen sich als vertiefende Erschließung dessen, was in den Arbeitsgruppen stattgefunden hat; als Ermutigung oder als kritische Anfrage, vor allem aber als Anregung zu weiterem Nachdenken. Die Kirche heute braucht dies: Fragen, Lernen, Denken. Zugleich braucht sie die Zusage der Kirchenleitung, an der Lösung der hier aufgetauchten Nöte, Fragen und Erfahrungen über die Versammlung hinaus gemeinsam weiterzuarbeiten.
Ich habe Textprotokolle analysiert, nicht das Gruppengeschehen als ganzes. Ich habe eine von vielen möglichen Fragen an die Texte gestellt: Wie wird auf den Transformationsprozess der Kirche reagiert, und zwar im Kontext zeitgenössischer Herausforderungen von Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Kultur? Denn diese stellen uns die Aufgaben, denen wir hier, jetzt und heute zu dienen haben in der Nachfolge Jesu Christi.
ER zeigt uns, WIE wir handeln können und sollen.
Was ich vorfinde: Den Reichtum der Erzdiözese Wien an jenen pastoralen Erfahrungen und Möglichkeiten, die in die Zukunft führen, und kritische Anfragen, die unterstützen möchten, die biblische und kirchliche Tradition zu erinnern – d. h. für die Gegenwart fruchtbar zu machen.
Veränderung und Verwandlung MMag. Dr. Regina Polak leitet den Fachbereich Pastoraltheologie und Kerygmatik am Institut für Praktische Theologie an der Universität Wien.
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Was zeigt ein Gesamtüberblick? Transformation der Kirche heißt: Veränderung und Verwandlung. Sie verändert sich durch gesellschaftliche Prozesse und ihr eigenes Tun. Verwandlung heißt: Gott selbst gibt ihr den Geist, um die Veränderungen zu bestehen: Glaube, Hoffnung, Liebe, Leidensfähigkeit und Widerständigkeit, Mut und Kraft. ER gestaltet mit.
Die Teilnehmerinnen der Arbeitskreise zeigen ein sensibles Bewusstsein um die Lage der Kirche. Sie nehmen die Schwierigkeiten der Kirche klar wahr, in einer Großstadt und auf dem Land, das sich ebenfalls rasant verändert. Sie spüren die Nöte, die Krisen einer Gesellschaft im Umbruch, die Kommunikationsstörungen in der Kirche und zwischen Kirche und Gesellschaft.
Sie leiden am Bedeutungsverlust, am Mitgliederschwund, an der Sprache der Kirche, an Zeitmangel, sie schämen sich für das öffentliche Bild der Kirche. Sie sind mutig und benennen die strukturellen Schwierigkeiten der Kirche, die daran hindern, die gegenwärtigen Aufgaben zu bestehen.
Allem voran aber lieben sie ihre Kirche, erfahren sie als Heimat und möchten sie in eine gute Zukunft führen. Mitunter herrscht große Ratlosigkeit, wie das gehen kann.
Offenheit und SelbstkritikDie Aussagen beeindrucken in ihrer Offenheit und Bereitschaft zur Selbstkritik. Und immer wieder blitzen in den Texten brillante innovative Ideen und hoffnunggebende Erfahrungen auf. All dies ist ein Riesenpotential.
Aber: Warum werden die Entwicklungen in Europa, in der Welt, in Gesellschaft kaum explizit benannt? Wo sind die „Anderen” außerhalb der Kirche (Andersgläubige, Migrant/innen, Notleidende, Lehrlinge, Arbeiterinnen, Unternehmer, Politiker, ...)? Sie werden – mit Ausnahme des Teilbereichs Caritas – selten konkret beim Namen genannt.
Nicht-kirchliche Menschen werden allzu oft defizitär beschrieben: Die Anderen fehlen – oder ihnen fehlt etwas. Die Anderen entsprechen nicht dem, wie sie sein sollten. Die Potentiale werden kaum explizit beschrieben. Warum ist der Horizont so eng? Warum ist die Wahrnehmung so konzentriert auf binnenkirchliche Fragestellungen?
Die strukturellen Rahmenbedingungen werden als eher hinderlich erfahren. Sie dienen nicht immer der Pastoral; so manche Regel muss man erst menschenfreundlich auslegen, ehe man handeln kann. Das bindet Energie und blockiert den Horizont. Groß ist auch die Trauer, dass es nicht mehr so ist, wie es einmal war. Wo ist der Raum für diese Trauer? Wo denken wir nach, was wir aus der Vergangenheit in die Zukunft mitnehmen müssen – und was wir lassen können?
Ist vielleicht auch unser Bild von Gott zu enghorizontig? Gott erscheint in den Arbeitsgruppen als der liebende Gott, der dem Einzelnen unbedingt zugewandt ist. Zu dieser Sicht gibt es keine Alternative. Bloß: Wohin ist die Wahrnehmung des beunruhigenden Gottes verschwunden, der nicht nur einzelne, nicht nur die Kirche, sondern seine ganze Menschheit in die Freiheit führen und eine gerechte Welt schöpfen will?
Vielleicht weitet die Erinnerung an die biblischen Verheißungen den Horizont: Dass das Reich Gottes schon angebrochen und unaufhaltbar im Werden ist, auch hier und heute, in der Erzdiözese Wien und in der österreichischen Gesellschaft.
Teilbereich „Zeugnis” Die „Gruppenergebnisse” wurden auf Plakaten festgehalten. Regina Polak hat sie ausgewertet.
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„Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig.” So hören wir es im Petrusbrief. Diese Aufforderung verschränkt wunderschön die beiden Aspekte des Zeugnisgebens: Das Zeugnis des eigenen Lebens und seiner Hoffnungen und die Möglichkeit und Notwendigkeit, diese Lebensweise zu begründen.
Zeugnisgeben wird im Protokolltext als stärkste missionarische Kraft wahrgenommen. Die Kraft des Lebenszeugnisses wird als guter Grund für die Wahrheit des Glaubens verstanden. Diese Sicht steht in guter biblischer Tradition und konkretisiert Nachfolge Christi.
Als besondere Dimensionen werden genannt: Authentizität, Bereitschaft zum Dialog, das Verwurzeltsein des Glaubens in konkreten Erfahrungen, der Mut zum Bekenntnis und das Zeugnis der Nächstenliebe. All diese stehen in der Tradition des Lebens und Handelns Jesu Christi.
Gesellschaftlicher „Gegenwind”Als hinderlich werden genannt: Der „gesellschaftliche Gegenwind” und das „Alleinsein in der Gesellschaft”; Probleme mit der traditionellen Sprache und das Leiden an der Kirche; die als zu gering betrachtete Bildung in Glaubensfragen, der Argumentationsnotstand und eine zu wenig vertiefte Spiritualität. Hier braucht es die Unterstützung der Kirchenleitung und der Glaubensgemeinschaft vor Ort.
Ich riskiere ein paar Fragen: Zeugen be-zeugen den Glauben, den sie für wahr erkannt haben. Aber reichen Bekenntnisse? Bekenntnisse ohne Begründungen bleiben Behauptungen. Erfahrungen bleiben in ihrer Bedeutung im Dunkeln, wenn sie nicht befragt werden.
Im Wunsch nach mehr Bildung zeigt sich, dass die Leute das wissen: Das Zeugnis braucht auch gute und vernünftige Gründe. Was wollen wir mit unserem Zeugnis? Wir sind die Zeugen – die Anderen zu überzeugen? Sind nicht auch die Anderen Zeugen für den lebendigen Gott, vielleicht unerkannt, von denen wir lernen können? Ginge es nicht darum, einander zu begleiten in der gemeinsamen Suche nach der Wahrheit (Dekret über die Religionsfreiheit 5)?
Auch Strukturen, Organisationsformen, Leitungsstile geben Zeugnis, oft wirksamer als Personen. Warum ist das Zeugnis der Strukturen kein Thema? Und wofür gibt die Kirche und in ihr die Christen und Gruppen Zeugnis? Nach Lumen Gentium 1: „Für die Einheit Gottes mit der Menschheit und der Menschen untereinander.”
Ein gewaltiger Anspruch. Holen wir diesen ein? Einheit heißt nicht Uniformität, sondern einander in aller Differenz lieben und aneinander gerecht handeln. „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ,einer’ in Christus Jesus” (Gal 3,28).
(red)
11.03.2010 |