Ausgabe Nr. 37 - 12.09.2010
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Kirche auch für „Beginner”
Das Herz „weiten” und „katholischer” werden: Regens Christian Hennecke (Hildesheim) über Glaubensweitergabe, Christwerden als Prozess und pastorale Prioritäten.

© KNA
Kirchen-Vision für heute: Aus der Wüste aufbrechen, den Jordan überschreiten und den Einzug in das noch weithin unbekannte Land der Verheißung wagen.

In der konstantinischen Kirchengestalt wurde der Glauben weitergegeben, in der heutigen Zeit muss er weiterbezeugt werden. Wie kann das aussehen?

Hennecke:
Christwerden und Christsein ist eine Berufung, nicht ein Ergebnis einer bestimmten Herkunft, Pädagogik oder eines Milieus. Wenn es so ist, bleibt es ein Geschenk – eine Gnade. Ein solcher Weg bleibt unverfügbar, kann nicht durch irgendetwas anderes denn durch Gottes Liebe gewirkt werden.

Auf der anderen Seite aber gilt ganz deutlich: zum Christwerden braucht es Zeugen – also Menschen, die von ihrem Glauben und ihrer Erfahrung des Kircheseins erfüllt und begeistert sind und von ihm erzählen können.

Von daher braucht es heute Zeugen, Zellen und Zeichen: Menschen, die ihren Glauben durch ihr Leben und ihre Worte bezeugen, Orte und Gemeinschaften, in denen andere etwas von der Liebe und der Liebe Gottes erspüren können – und eine deutliche Mühe darum, den Menschen in dieser Welt nahe zu sein: ihre Freude und Hoffnung, ihre Trauer und Angst zu teilen, den Armen zu dienen – und „der Stadt Bestes zu suchen”.

Christwerden ist ein Prozess der Glaubensaneignung, der in Gemeinschaft geschieht. Sind unsere Gemeinden Biotope für solche Menschen?

Hennecke: Ich denke, diese Frage ist „objektiv” so nicht zu beantworten: Ob Gemeinden Biotope des Glaubens sind, ob Ordensgemeinschaften und Geistliche Bewegungen es sind, das entdecken suchende Menschen schnell.

Sie spüren, ob diese Orte etwas vom Geist Gottes atmen, ob hier Eucharistie so gefeiert wird, dass man genährt nach Hause geht, ob das Zeugnis der Liebe glaubwürdig ist – und ob Gastfreundschaft gegenüber Fremden, Anderen gelebt wird – und ob die Gemeinschaft offen und durch christliche Liebe geprägt ist.

Eine Kirchenerfahrung, eine Gemeindeerfahrung ist existenziell und führt in die Berührung mit Gott – oder sie ist belanglos für die Suchenden.

© Privat
Christian Hennecke ist Regens des Priesterseminars Hildesheim (Deutschland) sowie Leiter des Fachbereichs Missionarische Seelsorge und Autor des Buches „Kirche, die über den Jordan geht. Expeditionen ins Land der Verheißung”.

Wie können wir die Aufbrüche aufspüren? Welche Prioritäten der Pastoral legen sich nahe?

Hennecke: 
„Seht, ich schaffe etwas Neues, merkt ihr es nicht?” (Jes 43,18). Ich glaube, dass wir zum Aufspüren der Aufbrüche unser Herz weiten dürfen, „katholischer” werden sollten: Nicht nur hier bei uns in Österreich oder Deutschland, sondern auch in der Weltkirche wächst neues Leben – wir könnten davon lernen, was der Geist den Kirchen Asiens und Afrikas sagt.

Wir könnten lernen, was in Paris, Poitiers, London und Chicago geschieht, wir könnten auch ökumenisch den Blick wagen auf die Erfahrungen der missionarischen evangelischen Kirchen – und vielleicht sollten wir auch unvoreingenommener die charismatischen Aufbrüche in unserer eigenen Kirche wahrnehmen.

Es gehört zu unserer katholischen Identität, die Vielfalt und auch das Ungewohnte als Geistgeschenk zu entdecken. Keine Angst brauchen wir haben, denn Gott führt uns, „er schafft alles neu”. Und wir dürfen mit Paulus sagen: „Prüfet alles, bewahrt das Gute ... und löscht den Geist nicht aus.”

Wahrnehmen ist sicher eine erste Aufgabe der Pastoral heute: Sehen, was ist. Aber ich denke, das ist ein gemeinschaftlicher Unterscheidungsprozess mit allen Brüdern und Schwestern, zumal in vielen Christen, aber auch vielen Suchenden der Geist eine neue Sehnsucht nach einem neuen Weg des Kircheseins gelegt hat.

Ein Großteil der Christen von heute befindet sich faktisch im Katechumenats-Status, zitieren Sie in Ihrem Buch den damaligen Kardinal Joseph Ratzinger (bei einem Vortrag 2003 in Trier). Was bedeutet das für die seelsorgliche Praxis?


Hennecke: Der Katechumenat beschreibt den Weg des Christwerdens Erwachsener. In der Tat: Christwerden ist heute ein Prozess, der – zumindest in Europa – nicht durch die selbstverständliche Erstkommunion oder Firmung geschieht, sondern eher eine Frage an die Erwachsenen ist.

Die seelsorgliche Praxis hat hier einen fundamentalen Wandel zu vollziehen: Erwachsene stehen im Fokus der Glaubensverkündigung. Das bedeutet, es geht um Orte, an denen Menschen „Kirche für Beginner” erleben dürfen, an denen eine Gemeinschaft wächst, in der man langsam in die Tradition unseres Glaubens wachsen kann.

Es bedeutet deutlich mehr Verkündigungspraxis für Erwachsene, etwa nach dem Vorbild Kardinal Martinis in Mailand. Es bedeutet Glaubenskurse und Liturgien für Glaubensanfänger, wie sie im Katechumenat als „Stufenfeiern des Glaubens” beschrieben sind.

Und es bedeutet letztlich aber auch: sich darauf einrichten, dass neue Christen zu uns kommen, die nicht so ohne weiteres dieselbe  Kirchenwirklichkeit leben wollen, sondern neue Orte gemeindlichen Lebens in der Pfarrei schaffen. Das ist eine Herausforderung an die Vielfalt des Kircheseins, die wir als Bereicherung entdecken sollten.

(red)

11.03.2010

Kurz notiert

Sozialhilfe verbessern

Die Armutskonferenz hat auf Missstände beim Vollzug der Sozialhilfe hingewiesen und die Bundesländer zu raschen Verbesserungen aufgefordert.

Je nach Bundesland, je nach Bezirk, je nach Gemeinde herrschen in Österreich andere und „häufig willkürliche” Vollzugspraktiken, kritisiert die Armutskonferenz. Barrieren auf den Ämtern würden die Notsituation noch verlängern, „die Hilfe wird umso schwieriger und teurer”.