 Der Auftrag Jesu hieß auch, den Menschen diese Frohe Botschaft zu bringen.
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Gibt es Ähnlichkeiten zwischen der Zeit, in der die ”Apostel
Geschichte machten“, und heute?
Helga Kohler-Spiegel: Wir müssen in die Zeit damals eintauchen, um die
Ähnlichkeiten und auch die ”Knackpunkte“ zu verstehen.
Die Zeit Jesu und der ersten Gemeinden war eine Krisenzeit. Die römische
Besatzungsmacht herrschte in Israel, die kulturelle und religiöse Identität
war bedroht durch die Besatzung. Und die Menschen hofften, dass Gott endlich
eingreift, wie damals in der Knechtschaft in Ägypten, wie damals im Exil in
Babylon – und wie so oft. Die Menschen hofften, dass Gott endlich eingreifen
und die Welt verändern möge.
Jesus bringt diese Botschaft: Wo Menschen einander aufrichten und heilen
und versöhnen, wo Menschen leben wie Jesus und ihm nachfolgen, da verändert
die Welt ihr Gesicht, da ist das Reich Gottes schon da. Jesus, der
diese Botschaft bringt und lebt, wird durch Tod und Auferstehung selbst zur
Botschaft. ”Er lebt“, so verkünden die Frauen am Grab – und nach dem ersten
Schock beginnen die Jüngerinnen und Jünger, diese Botschaft weiterzugeben,
zuerst ängstlich und verhalten, dann immer mutiger – bis an die Grenzen der
damaligen Welt.
Damit sind wir mitten im Thema: Die Hoffnung, dass Gott das Gesicht dieser
Welt verändert, steht am Beginn des Weges Jesu und der Jesusbewegung. Diese
Hoffnung haben Menschen bis heute, denn – wie Dorothee Sölle einmal sagte –
”Die Hoffnungslosigkeit ist ein Luxus der Reichen.“
Der Geist Gottes, die Frohe Botschaft, nimmt ihren Weg – und dafür braucht
es Menschen. Die Apostelgeschichte bebildert die Erfahrung, dass ”Christus
keine Hände hat außer: unsere Hände“, dass wir Menschen das froh-machende
Wort weitertragen – oder zerstörerische Botschaften.
Was sind die Knackpunkte der Apostelgeschichte – damals?
Kohler-Spiegel: Die Apostelgeschichte ist ”Band zwei“ zum
Lukasevangelium. Vom selben Verfasser geschrieben, zeigt das Lukasevangelium
den Weg Jesu, aus der jüdischen Hoffnung, dass doch endlich der Messias
kommt, dass Gott endlich das Gesicht dieser Welt zum Guten verändert.
Die treibende Kraft für diesen Weg ist der Geist Gottes, die ersten
Christinnen und Christen folgen diesem Geist – meistens.
Und die ersten Christinnen und Christen müssen zahlreiche Überraschungen
hinnehmen. Immer wieder erleben sie, dass ihre Vorstellungen, wie der Glaube
seinen Weg in die Welt nimmt, irritiert und verändert werden. Immer wieder
müssen sie umdenken, die Grenzen ihrer eigenen Vorstellungen und Prägungen
überschreiten.
Lukas erzählt aus seiner Perspektive, mit seiner Erzählabsicht. Dazu gibt
es viel zu sagen, vorrangig kann betont werden, dass Lukas bereits
zurückschaut auf die damalige Zeit und idealisierend den Anfang erzählt. Wie
ein Paar nach einigen Jahren Ehe zurückschaut auf den Beginn, oder Eltern
mit pubertierenden Kindern sich erzählen, wie der Anfang war, wie schön es
mit den Kindern war, als sie jung und klein waren ...
Damit kann auch deutlich werden: Christinnen und Christen, damals wie
heute, brauchen die Erzählungen und die Erinnerungen vom ”guten Anfang“. Die
Apostelgeschichte erzählt dann aber auch von Konflikten und Schwierigkeiten,
von Auseinandersetzung und von Versöhnung, sie erzählt immer wieder, dass
der Geist Gottes, dass der ”Ich-bin-da“ weiterhin da ist, dass Gott die
Menschen begleitet.
Lukas erzählt – aus seiner Perspektive – den Weg des Paulus. Die
Lebenswende des Paulus macht deutlich, dass sich in der Begegnung mit Gott
das ganze Leben verändern kann. Diese Lebenswende ist nicht einfach, er
verliert Sicherheit und Freunde, er muss sich völlig neu orientieren – das
sagt sich alles so leicht.
Wo sehen Sie die Stärken der Jerusalemer Gemeinde, der
Hellenisten und des Paulus aus der Sicht der Apostelgeschichte? Was bedeutet
das für die Verkündigung heute?
Kohler-Spiegel: Ich sprach vom Überschreiten eigener Vorstellungen. Die
verschiedenen Gruppen hatten ihre Prägungen und ihre Vorstellungen von dem,
was zu tun ist, wie man das Leben ”richtig“ lebt. Während die Jerusalemer
Gemeinde ihre Heimat im Jüdischen hat, sind die Hellenisten mehr im
Griechischen zuhause.
Paulus hat aufgrund seiner Biographie den Vorteil, dass er in zwei Kulturen
und in zwei Sprachen groß geworden war, dass er in der griechischen Kultur,
wie sie damals den östlichen Mittelmeerraum geprägt hat, zuhause war, und
dass er ebenso jüdisch erzogen und ausgebildet war. Bikulturell zu sein war
seine große Stärke.
Und damit lehrt uns die Apostelgeschichte auch von Beginn an: Verkündigung
muss anknüpfen an die Bilder der jeweils angesprochenen Menschen. Wenn uns
Lukas eine Predigt von Petrus auf dem Tempelplatz in Jerusalem überliefert,
dann ist diese von der Sprache und den Bildern des Alten Testaments, der
Tora, geprägt. Und wenn Paulus in Athen spricht, dann knüpft er an die
religiösen Vorstellungen und populären Überzeugungen seiner griechisch
(genauer gesagt: ”hellenistisch“) geprägten Zuhörerinnen und Zuhörer an.
Mission war das Thema der Apostelgeschichte. Wie kann Mission heute
nach biblischem Vorbild gelingen? Worauf kommt es an? Die Handelnden damals
waren immerhin alle burning persons?
Kohler-Spiegel: Die Zeit damals war eine Multi-Kulti-Zeit, das römische
Reich war religiös und kulturell ungemein bunt. Wer die Staatsmacht Rom
anerkannte, konnte religiös den eigenen Weg gehen. So gab es eine enorme
Vielfalt an Religionen und Kulten.
Die junge Kirche weiß sich als Teil dieser Welt, nicht abgeschottet oder
abgegrenzt, sondern mitten in der damaligen Welt. Der Glaube und die
Gemeinschaft geben Identität: die Feier von Brot und Wein, das Lesen der
Tora, das gemeinsame Gebet zum Vater. Beten, Fasten und Almosen Geben
blieben aus dem Jüdischen erhalten, diakonisches Handeln hat seine Wurzel in
Jesus.
Der Auftrag Jesu hieß auch, den Menschen diese Frohe Botschaft zu bringen,
dass wir nicht mehr auf das Reich Gottes warten müssen, sondern dass Gott
bzw. das Reich Gottes schon mitten unter ist, wenn wir so leben wie Jesus
und ihm nachfolgen. Und diese Botschaft tragen die ”Mitarbeiter“ und
”Mitarbeiterinnen“, wie Paulus diejenigen nennt, die als Missionare tätig
sind, weiter.
Die Handelnden alle als ”burning persons“ zu bezeichnen, bin ich etwas
vorsichtig. Die Verschiedenheit der Menschen war damals wie heute groß – und
obwohl Lukas den Anfang der ”Kirche“ idealisiert, wird unterschiedliches
Engagement von Christen sichtbar.
Was unterscheidet die (sogenannten) Heiden damals und heute? Wie
kann den Getauften, die das Evangelium selten, und jenen, die das Evangelium
noch nie gehört haben, das Evangelium (neu) verkündet werden?
Kohler-Spiegel: Diejenigen, die wir in der Tradition ”Heiden“ nennen,
sind Menschen, die einer anderen Religion oder einem anderen Kult zugehörig
waren. Ein Teil von ihnen war dem Jüdischen nahestehend, ohne Jude oder
Jüdin zu sein, ein anderer Teil hing griechischen oder kleinasiatischen
Religionen an.
Das Interesse an Religion war insgesamt groß, die Vielfalt im Religiösen
war aber selbstverständlich. Die ersten Christinnen und Christen gingen
davon aus, dass es überall in der damaligen Welt kleine Gemeinden geben
sollte oder bereits gab, in denen die Frohe Botschaft gelebt und weitergeben
wurde.
Damit war die Möglichkeit gegeben, dass Menschen den Glauben an Christus –
in der Vielfalt der Religionen – kennenlernen konnten, das genügte. Menschen
können in der Verkündigung den Glauben unterstützen, neutestamentlich bleibt
Glaube letztlich ein Geschenk.
Interview: Stefan Kronthaler
(Stefan Kronthaler)
15.10.2009 |