Ausgabe Nr. 05 - 05.02.2012
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Weil Gott uns braucht
Dr. Helga Kohler-Spiegel, Vortragende bei der 1. Diözesanversammlung (22. bis 24. Oktober im Stephansdom), über die ”Knackpunkte der Apostelgeschichte damals“ und wie Mission heute gelingen kann.

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Der Auftrag Jesu hieß auch, den Menschen diese Frohe Botschaft zu bringen.

Gibt es Ähnlichkeiten zwischen der Zeit, in der die ”Apostel Geschichte machten“,  und heute?

Helga Kohler-Spiegel:
Wir müssen in die Zeit damals eintauchen, um die Ähnlichkeiten und auch die ”Knackpunkte“ zu verstehen.

Die Zeit Jesu und der ersten Gemeinden war eine Krisenzeit. Die römische Besatzungsmacht herrschte in Israel, die kulturelle und religiöse Identität war bedroht durch die Besatzung. Und die Menschen hofften, dass Gott endlich eingreift, wie damals in der Knechtschaft in Ägypten, wie damals im Exil in Babylon – und wie so oft. Die Menschen hofften, dass Gott endlich eingreifen und die Welt verändern möge.

Jesus bringt diese Botschaft: Wo Menschen einander aufrichten und heilen und versöhnen, wo Menschen leben wie Jesus und ihm nachfolgen, da verändert die Welt ihr Gesicht, da ist das Reich Gottes schon da.  Jesus, der diese Botschaft bringt und lebt, wird durch Tod und Auferstehung selbst zur Botschaft. ”Er lebt“, so verkünden die Frauen am Grab – und nach dem ersten Schock beginnen die Jüngerinnen und Jünger, diese Botschaft weiterzugeben, zuerst ängstlich und verhalten, dann immer mutiger – bis an die Grenzen der damaligen Welt.

Damit sind wir mitten im Thema: Die Hoffnung, dass Gott das Gesicht dieser Welt verändert, steht am Beginn des Weges Jesu und der Jesusbewegung. Diese Hoffnung haben Menschen bis heute, denn – wie Dorothee Sölle einmal sagte – ”Die Hoffnungslosigkeit ist ein Luxus der Reichen.“

Der Geist Gottes, die Frohe Botschaft, nimmt ihren Weg – und dafür braucht es Menschen. Die Apostelgeschichte bebildert die Erfahrung, dass ”Christus keine Hände hat außer: unsere Hände“, dass wir Menschen das froh-machende Wort weitertragen – oder zerstörerische Botschaften.

Was sind die Knackpunkte der Apostelgeschichte – damals?

Kohler-Spiegel:
Die Apostelgeschichte ist ”Band zwei“ zum Lukasevangelium. Vom selben Verfasser geschrieben, zeigt das Lukasevangelium den Weg Jesu, aus der jüdischen Hoffnung, dass doch endlich der Messias kommt, dass Gott endlich das Gesicht dieser Welt zum Guten verändert. 

Die treibende Kraft für diesen Weg ist der Geist Gottes, die ersten Christinnen und Christen folgen diesem Geist – meistens.

Und die ersten Christinnen und Christen müssen zahlreiche Überraschungen hinnehmen. Immer wieder erleben sie, dass ihre Vorstellungen, wie der Glaube seinen Weg in die Welt nimmt, irritiert und verändert werden. Immer wieder müssen sie umdenken, die Grenzen ihrer eigenen Vorstellungen und Prägungen überschreiten.

Lukas erzählt aus seiner Perspektive, mit seiner Erzählabsicht. Dazu gibt es viel zu sagen, vorrangig kann betont werden, dass Lukas bereits zurückschaut auf die damalige Zeit und idealisierend den Anfang erzählt. Wie ein Paar nach einigen Jahren Ehe zurückschaut auf den Beginn, oder Eltern mit pubertierenden Kindern sich erzählen, wie der Anfang war, wie schön es mit den Kindern war, als sie jung und klein waren ... 

Damit kann auch deutlich werden: Christinnen und Christen, damals wie heute, brauchen die Erzählungen und die Erinnerungen vom ”guten Anfang“. Die Apostelgeschichte erzählt dann aber auch von Konflikten und Schwierigkeiten, von Auseinandersetzung und von Versöhnung, sie erzählt immer wieder, dass der Geist Gottes, dass der ”Ich-bin-da“ weiterhin da ist, dass Gott die Menschen begleitet. 

Lukas erzählt – aus seiner Perspektive – den Weg des Paulus. Die Lebenswende des Paulus macht deutlich, dass sich in der Begegnung mit Gott das ganze Leben verändern kann. Diese Lebenswende ist nicht einfach, er verliert Sicherheit und Freunde, er muss sich völlig neu orientieren – das sagt sich alles so leicht.


Wo sehen Sie die Stärken der Jerusalemer Gemeinde, der Hellenisten und des Paulus aus der Sicht der Apostelgeschichte? Was bedeutet das für die Verkündigung heute?

Kohler-Spiegel:
Ich sprach vom Überschreiten eigener Vorstellungen. Die verschiedenen Gruppen hatten ihre Prägungen und ihre Vorstellungen von dem, was zu tun ist, wie man das Leben ”richtig“ lebt. Während die Jerusalemer Gemeinde ihre Heimat im Jüdischen hat, sind die Hellenisten mehr im Griechischen zuhause.

Paulus hat aufgrund seiner Biographie den Vorteil, dass er in zwei Kulturen und in zwei Sprachen groß geworden war, dass er in der griechischen Kultur, wie sie damals den östlichen Mittelmeerraum geprägt hat, zuhause war, und dass er ebenso jüdisch erzogen und ausgebildet war. Bikulturell zu sein war seine große Stärke.

Und damit lehrt uns die Apostelgeschichte auch von Beginn an: Verkündigung muss anknüpfen an die Bilder der jeweils angesprochenen Menschen. Wenn uns Lukas eine Predigt von Petrus auf dem Tempelplatz in Jerusalem überliefert, dann ist diese von der Sprache und den Bildern des Alten Testaments, der Tora, geprägt. Und wenn Paulus in Athen spricht, dann knüpft er an die religiösen Vorstellungen und populären Überzeugungen seiner griechisch (genauer gesagt: ”hellenistisch“) geprägten Zuhörerinnen und Zuhörer an.

Mission war das Thema der Apostelgeschichte. Wie kann Mission heute nach biblischem Vorbild gelingen? Worauf kommt es an? Die Handelnden damals waren immerhin alle burning persons?

Kohler-Spiegel:
Die Zeit damals war eine Multi-Kulti-Zeit, das römische Reich war religiös und kulturell ungemein bunt. Wer die Staatsmacht Rom anerkannte, konnte religiös den eigenen Weg gehen. So gab es eine enorme Vielfalt an Religionen und Kulten.

Die junge Kirche weiß sich als Teil dieser Welt, nicht abgeschottet oder abgegrenzt, sondern mitten in der damaligen Welt. Der Glaube und die Gemeinschaft geben Identität: die Feier von Brot und Wein, das Lesen der Tora, das gemeinsame Gebet zum Vater. Beten, Fasten und Almosen Geben blieben aus dem Jüdischen erhalten, diakonisches Handeln hat seine Wurzel in Jesus. 

Der Auftrag Jesu hieß auch, den Menschen diese Frohe Botschaft zu bringen, dass wir nicht mehr auf das Reich Gottes warten müssen, sondern dass Gott bzw. das Reich Gottes schon mitten unter ist, wenn wir so leben wie Jesus und ihm nachfolgen. Und diese Botschaft tragen die ”Mitarbeiter“ und ”Mitarbeiterinnen“, wie Paulus diejenigen nennt, die als Missionare tätig sind, weiter.

Die Handelnden alle als ”burning persons“ zu bezeichnen, bin ich etwas vorsichtig. Die Verschiedenheit der Menschen war damals wie heute groß – und obwohl Lukas den Anfang der ”Kirche“ idealisiert, wird unterschiedliches Engagement von Christen sichtbar.


Was unterscheidet die (sogenannten) Heiden damals und heute? Wie kann den Getauften, die das Evangelium selten, und jenen, die das Evangelium noch nie gehört haben, das Evangelium (neu) verkündet werden?

Kohler-Spiegel:
Diejenigen, die wir in der Tradition ”Heiden“ nennen, sind Menschen, die einer anderen Religion oder einem anderen Kult zugehörig waren. Ein Teil von ihnen war dem Jüdischen nahestehend, ohne Jude oder Jüdin zu sein, ein anderer Teil hing griechischen oder kleinasiatischen Religionen an.

Das Interesse an Religion war insgesamt groß, die Vielfalt im Religiösen war aber selbstverständlich. Die ersten Christinnen und Christen gingen davon aus, dass es überall in der damaligen Welt kleine Gemeinden geben sollte oder bereits gab, in denen die Frohe Botschaft gelebt und weitergeben wurde.

Damit war die Möglichkeit gegeben, dass Menschen den Glauben an Christus – in der Vielfalt der Religionen – kennenlernen konnten, das genügte. Menschen können in der Verkündigung den Glauben unterstützen, neutestamentlich bleibt Glaube letztlich ein Geschenk.
        Interview: Stefan Kronthaler

(Stefan Kronthaler)

15.10.2009

Kurz notiert

Klingendes Klosterneuburg

Junge Künstler aus Nachbarländern Österreichs bis hin zu Japan gestalten eine neue Konzertreihe des Stiftes Klosterneuburg in Zusammenarbeit mit Wiener Kulturinstituten.

An sieben Abenden musizieren die Künstler im barocken Augustinussaal des Chorherrenstiftes.

Den Auftakt bildet ein Konzert mit der aus Japan stammenden Pianistin Yuumi Yamaguchi am 2. Februar; den Abschluss macht am 18. Oktober die tschechische Mezzosopranistin Barbora Polaskova.

Die Vorführungen beginnen um 19 Uhr.

Programm: www.stift-klosterneuburg.at