 Das Fragen ist in jüdischer und christlicher Tradition eine, wenn nicht überhaupt DIE Form des Glaubenlernens schlechthin: Jesu Umgang mit Menschen ist gekennzeichnet von Fragen.
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Ein Bischof geht hin und ”verordnet“ seiner Diözese die Aufgabe Mission. Er
schreibt nicht vor, wie das zu geschehen hat. Vielmehr geht er das Risiko
ein, den Gläubigen Fragen zu stellen – Fragen, zu denen das Evangelium
inspiriert. Er fragt in seinem Hirtenbrief Frauen, Männer, Jugendliche (und
Kinder?), worüber sie ”unmöglich schweigen können“ (Apg 4,20).
Er fragt nach den zeitgenössischen Dimensionen des Glaubenslebens und lädt
ein, gemeinsam nachzudenken. Das ist mutig: Denn wer fragt, geht das Risiko
ein, nicht nur erwünschte, sondern auch unerwartete, unangenehme, kritische
Antworten oder gar Rückfragen zu bekommen. Doch ist das Fragen in jüdischer
und christlicher Tradition eine, wenn nicht DIE Form des Glaubenlernens.
Jesu Umgang mit Menschen ist gekennzeichnet von Fragen.
Was die Menschen wirklich umtreibt
Die Reaktionen in der Erzdiözese sind ambivalent. Zunehmend mehr
Christ/innen erkennen die Wiederentdeckung der missionarischen Dimension des
Glaubens als Aufgabe der Stunde in einer Gesellschaft sozialer und
religiöser Umbrüche. So mancher fühlt sich aber auch durch die Fragen
kritisiert: ”Haben wir bisher zu wenig, das Falsche getan?“ Viele haben den
Eindruck: ”Jetzt kommt zu allem, was wir ohnedies bereits tun, noch etwas
dazu. Wie sollen wir die vielen Aufgaben schaffen“? Der Missionsauftrag wird
als Zusatzbelastung erlebt. Bei nicht wenigen kommen bei dem Wort ”Mission“
schlechte Erinnerungen hoch – an die Geschichte christlicher Mission, die
auch von all zu viel Gewalt geprägt war.
Nicht zu Unrecht ist man skeptisch, vorsichtig, kritisch. Befürchtet wird
die Verengung des Missionsbegriffs auf Wort-Verkündigung, auf allzu
leidenschaftliches, unreflektiertes Überzeugen-Wollen, ein Konkurrenzkampf
um Mitglieder in religiös pluraler Gesellschaft.
Das sind unverzichtbare Sorgen, die auch auf der Versammlung Reflexionszeit
brauchen. Dazu kommt ein kirchlicher Kontext, der von (vielfach ungesagten)
Konflikten, Verletzungen, auch Misstrauen geprägt ist; ebenso von zum Teil
polarisierter, noch nicht versöhnter Pluralität in der Kirche.
Die Versammlung bietet die Chance, einander abseits der üblichen Themen und
Aufgaben besser kennen und verstehen zu lernen – in dem, was die Menschen in
der Tiefe ihres Herzens umtreibt.
Auch die gesellschaftliche Situation ist schwierig: Die Transformation von
Religiosität und Glaube, die Veränderungen des Kirchenbezugs, das Ende einer
bewährten Gestalt von Kirche in Österreich – der Volkskirche, zu der man
gehören (musste) und die das kulturelle und öffentliche Leben prägte –
belasten viele. Der damit verbundene Machtverlust wird (noch) nicht überall
als Chance wahrgenommen: Chance auf Selbsterneuerung aus dem Evangelium, dem
Geist Christi und der Tradition; Chance, das Glaubensleben zu vertiefen;
Chance, den Dienst der Kirche in der Gesellschaft zielsicherer werden zu
lassen.
Diese Versammlung ist ein Schritt auf dem Weg, diese Chancen zu realisieren.
Raum braucht es aber auch für Trauer über diesen Abschied; Raum, zu sagen,
was man in die Zukunft aus der Tradition unbedingt mitnehmen möchte.
”Sich erneuern“ ist ein Muss
Die Kirche hat sich im Zweiten Vatikanischen Konzil verpflichtet, ”nach den
Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten“.
(GS 3)
Sie versteht sich dabei auch als eine Kirche, die sich immer erneuern kann,
darf und muss.
Reform heißt: sich des Ursprungs der Kirche ”in Christus“ erinnern; sich im
Horizont der ”Zeichen der Zeit“ weiterentwickeln; und vom Geist Gottes
verwandeln lassen. Die Konzeption der ersten Diözesanversammlung atmet
diesen Geist.
Bei aller kritischen Distanz zeigt die hohe Beteiligung (500 Pfarren, Orden,
Bewegungen, Kategoriale Seelsorge), dass die Gläubigen dies verstanden
haben, neugierig und offen dafür sind. Indem der Erzbischof von Wien einen
solchen Raum eröffnet, tut er das, was er von Amts wegen tun ”muss“: Er
leitet. Das meint: Er spannt einen Raum auf, in dem die Gläubigen der
Diözese ihre Charismen und Erfahrungen, Fragen, Sorgen, Freuden und Nöte,
Kritik und Ermutigung einbringen können.
Die Chance, nicht medial, sondern ”face-to-face“ zu kommunizieren ist die
besondere Stärke dabei. Gelingen kann dies, wenn alle bereit sind,
aufrichtig, aufmerksam und achtsam miteinander umzugehen.
Das bedeutet genau und geduldig zuhören, verstehen wollen und nicht gleich
urteilen; es bedeutet, auch Unangenehmes anzusprechen, aber ohne Angriff und
Verurteilung. Ob eine solche Gesprächskultur gelingt, hängt hier von der
Leitung der Gesprächsgruppen ab.
Vielfältigkeit der Arbeitsgruppen
Mission ist eine Grunddimension christlichen Glaubenslebens – nicht nur in
Zeiten sich leerender Kirchenbänke. Daran erinnert der ganze Prozess ”Apg
2010“. ChristInnen sind gesandt zu evangelisieren – mit Evangelii Nuntiandi
(1974) heißt das, ”die Frohbotschaft in alle Bereiche der Menschheit zu
tragen und sie durch deren Einfluss von innen her umzuverwandeln und die
Menschheit selbst zu erneuern“. Dies geschieht in Tat und Wort: durch das
Zeugnis des Lebens, durch das Feiern der Sakramente, durch die Sorge um
Menschen in prekären Lebenssituationen und eine gerechte Gesellschaft sowie
die ausdrückliche Wort-Verkündigung.
All diesen Aspekten zollen die Fragen der Arbeitsgruppen Rechnung. Die
Vieldimensionalität des Missions-Prozesses bildet sich in den
Fragestellungen der Arbeitsgruppen ab.
Die diakonale Dimension von Mission ist ebenso präsent wie die Frage nach
der Vernünftigkeit des Glaubens, die gesellschaftliche Verantwortung der
Kirche oder die spirituelle Verwurzelung in Christus. Bitte vergessen Sie
nicht auf die politischen Themen, die strukturellen Fragen nach der
Gerechtigkeit in Kirche und Gesellschaft. Auch der große ökumenische
Horizont – die anderen christlichen Konfessionen, anderen Kulturen und
Religionen, die globalen Herausforderungen – sind als Gesprächskontext
wichtig. Und: (Wie) Hat auch der konkrete pastorale Alltag der
TeilnehmerInnen Platz, in dem sich ja der Glaube konkret bewährt?
Mission ”nach innen“
Zur Mission gehört auch die Missio ad intra – die Selbstevangelisierung der
Gläubigen. Mission braucht auch die Erneuerung nach innen, die Vertiefung
und Verwandlung des eigenen Glaubenlebens durch Gott, der der ”erste
Missionar“ ist.
Die erste Diözesanversammlung legt ihren Schwerpunkt auf diesen Aspekt der
Mission. Sie eröffnet einen Raum der Selbstreflexion, der
Selbstvergewisserung, der Selbstevangelisierung.
Sie tut dies durch Orientierung an der Schrift sowie durch gemeinsames
Liturgiefeiern. Sie tut dies vor allem durch die Präsenz ”der
Anderen“: der Glaubensbrüder und –schwestern der Erzdiözese sowie
durch den Blick auf die ”Zeichen der Zeit“.
Neugierig auf die ”Anderen“?
Dies setzt voraus, neugierig auf ”die Anderen“ zu sein; bereit auch,
voneinander zu lernen und sich voneinander in Frage stellen zu lassen.
Neben der Suche nach Gemeinsamkeiten wird für das Gelingen entscheidend
sein, ob man üben kann, in Differenzen keine Bedrohung zu sehen, sondern
Möglichkeiten des (mitunter schmerzlichen) Lernens. Versteht man Kirche als
”Lerngemeinschaft“, so bietet diese Versammlung eine ausgezeichnete
Möglichkeit dazu. Der Missionsauftrag (Mt 28, 19-20) ist ja vor aller
Verkündigung Auftrag dazu, alle zu ”Jüngern zu machen“ – griechisch
”matetes“ – also zu Lernenden.
Die Versammlung bietet dazu inmitten des Alltags eine Art ”Lernumgebung“:
Zeit und Raum zum Wahrnehmen und Zuhören, zum Innehalten, zum Nachdenken
über scheinbar Selbstverständliches oder Vergessenes, zum gemeinsamen Beten
und Feiern.
Stärke und Risiko der Versammlung
Die Versammlung zielt nicht auf rasche und unmittelbare Ergebnisse oder
Umsetzungen. Das ist ihre Stärke – und ihr Risiko. Ungeplantes kann
geschehen, Konflikte können auftauchen, Fragen gestellt werden, für die es
nicht sofort Lösungen, Antworten gibt. Unzufriedenheit, weil nicht sofort
etwas geschieht.
Hier ist einerseits disziplinierte Leitung erforderlich, andererseits De-Mut
und Lang-Mut aller, sowie die Bereitschaft, sich auf einen Prozess
einzulassen und ihn kritisch-loyal mitzugestalten. Die erste Versammlung ist
ein Schritt auf dem Weg. Zugleich sind Bischof und Projektleitung gefordert,
mit den zu sichernden Ergebnissen sorgsam und verantwortungsbewusst
umzugehen.
Was geschieht mit den Ergebnissen, Fragen, den Sorgen, den Wünschen? Wie
geht der Prozess weiter? Hier braucht es eine kritische Auswertung,
Transparenz, Kommunikation und Leitung.
Die Versammlung ist theologisch gesehen, eine Chance, zu hören, was der
Geist den Gemeinden sagen möchte. Ob dies gelingt, hängt auch davon ab, was
alle Teilnehmenden mit- und einbringen.
Regina Polak
15.10.2009 |