Ausgabe Nr. 05 - 05.02.2012
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Chancen und Risken der ersten Diözesanversammlung ”Apostelgeschichte 2010“
Überlegungen von Pastoraltheologin Dr. Regina Polak .

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Das Fragen ist in jüdischer und christlicher Tradition eine, wenn nicht überhaupt DIE Form des Glaubenlernens schlechthin: Jesu Umgang mit Menschen ist gekennzeichnet von Fragen.


Ein Bischof geht hin und ”verordnet“ seiner Diözese die Aufgabe Mission. Er schreibt nicht vor, wie das zu geschehen hat. Vielmehr geht er das Risiko ein, den Gläubigen Fragen zu stellen – Fragen, zu denen das Evangelium inspiriert. Er fragt in seinem Hirtenbrief Frauen, Männer, Jugendliche (und Kinder?), worüber sie ”unmöglich schweigen können“ (Apg 4,20).

Er fragt nach den zeitgenössischen Dimensionen des Glaubenslebens und lädt ein, gemeinsam nachzudenken. Das ist mutig: Denn wer fragt, geht das Risiko ein, nicht nur erwünschte, sondern auch unerwartete, unangenehme, kritische Antworten oder gar Rückfragen zu bekommen. Doch ist das Fragen in jüdischer und christlicher Tradition eine, wenn nicht DIE Form des Glaubenlernens. Jesu Umgang mit Menschen ist gekennzeichnet von Fragen.

Was die Menschen wirklich umtreibt
Die Reaktionen in der Erzdiözese sind ambivalent. Zunehmend mehr Christ/innen erkennen die Wiederentdeckung der missionarischen Dimension des Glaubens als Aufgabe der Stunde in einer Gesellschaft sozialer und religiöser Umbrüche. So mancher fühlt sich aber auch durch die Fragen kritisiert: ”Haben wir bisher zu wenig, das Falsche getan?“ Viele haben den Eindruck: ”Jetzt kommt zu allem, was wir ohnedies bereits tun, noch etwas dazu. Wie sollen wir die vielen Aufgaben schaffen“? Der Missionsauftrag wird als Zusatzbelastung erlebt. Bei nicht wenigen kommen bei dem Wort ”Mission“ schlechte Erinnerungen hoch – an die Geschichte christlicher Mission, die auch von all zu viel Gewalt geprägt war.

Nicht zu Unrecht ist man skeptisch, vorsichtig, kritisch. Befürchtet wird die Verengung des Missionsbegriffs auf Wort-Verkündigung, auf allzu leidenschaftliches, unreflektiertes Überzeugen-Wollen, ein Konkurrenzkampf um Mitglieder in religiös pluraler Gesellschaft.

Das sind unverzichtbare Sorgen, die auch auf der Versammlung Reflexionszeit brauchen. Dazu kommt ein kirchlicher Kontext, der von (vielfach ungesagten) Konflikten, Verletzungen, auch Misstrauen geprägt ist; ebenso von zum Teil polarisierter, noch nicht versöhnter Pluralität in der Kirche.

Die Versammlung bietet die Chance, einander abseits der üblichen Themen und Aufgaben besser kennen und verstehen zu lernen – in dem, was die Menschen in der Tiefe ihres Herzens umtreibt.

Auch die gesellschaftliche Situation ist schwierig: Die Transformation von Religiosität und Glaube, die Veränderungen des Kirchenbezugs, das Ende einer bewährten Gestalt von Kirche in Österreich – der Volkskirche, zu der man gehören (musste) und die das kulturelle und öffentliche Leben prägte – belasten viele. Der damit verbundene Machtverlust wird (noch) nicht überall als Chance wahrgenommen: Chance auf Selbsterneuerung aus dem Evangelium, dem Geist Christi und der Tradition; Chance, das Glaubensleben zu vertiefen; Chance, den Dienst der Kirche in der Gesellschaft zielsicherer werden zu lassen.

Diese Versammlung ist ein Schritt auf dem Weg, diese Chancen zu realisieren. Raum braucht es aber auch für Trauer über diesen Abschied; Raum, zu sagen, was man in die Zukunft aus der Tradition unbedingt mitnehmen möchte.

”Sich erneuern“ ist ein Muss
Die Kirche hat sich im Zweiten Vatikanischen Konzil verpflichtet, ”nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten“. (GS 3)

Sie versteht sich dabei auch als eine Kirche, die sich immer erneuern kann, darf und muss.

Reform heißt: sich des Ursprungs der Kirche ”in Christus“ erinnern; sich im Horizont der ”Zeichen der Zeit“ weiterentwickeln; und vom Geist Gottes verwandeln lassen. Die Konzeption der ersten Diözesanversammlung atmet diesen Geist.

Bei aller kritischen Distanz zeigt die hohe Beteiligung (500 Pfarren, Orden, Bewegungen, Kategoriale Seelsorge), dass die Gläubigen dies verstanden haben, neugierig und offen dafür sind. Indem der Erzbischof von Wien einen solchen Raum eröffnet, tut er das, was er von Amts wegen tun ”muss“: Er leitet. Das meint: Er spannt einen Raum auf, in dem die Gläubigen der Diözese ihre Charismen und Erfahrungen, Fragen, Sorgen, Freuden und Nöte, Kritik und Ermutigung einbringen können.

Die Chance, nicht medial, sondern ”face-to-face“ zu kommunizieren ist die besondere Stärke dabei. Gelingen kann dies, wenn alle bereit sind, aufrichtig, aufmerksam und achtsam miteinander umzugehen.

Das bedeutet genau und geduldig zuhören, verstehen wollen und nicht gleich urteilen; es bedeutet, auch Unangenehmes anzusprechen, aber ohne Angriff und Verurteilung. Ob eine solche Gesprächskultur gelingt, hängt hier von der Leitung der Gesprächsgruppen ab.

Vielfältigkeit der Arbeitsgruppen
Mission ist eine Grunddimension christlichen Glaubenslebens – nicht nur in Zeiten sich leerender Kirchenbänke. Daran erinnert der ganze Prozess ”Apg 2010“. ChristInnen sind gesandt zu evangelisieren – mit Evangelii Nuntiandi (1974) heißt das, ”die Frohbotschaft in alle Bereiche der Menschheit zu tragen und sie durch deren Einfluss von innen her umzuverwandeln und die Menschheit selbst zu erneuern“. Dies geschieht in Tat und Wort: durch das Zeugnis des Lebens, durch das Feiern der Sakramente, durch die Sorge um Menschen in prekären Lebenssituationen und eine gerechte Gesellschaft sowie die ausdrückliche Wort-Verkündigung.

All diesen Aspekten zollen die Fragen der Arbeitsgruppen Rechnung. Die Vieldimensionalität des Missions-Prozesses bildet sich in den Fragestellungen der Arbeitsgruppen ab.

Die diakonale Dimension von Mission ist ebenso präsent wie die Frage nach der Vernünftigkeit des Glaubens, die gesellschaftliche Verantwortung der Kirche oder die spirituelle Verwurzelung in Christus. Bitte vergessen Sie nicht auf die politischen Themen, die strukturellen Fragen nach der Gerechtigkeit in Kirche und Gesellschaft. Auch der große ökumenische Horizont – die anderen christlichen Konfessionen, anderen Kulturen und Religionen, die globalen Herausforderungen – sind als Gesprächskontext wichtig. Und: (Wie) Hat auch der konkrete pastorale Alltag der TeilnehmerInnen Platz, in dem sich ja der Glaube konkret bewährt?

Mission ”nach innen“
Zur Mission gehört auch die Missio ad intra – die Selbstevangelisierung der Gläubigen. Mission braucht auch die Erneuerung nach innen, die Vertiefung und Verwandlung des eigenen Glaubenlebens durch Gott, der der ”erste Missionar“ ist.

Die erste Diözesanversammlung legt ihren Schwerpunkt auf diesen Aspekt der Mission. Sie eröffnet einen Raum der Selbstreflexion, der Selbstvergewisserung, der Selbstevangelisierung.

Sie tut dies durch Orientierung an der Schrift sowie durch gemeinsames Liturgiefeiern. Sie tut dies vor allem durch die Präsenz ”der Anderen“:  der Glaubensbrüder und –schwestern der Erzdiözese sowie durch den Blick auf die ”Zeichen der Zeit“.

Neugierig auf die ”Anderen“?
Dies setzt voraus, neugierig auf ”die Anderen“ zu sein; bereit auch, voneinander zu lernen und sich voneinander in Frage stellen zu lassen.

Neben der Suche nach Gemeinsamkeiten wird für das Gelingen entscheidend sein, ob man üben kann, in Differenzen keine Bedrohung zu sehen, sondern Möglichkeiten des (mitunter schmerzlichen) Lernens. Versteht man Kirche als ”Lerngemeinschaft“, so bietet diese Versammlung eine ausgezeichnete Möglichkeit dazu. Der Missionsauftrag (Mt 28, 19-20) ist ja vor aller Verkündigung Auftrag dazu, alle zu ”Jüngern zu machen“ – griechisch ”matetes“ – also zu Lernenden.

Die Versammlung bietet dazu inmitten des Alltags eine Art ”Lernumgebung“: Zeit und Raum zum Wahrnehmen und Zuhören, zum Innehalten, zum Nachdenken über scheinbar Selbstverständliches oder Vergessenes, zum gemeinsamen Beten und Feiern.

Stärke und Risiko der Versammlung

Die Versammlung zielt nicht auf rasche und unmittelbare Ergebnisse oder Umsetzungen. Das ist ihre Stärke – und ihr Risiko. Ungeplantes kann geschehen, Konflikte können auftauchen, Fragen gestellt werden, für die es nicht sofort Lösungen, Antworten gibt. Unzufriedenheit, weil nicht sofort etwas geschieht.

Hier ist einerseits disziplinierte Leitung erforderlich, andererseits De-Mut und Lang-Mut aller, sowie die Bereitschaft, sich auf einen Prozess einzulassen und ihn kritisch-loyal mitzugestalten. Die erste Versammlung ist ein Schritt auf dem Weg. Zugleich sind Bischof und Projektleitung gefordert, mit den zu sichernden Ergebnissen sorgsam und verantwortungsbewusst umzugehen.

Was geschieht mit den Ergebnissen, Fragen, den Sorgen, den Wünschen? Wie geht der Prozess weiter? Hier braucht es eine kritische Auswertung, Transparenz, Kommunikation und Leitung.

Die Versammlung ist theologisch gesehen, eine Chance, zu hören, was der Geist den Gemeinden sagen möchte. Ob dies gelingt, hängt auch davon ab, was alle Teilnehmenden mit- und einbringen.    
    Regina Polak

15.10.2009

Kurz notiert

„Stolz, Christ zu sein”

Für Popsänger Justin Bieber wäre die Welt ohne Jesus Christus „ein verlorener Ort”: „Ich bin stolz, Christ zu sein”, sagte der 17-Jährige der deutschen Zeitung „Bild am Sonntag”.

Er bete jeden Tag, so der Sänger, der neuerdings eine Tätowierung mit dem Antlitz Jesu nach einem Rubens-Gemälde auf der linken Wade trägt. Auch vor jedem seiner Auftritte spreche er Gebete auf Englisch und Hebräisch.

Das gebe ihm „die Kraft, die ich brauche, um jeden Tag alles geben zu können”. Zu Hause in Kanada gehe er, meist mit seinem Vater, regelmäßig in den Gottesdienst.