”Schluss mit liberalistischer bürgerlicher Eleganz!“ © rupprecht@kathbild.at

Die ”Neuen Atheisten“ fürchten einen neuen Fundamentalismus und greifen auch die katholische Kirche an.

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Öffentliches Auftreten von Christen als Ärgernis für Atheisten. Im Bild: Schweigemarsch von ”Christian Solidarity International Österreich“.

Seit dem ”Gotteswahn“, mit dem der Biologe Dawkins einen Bestseller landete, wird es unter intellektuellen Menschen ohne religiöses Bekenntnis zunehmend Mode, sich als ”Neue Atheisten“ zu verstehen und Religionen, Kirchen und Religionsgemeinschaften anzugreifen. Da in Österreich die meisten Menschen katholisch sind, nehmen sie sich die katholische Kirche vor.

”Schluss mit der liberalistischen bürgerlichen Eleganz gegenüber Religionen“, sagte der Wiener Journalist Robert Misik, als er vor wenigen Tagen sein bei Ueberreuter erschienenes Buch ”Gott behüte“ präsentierte. Erstes Ziel: Es müsse verhindert werden, dass Menschen aus ihrer religiösen Überzeugung politisch handeln. Es könne zwar ”jeder glauben, wozu er lustig ist“, ein Glaube an Gott dürfe aber ”keine praktische öffentliche Seite“ haben. Selbst das vom Theologen Hans Küng  propagierte ”Weltethos“ lehnt er als Richtschnur politischen Handelns ab: ”Auch das Weltethos ist von Religionen getragen.“ 

Um ethisch zu handeln, brauche es keine Religionen, meint Misik: Ethisch sein könne man ohne religiöse Quelle. Auch hier folgte er Dawkins Ansicht, der Religionen die ihnen zugeschriebene Nützlichkeit als Moralerzeuger abspricht. Ganz im Gegenteil, meint Misik: ”Dass gute Menschen etwas Böses tun, dafür ist Religion eine gute Voraussetzung.“
Woher aber kommen die moralischen Normen, Werte und Vorbilder, die Menschen zum Handeln brauchen, sie sie inspirieren und motivieren? ”Der einzige nicht-religiöse ethische Entwurf in der westlichen Geschichte ist die griechische Ethik, die dann durch Jahrhunderte christlicher Ethik teils übernommen, teils verfeinert und weitergedacht wurde“, sagt die Sozialethikerin Ingeborg Gabriel: ”Auch die großen Denker der Aufklärung standen auf den Schultern des Christentums.“


Hetze braucht keine Religion

Global gesehen werden heute die meisten Menschen religiös sozialisiert. Das heißt, dass sie aus den Religionen lernen, was gut und schlecht, menschlich und unmenschlich ist. Selbst das Ethos der Aufklärung, dem vor allem die Einpflanzung der politischen Institutionen der Menschenrechte und der Demokratie zuzuschreiben ist, ”braucht für seine Durchsetzung religiöse Werte, die seinen Humanismus, seine Orientierung am Menschen, stützen“, sagt Gabriel im Gespräch mit dem ”Sonntag“.

Misiks Einwand, dass Religionen abgrenzen, Hetze verbreiten und als Richtschnur politischen Handelns ungeeignet seien, entgegnet Gabriel: ”Leider hat die Geschichte gezeigt, dass Menschen aller Zeiten einander ausgrenzen, missachten und ermorden – dazu brauchen sie die Religionen nicht.“ Diese Tatsache sei ”das eigentlich Schreckliche“, stellt Gabriel fest.


Freiheit im Handeln

”Christen haben erst spät begriffen, dass es ein Missbrauch der Staatshoheit und eine Beleidigung Gottes ist, wenn staatliche oder kirchliche Gewalt im Kampf zwischen Konfessionen und Überzeugungsgemeinschaften eingesetzt wird“, betont der Politikwissenschaftler Heinrich Schneider.

Die Überwindung dieses Missbrauchs kam den Glaubenden und den Nichtglaubenden zugute – auch den Kirchen: Auf dieser Überwindung beruht die Glaubens- und Gewissensfreiheit.

Misiks negatives Urteil über politisches Handeln aus religiöser Überzeugung hält Schneider im Gespräch mit dem ”Sonntag“ für ”unsinnig“. Zwar sei die Trennung von Kirche und Staat – also die konfessionelle Überparteilichkeit des Staates – ”gut und richtig“. Etwas anderes sei ”die Meinungs- und Überzeugungsfreiheit im öffentlichen Raum der Gesellschaft. Sie gehört zur Demokratie“, sagt Schneider.

Religiöse Überzeugungen aus dem öffentlich-gesellschaftlichen Raum zu verbannen – das wäre laut Schneider ”ein neuer Totalitarismus: Dann würde nur eine einzige Weltanschauung politisch erlaubt, die antireligiöse“.

Zu Misiks These, Glaubende würden letztlich stets argumentieren: ”Gott will es so!“, meint Schneider: ”Nach dem Glauben der Christen will Gott die Menschenwürde, er hat den Menschen mit Freiheit begabt; in anderen Religionen ist das anders.“
 

Wie Christinnen und Christen reagieren

Daß die ”Neuen Atheisten“ sich massiv zu Wort melden, hat mehrere Gründe. Einer davon: Sie fürchten das Aufkommen eines neuen Fundamentalismus nicht nur im Islam, sondern auch in christlichen Gruppierungen.

Wie sollten Christinnen und Christinnen darauf reagieren? Heinrich Schneider: ”Sie sollten ihre Glaubensüberzeugungen und die daraus folgenden Vorstellungen, etwa über Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, auch öffentlich vertreten; sie sollten sich bemühen, diese Ideen auch Menschen einleuchtend zu machen, die ihren Glauben nicht teilen.“
Schneiders Nachsatz: ”In einer Sprache, die andere verstehen!“      
   





Diesen Bericht von Gabriele Neuwirth lesen Sie auf Seite 3 der aktuellen Ausgabe von "Der Sonntag" Nr. 14, vom 6. 4. 2008 (erhältlich in Ihrer Kirche).

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