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Seit dem ”Gotteswahn“, mit dem der Biologe Dawkins einen Bestseller landete,
wird es unter intellektuellen Menschen ohne religiöses Bekenntnis zunehmend
Mode, sich als ”Neue Atheisten“ zu verstehen und Religionen, Kirchen und
Religionsgemeinschaften anzugreifen. Da in Österreich die meisten Menschen
katholisch sind, nehmen sie sich die katholische Kirche vor.
”Schluss mit der liberalistischen bürgerlichen Eleganz gegenüber
Religionen“, sagte der Wiener Journalist Robert Misik, als er vor wenigen
Tagen sein bei Ueberreuter erschienenes Buch ”Gott behüte“ präsentierte.
Erstes Ziel: Es müsse verhindert werden, dass Menschen aus ihrer religiösen
Überzeugung politisch handeln. Es könne zwar ”jeder glauben, wozu er lustig
ist“, ein Glaube an Gott dürfe aber ”keine praktische öffentliche Seite“
haben. Selbst das vom Theologen Hans Küng propagierte ”Weltethos“
lehnt er als Richtschnur politischen Handelns ab: ”Auch das Weltethos ist
von Religionen getragen.“
Um ethisch zu handeln, brauche es keine Religionen, meint Misik: Ethisch
sein könne man ohne religiöse Quelle. Auch hier folgte er Dawkins Ansicht,
der Religionen die ihnen zugeschriebene Nützlichkeit als Moralerzeuger
abspricht. Ganz im Gegenteil, meint Misik: ”Dass gute Menschen etwas Böses
tun, dafür ist Religion eine gute Voraussetzung.“
Woher aber kommen die moralischen Normen, Werte und Vorbilder, die Menschen
zum Handeln brauchen, sie sie inspirieren und motivieren? ”Der einzige
nicht-religiöse ethische Entwurf in der westlichen Geschichte ist die
griechische Ethik, die dann durch Jahrhunderte christlicher Ethik teils
übernommen, teils verfeinert und weitergedacht wurde“, sagt die
Sozialethikerin Ingeborg Gabriel: ”Auch die großen Denker der Aufklärung
standen auf den Schultern des Christentums.“
Hetze braucht keine Religion
Global gesehen werden heute die meisten Menschen religiös sozialisiert. Das
heißt, dass sie aus den Religionen lernen, was gut und schlecht, menschlich
und unmenschlich ist. Selbst das Ethos der Aufklärung, dem vor allem die
Einpflanzung der politischen Institutionen der Menschenrechte und der
Demokratie zuzuschreiben ist, ”braucht für seine Durchsetzung religiöse
Werte, die seinen Humanismus, seine Orientierung am Menschen, stützen“, sagt
Gabriel im Gespräch mit dem ”Sonntag“.
Misiks Einwand, dass Religionen abgrenzen, Hetze verbreiten und als
Richtschnur politischen Handelns ungeeignet seien, entgegnet Gabriel:
”Leider hat die Geschichte gezeigt, dass Menschen aller Zeiten einander
ausgrenzen, missachten und ermorden – dazu brauchen sie die Religionen
nicht.“ Diese Tatsache sei ”das eigentlich Schreckliche“, stellt Gabriel
fest.
Freiheit im Handeln
”Christen haben erst spät begriffen, dass es ein Missbrauch der Staatshoheit
und eine Beleidigung Gottes ist, wenn staatliche oder kirchliche Gewalt im
Kampf zwischen Konfessionen und Überzeugungsgemeinschaften eingesetzt wird“,
betont der Politikwissenschaftler Heinrich Schneider.
Die Überwindung dieses Missbrauchs kam den Glaubenden und den
Nichtglaubenden zugute – auch den Kirchen: Auf dieser Überwindung beruht die
Glaubens- und Gewissensfreiheit.
Misiks negatives Urteil über politisches Handeln aus religiöser Überzeugung
hält Schneider im Gespräch mit dem ”Sonntag“ für ”unsinnig“. Zwar sei die
Trennung von Kirche und Staat – also die konfessionelle Überparteilichkeit
des Staates – ”gut und richtig“. Etwas anderes sei ”die Meinungs- und
Überzeugungsfreiheit im öffentlichen Raum der Gesellschaft. Sie gehört zur
Demokratie“, sagt Schneider.
Religiöse Überzeugungen aus dem öffentlich-gesellschaftlichen Raum zu
verbannen – das wäre laut Schneider ”ein neuer Totalitarismus: Dann würde
nur eine einzige Weltanschauung politisch erlaubt, die antireligiöse“.
Zu Misiks These, Glaubende würden letztlich stets argumentieren: ”Gott will
es so!“, meint Schneider: ”Nach dem Glauben der Christen will Gott die
Menschenwürde, er hat den Menschen mit Freiheit begabt; in anderen
Religionen ist das anders.“
Wie Christinnen und Christen reagieren
Daß die ”Neuen Atheisten“ sich massiv zu Wort melden, hat mehrere Gründe.
Einer davon: Sie fürchten das Aufkommen eines neuen Fundamentalismus nicht
nur im Islam, sondern auch in christlichen Gruppierungen.
Wie sollten Christinnen und Christinnen darauf reagieren? Heinrich
Schneider: ”Sie sollten ihre Glaubensüberzeugungen und die daraus folgenden
Vorstellungen, etwa über Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, auch
öffentlich vertreten; sie sollten sich bemühen, diese Ideen auch Menschen
einleuchtend zu machen, die ihren Glauben nicht teilen.“
Schneiders Nachsatz: ”In einer Sprache, die andere verstehen!“
Diesen Bericht von Gabriele Neuwirth lesen Sie auf Seite 3 der aktuellen
Ausgabe von "Der Sonntag" Nr. 14, vom 6. 4. 2008 (erhältlich in Ihrer
Kirche).