Ausgabe Nr. 06 - 12.02.2012
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Wie Jesus die Tora auslegte
Nach den Evangelien hat Jesus die Tora, das jüdische Gesetz, keineswegs abgeschafft, sondern im Kontext des Judentums ausgelegt.

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Die Tora-Rolle wird in feierlicher Prozession in die Synagoge getragen.

„Antithesen” nennt man sie häufig – jene Abschnitte der Bergpredigt, in denen Jesus aus der Tora zitiert, um dann anzufügen: „Ich aber sage euch ...” Lang herrschte die Meinung vor, Jesus habe damit dem jüdischen Gesetz die Botschaft des Reiches Gottes entgegengesetzt.

Dem ist aber keineswegs so. Die Zeitschrift „Bibel und Kirche” widmet sich in der aktuellen Ausgabe (BiKi 1/2010) der Tora und fasst Forschungsergebnisse zusammen, die eine andere Sicht auf die Botschaft Jesu im Kontext des damaligen Judentums ermöglichen.

Tora schlicht mit „Gesetz” wiederzugeben, führt leicht zu Missverständnissen: Denn die „Fünf Bücher Mose” sind kein „Gesetzbuch” in unserem heutigen Sinn. Sie bieten mit Erzählungen und rechtlichen Teilen „Orientierung an der Weisung Gottes” und ermöglichen „ein gelungenes und gerechtes Leben unter dem Segen JHWHs”, schreibt der Theologe Andreas Hölscher im Editorial des Heftes.

Die Tora wird nicht als rein juristisches Werk verstanden, sondern die „Freude an der Weisung des Herrn” steht im Mittelpunkt. An „Simchat Tora”, dem Fest der Torafreude im Oktober, wird dies auch gebührend gefeiert, betont Hölscher.

Die mündliche Tora

Die verschriftlichte Tora wurde und wird im Judentum immer im Kontext von Gruppen und Traditionen vermittelt: Das „Lehren und Lernen der Tora” bedeutet eine ständige Aktualisierung, eine Übersetzung ins konkrete Leben durch Auslegung der Texte: Diese „mündliche Tora”, die überlieferte Ausdeutung, die den Schlüssel für das Verständnis der schriftlichen Tora liefert,  gilt ebenso als am Sinai von Gott geoffenbart.

In diesem Zusammenhang ist auch die Predigt Jesu zu sehen: Für Jesus als Jude war die Tora – die schriftliche wie die mündliche – als Weisung Gottes zentral. Er tritt im Sinne jüdischer Tradition als Ausleger der Tora auf: Bestimmten Auslegungen stand er kritisch gegenüber, vor allem aber dem Missstand, sich auf die Tora zu berufen, aber nicht nach ihr zu handeln.

„Kein Strichlein aus der Tora” werde vergehen, sagt Jesus in der Bergpredigt (Mt 5,18). Dazu ist es kein Widerspruch, dass er die Tora zusammenfassen und inhaltlich gewichten konnte, wie der emeritierte Neutestamentler in Bochum, Prof. Klaus Wengst, in seinem Artikel aufzeigt.

So konnte Jesus in der Goldenen Regel oder im Doppelgebot von Gottes- und Nächstenliebe die Tora zusammenfassen und dadurch „den Einzelgeboten Richtung und Linie geben” – was guter jüdischer Auslegungstradition entsprach.

Vom aramäisch-hebräischen Sprachhintergrund erläutert Wengst, dass die Übersetzung der Wendung „Ich aber sage euch ...” aus dem griechischen Text des Neuen Testaments  nicht schlüssig sei: Ein Gegensatz zwischen Tora-Geboten und dem Wort Jesu sei in der Bergpredigt nicht intendiert.

Denn Jesus zitiere zuerst die Tora, um dann ihren Sinn freizulegen und sie in ihrer Bedeutung für das konkrete Leben zu aktualisieren.

Für Christen ist die Tora nicht in allen Einzelgeboten verbindlich, wohl aber in ihren großen Linien als „Weisung des Herrn”: Wichtige Texte in der kirchlichen Liturgie stammen aus ihr. Die Zeitschrift „Bibel und Kirche” macht deutlich: Wenn sich Christen mehr mit der Tora als Wort Gottes im Licht der Auslegung Jesu befassen, bringt sie das den eigenen jüdischen Wurzeln näher und eröffnet zugleich neue Perspektiven im Gespräch mit dem Judentum.

(red)

11.03.2010